Sie sind hier: Home > Politik >

Terrorismus - RAF: Die Todesnacht in Stammheim

Selbstmord  

Die Todesnacht in Stammheim

21.02.2007, 14:24 Uhr | t-online.de

Zahlreiche Trauergäste nehmen auf dem Stuttgarter Dornhalden-Friedhof Abschied von den drei RAF-Toten (Quelle: dpa)Zahlreiche Trauergäste nehmen auf dem Stuttgarter Dornhalden-Friedhof Abschied von den drei RAF-Toten (Quelle: dpa) Was passierte in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 im siebten Stockwerk des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim? Scheinbar liegen die Fakten auf der Hand. Doch es gibt auch 30 Jahre später immer noch und immer wieder Menschen, die das offizielle Untersuchungsergebnis nicht wahrhaben wollen und anzweifeln. Was also passierte in jener Nacht im Hochsicherheitstrakt, in dem eine Gruppe von vier RAF-Gefangenen untergebracht war?

Das Frühstück wird nicht angerührt
Zwei Vollzugsbeamte machen sich an diesem Morgen so wie an anderen Tagen auch auf den Weg in den Terroristen-Trakt. Sie wollen den RAF-Gefangenen ihr Frühstück bringen. Sie haben einen Wagen mit Kaffee, Graubrot und einem gekochten Ei dabei. Bevor sie die einzelnen Zellen nacheinander aufschließen, ziehen sie die Jalousien hoch und lassen Licht in den Zellenflur. Dann nehmen sie die mit Schaumstoff überzogenen Spanplatten von allen Zellentüren weg. Die stehen dort immer in der Nacht, um Sprechkontakte zwischen den Gefangenen zu verhindern.

Blutüberströmter Raspe auf seinem Bett
Um 7.41 Uhr sind sie so weit, dass sie den Schlüssel in die Tür mit der Nummer 716, in der Raspe haust, stecken. Sofort beschleicht sie ein mulmiges Gefühl. Der Gefangene steht nicht so wie sonst immer direkt hinter der Tür. Das Geräusch des Aufschließens ist schon lange verklungen, die Tür steht längst offen - aber im Zelleninneren rührt sich nichts, überhaupt nichts. Das ungute Gefühl trügt nicht und wird schnell zur Gewissheit: Raspe sitzt mit ausgestreckten Beinen auf seinem Bett und blutet aus Mund, Ohren und Nase. Irgendwo in der Zelle liegt eine Pistole. Die Gefängnissanitäter
und ein Notarztwagen werden alarmiert, doch die medizinische Hilfe kommt zu spät: Raspe stirbt auf dem Weg in den Operationssaal des Katharinenhospitals.


Toter Baader auf dem Zellenfußboden
Nach der Aufregung um Raspe und seinem Abtransport wird um 8.07 Uhr die Tür zu Baaders Zelle geöffnet. Zunächst können die Gefängnismitarbeiter gar nichts sehen. Eine von innen gegen die Tür gelehnte Schaumstoffmatratze versperrt den Blick. Auch als diese entfernt ist, lichtet sich das Dunkel kaum. Die Fenster sind verhängt. Kein Licht kann ins Zelleninnere strömen. Doch als sich die Augen der Beamten langsam an die Dunkelheit gewöhnen, erkennen sie die Umrisse eines Körpers auf dem Zellenboden. Die Gestalt liegt in einer Blutlache und bewegt sich nicht mehr. Die Sanitäter können keinen Puls erfühlen. Baaders Leben ist nicht mehr zu retten. Die inzwischen herbeigerufene Anstaltsleitung gibt die Anweisung, nichts anzurühren und die Zelle wieder zu verschließen.


