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Daniel Rouxel ist "endlich kein Bastard mehr"

Frankreichs Kriegskinder  

Daniel Rouxel ist "endlich kein Bastard mehr"

06.08.2009, 12:47 Uhr | Kerstin Löffler, AFP, AFP

Paris am 25. August 1944, dem Tag der Befreiung (Foto: dpa)Paris am 25. August 1944, dem Tag der Befreiung (Foto: dpa)

Mit Tränen in den Augen hält Daniel Rouxel die deutsche Einbürgerungsurkunde in der Hand. Auf diesen Moment hat der 66-jährige Franzose seit Jahren gehofft. "Jetzt bin ich auch Deutscher", sagt Rouxel an diesem heißen Sommertag vor dem deutschen Konsulat in Paris. "Ich bin kein Bastard mehr. Die zweite Hälfte meiner Identität ist endlich anerkannt."

Der Franzose ist eines von bis zu 200.000 "Kriegskindern" - Kinder, die im Zweiten Weltkrieg aus Beziehungen von Französinnen mit deutschen Soldaten hervorgegangen sind. Und er ist der erste von ihnen, der die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hat.


"Bastarde" und "Hurenkinder" genannt

Zu lange seien sie beschimpft worden als "Bastarde" und "Hurenkinder", sagt Rouxel, der im April 1943 in Paris geboren ist - im anonymen Paris, weil seine Mutter die Schande nicht ertragen habe, das Kind eines Deutschen in ihrem kleinen bretonischen Dorf zur Welt zu bringen. Bestenfalls hätten sie sich dort das Maul zerrissen über sie. Vielleicht hätten sie ihr, der "Hure", den Kopf geschoren und sie halbnackt durch den Ort gejagt - wie es nach dem Krieg vielen Französinnen ergangen ist, die sich der "horizontalen Kollaboration" schuldig gemacht hatten. "Auch meine Mutter hat eine Katastrophe durchlebt", sagt der grauhaarige Mann. Strohblond wie er als Kind gewesen sei, habe man ihm den deutschen Vater ohnehin angesehen.

In Geburtsurkunde steht "Vater unbekannt"

Dennoch steht in seiner Geburtsurkunde "Vater unbekannt", und lange Zeit habe er gedacht, "ein Kriegsunfall" zu sein, erklärt Rouxel. Seine Mutter habe ihn nach der Geburt ins Heim gegeben, dann sei er zu Pflegeeltern gebracht worden. Mit vier Jahren habe er zu seiner Großmutter gemusst - zu einer Frau, die sich von ihm mit "Sie" anreden ließ und sich jede Berührung geschweige denn Umarmung von ihm verbat. "Sie sperrte mich lieber nachts in den Hühnerstall ein", berichtet Rouxel. Seine Mutter habe er einmal im Jahr gesehen. Noch schlimmer, als nicht geliebt zu werden, sei für ihn, "nicht lieben zu können, weil dieses Gefühl von den anderen zurückgewiesen wird".

Rouxel idealisierte seinen Vater

Erst in den letzten Lebensjahren seiner Mutter habe er erfahren, dass sein Vater und sie sich geliebt hätten und zusammenbleiben wollten, berichtet Rouxel, der heute mit seiner zweiten Frau in Le Mans im Nordwesten des Landes lebt. "Seitdem weiß ich, dass ich ein Kind der Liebe bin, die durch den Krieg unmöglich geworden ist." Der Wehrmachtssoldat Otto Ammon starb in Frankreich, die Mutter blieb "am Boden zerstört" zurück, und für das gedemütigte, verstoßene Kind wuchs der Vater zu einem Halbgott heran. "Ich habe ihn idealisiert, auf einen Sockel gestellt", sagt Rouxel.

Durfte nicht bei deutschen Verwandten aufwachsen

Erst als er Mitte der 90er Jahre die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt habe, um endlich als Kind seines Vaters anerkannt zu werden, sei ihm bewusst geworden, dass er nicht alleine sei. Dass es zehntausende weitere "Kinder der Schande" und "Scheißdeutschenkinder" gebe. Nur wenige von ihnen wollen aber auch die Nationalität ihres Vaters annehmen, und nicht jeder hat das Glück, seine Herkunft wie Rouxel genau belegen zu können. Er hat die Familie seines Vaters nach dessen Tod kennengelernt und sie habe ihn mit offenen Armen aufgenommen, berichtet er. Dass er bei der deutschen Verwandtschaft aufwuchs, habe seine Mutter aber nicht gewollt.

"Ich bin ein glücklicher Mann"

"Ganz begriffen habe ich es noch gar nicht", sagt Rouxel nach einer bewegenden Zeremonie im Konsulat. Er habe nicht ernsthaft damit gerechnet, dass seine Abstammung eines Tages amtlich anerkannt würde, und er danke Deutschland für seine "Großzügigkeit". Seine Kindheit sei traurig gewesen, vergessen werde er die Demütigungen und Verletzungen nicht. Aber die Freude über die zweite Staatsangehörigkeit lindere den Schmerz. "Ich bin ein glücklicher Mann," sagt Rouxel. In vier bis sechs Wochen bekomme er seinen deutschen Personalausweis.

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