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RAF - Schleyer-Ermordung: Polizist Ferdinand Schmitt hätte ein Held werden können

Ferdinand Schmitt  

Der verhinderte Held der Schleyer-Entführung

04.09.2007, 13:40 Uhr | Von Georg Ismar, dpa, t-online.de

Ferdinand Schmitt vor dem Haus, in dem die RAF Schleyer gefangen hielt (Quelle: dpa)Ferdinand Schmitt vor dem Haus, in dem die RAF Schleyer gefangen hielt (Quelle: dpa) Ferdinand Schmitt hätte ein Held werden können. So dicht wie der Dorfpolizist aus Erftstadt-Liblar bei Köln war 1977 niemand der Roten Armee Fraktion auf den Fersen. "Hanns Martin Schleyer könnte noch leben", sagt der frühere Polizeibeamte heute. Er hatte unter den tausenden Hinweisen den richtigen Tipp auf das "Volksgefängnis" gegeben, wo die RAF den Arbeitgeberpräsidenten gefangen hielt. Aber Schmitts Fernschreiben mit dem Hinweis auf die Wohnung am Renngraben 8 versandete - irgendwo auf dem Dienstweg zwischen Hürth und Köln.

Verhängnisvolle Polizeipanne
Es war eine der größten Polizeipannen der Nachkriegsgeschichte. Nun, da sich der Deutsche Herbst zum dreißigsten Mal jährt, kommen die Gedanken bei dem 77-Jährigen wieder hoch. Gelegentlich kehrt er zurück zu dem Gebäude, das seit 30 Jahren nur noch als "Schleyer-Hochhaus" firmiert. "Da haben sie ihn eingesperrt", sagt Schmitt und zeigt auf den Balkon im dritten Stock.

Versteckt in anonymem Hochhaus
Rückblick 1977: Deutschland gleicht nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer am 5. September in Köln einem Hochsicherheitstrakt. Im Großraum Köln schwärmen hunderte Polizeibeamte aus, um Wohnungen zu finden, die in das RAF-Raster passen. Das Haus "Zum Renngraben 8" in Erftstadt-Liblar mit knapp 130 Wohnungen erfüllt alle Kriterien: Anonym, in unmittelbarer Nähe zur Autobahn gelegen und mit einer Tiefgarage und Lift ausgestattet.

Zum Stöbern und NachlesenZum Stöbern und Nachlesen Verdächtige Mieterin
Während Schmitt am 7. September Hausmeister Korn nach Auffälligkeiten bei Anmietungen in letzter Zeit fragt, wird in Appartement 104 Schleyer gefilmt. Er fleht, die Forderungen der Terroristen zu erfüllen. Als Schmitt mit der Hausverwaltung spricht, riecht er sofort Lunte: Die 800 Mark Kaution waren von einer Frau namens Annerose Lottmann-Bücklers mit einem Bündel Geldscheine bar bezahlt worden. Und beim Einzug wurden keine Möbel in die Wohnung getragen.

Hinweis als "nicht relevant eingestuft"
Annerose Lottmann-Bücklers war in Wahrheit die damalige RAF-Terroristin Monika Helbing. Schmitt lässt am Nachmittag Fernschreiben Nummer 7 absetzen, doch dann passiert das Unglaubliche: nichts. Ein Kollege von der Dienstelle Hürth sagt ihm später: "Ferdi, der Hinweis ist als nicht relevant eingestuft worden." Man sieht Schmitt an, wie es in ihm arbeitet, als er den Satz wiederholt.

Pässe für die RAF?
Schon bei einer schnellen Überprüfung des Namens Lottmann-Bücklers, der auch auf dem Klingelschild stand, hätte das vom damaligen BKA-Präsidenten Horst Herold entwickelte Computersystem PIOS (Personen, Institutionen, Objekte, Sachen) Alarm ausgelöst. Annerose Lottmann-Bücklers hatte binnen kurzer Zeit vier Mal den Personalausweis und zwei Mal den Reisepass als gestohlen gemeldet. Es wurde vermutet, dass sie die Pässe der RAF zur Verfügung stellte und die Terroristen ihre Identität für Anmietungen benutzten.

Ermittlung auf eigene Faust
Als keine Reaktion der höheren Dienststelle erfolgt, will Schmitt Strom und Wasser in der Wohnung Nummer 104 sperren lassen, um die Terroristen aus ihrem Versteck zu locken. Doch das wird ihm strikt untersagt. Einmal klingelt er sogar an der Haustür. Durch den Spion sehen ihn die Terroristen sicherlich - aber die Tür bleibt zu.

Operation "Big Raushole"
Sechs Wochen später, am 19. Oktober, wird die Leiche Schleyers im Kofferraum eines Audis im französischen Mülhausen gefunden. Die Operation "Big Raushole" zur Freipressung führender RAF-Mitglieder wie Andreas Baader, Jan-Carl Raspe oder Gudrun Ensslin war mit der gescheiterten Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" endgültig fehlgeschlagen.

Verbittert über die "von oben"
Ferdinand Schmitt wurde nicht zum Retter von Hanns Martin Schleyer. Noch heute ist der ehemalige Polizist verbittert über die Anordnungen und Maßregelungen "von oben", von der "hochheiligen Soko in Köln", vom fehlenden Vertrauen in die ortskundigen Beamten. Ob er jemals eine Entschuldigung von offizieller Seite erhalten hat? "Nein", sagt Schmitt. "Die hätte ich auch nicht angenommen."

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