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Organisierte Kriminalität in Europa: High Noon im Kosovo

Organisiertes Verbrechen in Europa  

High Noon im Kosovo

20.09.2008, 12:51 Uhr | t-online.de

Von Christian Kreutzer


Gangster Sekiraca: nach Polizistenmord auf der Flucht (Foto: Interpol)Gangster Sekiraca: nach Polizistenmord auf der Flucht (Foto: Interpol) Das Leben von Triumf Riza endete in aller Öffentlichkeit: Es war früher Nachmittag als der 28-jährige Elitepolizist im vergangenen September in Pristina eine Straße überquerte um in seinen Range Rover zu steigen.

Noch bevor er den Wagen erreicht hatte, kam aus der nahe gelegenen „Queens Bar“ ein junger Mann auf Riza zugestürmt. Er zog eine Pistole und feuerte elf Kugeln in den massigen Leib des Bodybuilders. Riza starb noch am Ort des Anschlags.

Hintergrund Das Kosovo
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Spanien Italiens meistgesuchter Mafiaboss gefasst




UN-Staat in der Hand der Mafia

Der mutmaßliche Auftraggeber des Mordes, der 35-jährige Enver Sekiraca, Kopf einer Bande von Schmugglern und Schutzgelderpressern tauchte noch am selben Tag unter. Während Sekiraca flüchtete, stieg das Mordopfer in den Augen der Öffentlichkeit zum Einzelkämpfer gegen die Kosovo-Mafia auf. Tausende demonstrierten gegen das Organisierte Verbrechen, das nach Angaben von Experten und Geheimdiensten im Kosovo überraschend mächtig - und das immerhin neun Jahre nach Beginn der UN-Mission UNMIK, die das Land praktisch zu einem Protektorat der Internationalen Gemeinschaft gemacht hat.

Netzwerke aus Politikern und Kriminellen

Schon lange warnen Polizeiexperten vor den Banden in dem kleinen Staat, der nur halb so groß ist wie Hessen. Das Zentrum für Transformation der Bundeswehr kommt in einer internen Studie aus dem vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, die UNMIK habe in geradezu gigantischem Ausmaß versagt. Dank ihrer Untätigkeit werde die frühere südserbische Provinz heute von Netzwerken aus hochrangigen Politikern und internationalen Mafiabanden beherrscht. Wer sich gegen sie stellt, riskiert sein Leben. Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International sprechen von einer "Atmosphäre der Angst".

Deutsche Polizisten zu Hause bedroht

Und der Arm der Gangster reicht weit: Deutsche Kriminalbeamte, die bei der UNMIK-Polizei gedient haben, leben oft selbst nach ihrer Rückkehr nach Deutschland in einer Atmosphäre der Angst. „Ich fühle mich bedroht“, sagt ein Bundespolizist, der mehrere Jahre im Kosovo gedient hat und mittlerweile wieder in einer deutschen Großstadt Zollvergehen verfolgt. Viele seiner Kollegen, die sich im Kosovo mit Kriminellen angelegt hätten, seien identifiziert und später in ihrer eigenen Heimat bedroht worden. In einem Fall sei gar die Frau eines Beamten ermordet worden, berichtet er.

Frauen mit der Schrotflinte in der Hand gerettet

Mehrere große Clans haben im Kosovo das Sagen. Ihre Macht stammt meist aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges der Widerstandsarmee UCK gegen die serbische Unterdrückung in den Jahren 1997-99. Nur eine Minderheit der UCK-Leute sei in die Kriminalität abgerutscht, betont der für Oxford Analytica tätige Balkan-Experte und Politikberater Friedrich Christian Haas. „Viele sind sehr ehrenwerte Männer, die mit der Schrotflinte in der Hand Frauen vor der Vergewaltigung durch serbische Paramilitärs gerettet haben.“ Einigen aber sei durch den Krieg der Einstieg ins internationale Mafia-Geschäft gelungen - ihre Verwandten verdingten sich derweil in der Politik, bei der Kosovo-Polizei oder bei anderen Behörden. Diese ins Verbrechen verwickelten Familienclans versuchen überall die für Nachkriegszeiten typischen rechtsfreien Räume zu bewahren.

Drogen kommen über alte römische Handelswege

Dabei war der Weg der albanischer Mafiabanden an die Spitze der internationalen Gangstertums einfach und typisch für alle Guerillagruppen: Aus Waffenschmuggel im Krieg wurde schnell der Schmuggel mit Drogen oder Menschen – zunächst, um den Freiheitskampf zu finanzieren, dann zur bloßen Bereicherung. Schauplatz des Organisierten Verbrechens ist die Balkan-Route, in deren Zentrum das Kosovo liegt. Sie ist ein Geflecht aus alten römischen Handelswegen und osmanischen Schmuggelpfaden. Von der Türkei aus in drei Hauptrouten aufgespaltet, stellt die Balkan-Route die letzte Etappe auf dem Weg der Drogen von den afghanischen Schlafmohnfeldern zu den Drogenverkaufsplätzen Europas und Amerikas dar.

Zum groß klicken: die stark "zerfaserte" Balkan-Route in Richtung Westeuropa (Quelle der Grafik: Kroatisches Innenministerium)Zum groß klicken: die stark "zerfaserte" Balkan-Route in Richtung Westeuropa (Quelle der Grafik: Kroatisches Innenministerium)

Bestens vernetzt

Seit Jahrhunderten werden hier verbotene Güter transportiert. Doch erst mit dem Krieg, so Haas, hätten die Kosovo-Albaner gemerkt, wie gut sie durch mehrere Hunderttausend Flüchtlinge in Europa, der Türkei und den USA vernetzt seien – Zustände, von denen Kriminelle beispielsweise in Bulgarien nur träumen können. Mittlerweile, meldet Europol, hätten albanische Banden sogar kurdischen und türkischen Gruppen, die früher das Heroingeschäft dominierten, den Rang abgelaufen.

Früher Laufburschen, heute Bosse

Vor allem in Deutschlands Großstädten seien sie durch nackte Gewalt ganz nach oben gekommen, berichtet Europol. In Italien kontrollierten albanische Gruppen - früher die Laufburschen italienischer Familien wie der kalabrischen 'Ndrangheta und der apulischen Sacra Corona Unita - zahlreiche Rotlichtviertel. Selbst in New York hätten mehrere große albanische Gruppen die traditionellen fünf Familien der amerikanischen Cosa Nostra an die Wand gedrückt, meldet das FBI.

Kokain als neuer Geschäftszweig

80 Prozent des afghanischen Rohopiums – immerhin 90 Prozent der weltweiten Produktion – kämen über die Balkan-Route nach Europa und von dort in die Überseehäfen Richtung USA, so das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC). Irgendwo entlang des Weges, werde die Rohmasse dann zu Heroin verkocht. Mehr als die Hälfte davon, soll mittlerweile durch das Kosovo laufen - täglich etwa vier bis fünf Tonnen Heroin, so die Schätzung. Seit einiger Zeit machten Gruppen aus dem Kosovo sogar mit südamerikanischen Drogen-Clans gemeinsame Sache beim Kokainhandel. Das Pulver aus dem Andenhochland werde über rumänische Schwarzmeerhäfen angeliefert und dort von albanischen Gangs übernommen.

Menschliche Ware auf der Balkan-Route

Auch Menschen werden auf den drei Hauptrouten durch den Balkan geschmuggelt - meist künftige Zwangsprostituierte aus Moldawien, der Ukraine, Rumänien oder Bulgarien, aber auch Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. Dazu kommt Schmuggelware wie Waffen, Zigaretten und gestohlene Autos.

Geldwäsche über Privatuniversitäten

Gewaschen werden die Drogengelder meist im Lande selbst: Rund doppelt so viele Tankstellen wie nötig gebe es entlang der großen Straßen. Meist mit angeschlossenen „Motels“ - Bordellen für Einheimische, ebenso wie KFOR- und UNMIK-Leute. Hotels, in denen niemand wohne und über 30 „Privatuniversitäten“, in denen allerdings niemand ein ernst zu nehmendes Diplom erwerben könne, dienten ebenfalls häufig als Geldwaschanlage, so der Balkan-Berichterstatter Norbert Mappes-Niedik.

...zum zweiten Teil...


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