Am Lautsprecherkabel aufgehängt
Die Vollzugsbeamten und Sanitäter hasten mit einer schrecklichen Vorahnung in die Zelle gegenüber. Auch hier können sie die Situation nicht auf den ersten Blick erfassen. Der Raum ist abgedunkelt. Gudrun Ensslin sitzt oder steht nirgendwo und liegt auch nicht in ihrem Bett hinter einer Art spanischen Wand. Die Wärter sind ratlos. Sie rufen ihren Namen. Immer wieder und immer lauter, aber sie erhalten keine Antwort. Die Verwunderung weicht sehr schnell einem Gefühl des Entsetzens, als sie sich umdrehen. Sie entdecken zwei Füße, die an der Wand unter einem Zellenfenster baumeln. Ensslin hängt an einem Lautsprecherkabel. Der Anstaltsarzt kann nur noch den Tod feststellen.


Schwer verletzte Möller in ihrem Bett
Die Beamten eilen weiter zur Zelle der letzten RAF-Gefangenen. Irmgard Möller finden sie sofort. Aber auch hier scheint etwas nicht zu stimmen. Sie liegt zwar in ihrem Bett - aber völlig zusammengekrümmt. die Decke hat sie bis zum Kinn hochgezogen. Als ihr die Sanitäter diese wegziehen, entdecken sie Blut und mehrere Stichverletzungen. Rechts von ihrer Matratze liegt ein blutverschmiertes Messer auf dem Fußboden - ein normales, oben abgerundetes Besteckmesser mit Wellenschliff. Irmgard Möller wird schnellstmöglich mit einem Notarztwagen ins Robert-Bosch-Krankenhaus gebracht. Hier stellen die Ärzte fest, dass sie vier eineinhalb bis zwei Zentimeter tiefe Stiche hat, von denen einer Herzbeutel und Lungen getroffen hat. Sie überlebt als einzige die Todesnacht in Stammheim.


Eine Meldung im Deutschlandfunk
Am Abend vor jenem grausigen Morgen hatten sich Raspe und Baader um 23 Uhr Medikamente geben lassen - Hustensaft und Schmerzmittel. Das ist der letzte Kontakt, den die Terroristen zu den Wachhabenden in Stammheim vor ihrem Tod hatten. In den knapp neun Stunden bis 7.41 Uhr geht das Leben von drei Menschen jäh zu Ende. Im fernen Mogadischu hatte in dieser Nacht die GSG 9 die Lufthansa-Maschine "Landshut" gestürmt. Darüber berichtet der Deutschlandfunk um 0.38 Uhr ganz nüchtern und sachlich: "Die von Terroristen in einer Lufthansa-Boeing erführten 86 Geiseln sind alle glücklich befreit worden. Dies bestätigt ein Sprecher des Bundesinnenministeriums soeben in Bonn. Nach den ersten Informationen sollen drei Terroristen getötet worden sein."


Das offizielle Untersuchungsergebnis
Für die Ermittler vor Ort ergeben die äußeren Umstände ein klares Bild: Raspe hatte ein kleines Transistorradio. Nachdem er im Radio die Nachricht gehört hat, informiert er seine Mitgefangenen. Das soll über eine Wochen zuvor eingerichtete Anlage möglich gewesen sein. Die funktionierte über die Koppelung der Rundfunkdrähte mit dem Rasierstromnetz. Für eine Kommunikation mussten nur noch Sender und Empfänger angeschlossen werden, also Lautsprecher und Kopfhörer der Stereoanlagen. Mit der Hilfe dieses eher ungewöhnlichen Kommunikationsmittels verständigen sich in den
Stunden nach der Meldung des Deutschlandfunks die vier RAF-Häftlinge auf einen gemeinsamen Selbstmord.


Eine verfahrene, hoffnungslose Situation
Dass sich die RAF-Gefangenen selbst umgebracht haben, lässt sich kaum bestreiten. Schließlich waren sie völlig erschüttert. In diesem Moment hatten sie die Hoffnung verloren, jemals wieder ein Leben außerhalb der dicken Gefängnismauern führen zu können. Die Entführung der Lufthansa-Maschine war gescheitert. Sie würden nicht gegen die Geiseln ausgetauscht und nicht in ein fernes Land geflogen werden. Die Bundesregierung würde sich von ihnen nicht erpressen lassen. Die drei kargen Sätze im Deutschlandfunk müssen ihnen die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Lage mit einem Schlag bewusst gemacht haben.


Einmal noch handeln
Sich selbst umzubringen und damit wenigstens noch ein einziges Mal das Heft des Handelns in der Hand zu haben, war nicht nur eine fixe Idee, sondern ließ sich auch in die Tat umsetzen. Raspe und Baader hatten schon seit längerem Pistolen in ihren Zellen versteckt. Raspes war angeblich hinter einer Fußleiste verstaut, Baaders in seinem Plattenspieler. Die Frauen mussten zu anderen Mitteln greifen. Der Gedanke an Selbstmord dürfte für die RAF-Gefangenen auch nicht völlig neu gewesen sei. Sie sollen bereits mehrfach damit gedroht haben.


Möllers Version von der Todesnacht
Irmgard Möller erzählt die Geschichte jener Nacht anders. Sie hat in diesen Stunden angeblich nur vor sich hin gedöst. Um fünf Uhr will sie ein dumpfes Knallen gehört haben. Die Geräusche kann sie nicht einordnen, sagt sie. Sie sei wieder eingeschlummert. "Plötzlich sackte ich weg und verlor das Bewusstsein, es ist alles sehr schnell gegangen. Mein letzter sinnlicher Eindruck, an den ich mich erinnere, war ein sehr starkes Rauschen im Kopf. Ich hatte keine Person gesehen und keine Zellenöffnung bemerkt.“ Nach ihren eigenen Angaben wacht sie erst wieder auf, als sie aus der Haftanstalt herausgetragen wird. Sie will Stimmen gehört haben, die sagten: "Baader und Ensslin sind kalt." Vor dem Staatsanwalt wird Möller nicht müde zu betonen: "Ich habe weder einen Selbstmordversuch begangen noch intendiert. Auch eine Absprache über einen kollektiven Selbstmord hat es nicht gegeben."

Viel Raum für Spekulationen
Möllers Erzählungen beflügelten zum Teil bis heute noch die Phantasie von RAF-Sympathisanten. Trotz der eilends extra aus dem Ausland eingeflogenen Gerichtsmediziner, die die Todesumstände untersucht haben, gibt es immer wieder Menschen, die Zweifel an der offiziellen Version anmelden. Es wird hinterfragt, ob die Untersuchung genau genug
war. Nimmt man zum Beispiel den Tod von Gudrun Ensslin. Hier wird kritisiert, dass kein Histamintest gemacht wurde und nur ein solcher mit Sicherheit hätte ausschließen können, dass sie nicht erst getötet und dann aufgehängt wurde. Als falsch wird auch bewertet, dass Ensslins Leiche sofort abgebunden wurde. So hätte nicht mehr rekonstruiert werden können, woher die zahlreichen leichten Verletzungen und Blutergüsse an ihrem Körper stammten.


Das Motiv für einen Mord fehlt
Diese laut geäußerten oder nur im Stillen bedachten Zweifel bildeten schon damals den Nährboden für immer neue Mythen. Aber wenn Möller und die RAF-Sympathisanten Recht haben sollten: Wem hätte es gelingen können, sich unbemerkt in den Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses zu schleichen und wer hätte ein Motiv für einen Mord gehabt? Auf diese Fragen können die Anhänger der Mord-Theorie keine schlüssigen Antworten geben. So bleibt wohl doch nur als Erklärung übrig, dass die RAF-Gefangenen freiwillig aus dem Leben schieden. Baader, Ensslin und Raspe hatten als Teil der "kleinsten
Armee der Welt" zum Kampf gegen den Staat aufgerufen und hatten ihren Kampf in diesem Moment verloren. Neun Tage nach jenem grausigen Morgen in der Haftanstalt Stammheim werden die drei bis dahin führenden RAF-Mitglieder in einem Gemeinschaftsgrab in Stuttgart beerdigt.


Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkenbonprix.deOTTOhappy-sizetchibo.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal