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Mafia-Kenner Wolfgang Hetzer: "Gewaltanwendung ist ein Betriebsunfall"

Interview mit Mafia-Kenner Wolfgang Hetzer  

"Wir sind alle keine Drogenhändler"

06.10.2008, 12:21 Uhr | t-online.de

Hetzer: "Mafia ist häufig nur ein Klischee" (Quelle: imago)Hetzer: "Mafia ist häufig nur ein Klischee" (Quelle: imago)

Herr Hetzer, was ist die Mafia?

Mafia, so wie sie in Deutschland gesehen wird, ist allzu häufig nur ein Klischee. In Wahrheit ist Mafia eine Metapher oder ein Sinnbild für ein System unkontrollierter Macht. Solche Systeme kann es in der Politik, in der Wirtschaft, aber auch in der Gesellschaft geben. Dort wendet man aber nicht nur illegale Methoden an. Man verfolgt auch nicht ständig illegale Ziele. In diesem Sinn ist Mafia gewissermaßen in die bürgerliche "Wohlanständigkeit“ integriert. In deren inneren Zirkeln gibt es durchaus – zum Teil erhebliche - kriminelle Energien. Die Übergänge von legalem zu illegalem Handeln sind jedenfalls fließend geworden.

Also steht die Gewalt gar nicht im Vordergrund?

Nein. Gewaltanwendung ist ein Betriebsunfall. Sie liegt nicht im Interesse von organisierter Kriminalität, weil sie Aufsehen verursacht, weil sie Spuren schafft und weil sie unnötige Reibungsflächen bietet. Gewalt zieht Aufmerksamkeit auf sich und löst Ermittlungen aus. Im Endeffekt bringt sie nichts, sie ist wirtschaftlich unvernünftig.

Aufsehen erregt hat zum Beispiel der Spartacus-Prozess in Neapel, in dessen Verlauf mehrere Zeugen ermordet wurden. Haben denn die an einem Mafia-Prozess Beteiligten überhaupt eine Chance, diesen langfristig zu überleben?

Ganz so dramatisch ist die Lage in Deutschland - noch - nicht. Gleichwohl gibt es immer wieder Bedrohungen und auch tatsächliche Angriffe. Deshalb gibt es Zeugenschutzprogramme in unterschiedlichen Intensitätsstufen. Der Staat hat insoweit eine Fürsorgepflicht.

Was sind die Methoden der Mafia?

Mafia ist, wie bereits angedeutet, nicht reduziert auf illegales Handeln. Ihre wichtigste Maxime lautet: Größtmöglicher Profit bei geringst möglichem Risiko. Sie handelt mit unternehmerischer Weitsicht und bedient sich kaufmännischer Kalkulationen. Im Geschäft mit Drogen, beim Waffenschmuggel oder im Frauenhandel gelten ähnliche oder sogar gleiche Prinzipien. In der Wirtschaftskriminalität, wo es teilweise auch mafiöse Verhältnisse gibt, fängt es im Übrigen bei der Buchführung an und endet nicht bei der Steuererklärung.

Wie viel Geld ist bei den mafiösen Aktivitäten im Spiel? Was sind die Gewinne?

Es gibt keine verlässlichen Statistiken. Es kursieren unterschiedliche Angaben, wie viel Prozent des Bruttosozialproduktes kriminell "infiziert“ sind. Nach der deutschen Kriminalstatistik sind die Fallzahlen bzw. der prozentuale Anteil der Wirtschaftskriminalität an der Gesamtzahl der Delikte sehr gering, der materielle Schaden und der Anteil am Gesamtschaden sind dagegen sehr hoch. Es handelt sich also um eine hocheffiziente Form der Kriminalität. Relativ wenige Täter verursachen überproportional hohe Schäden.

Welcher Zweig der Mafia ist denn der gefährlichste? Ist es der Drogenhandel oder der Mädchenhandel?

Diese Kriminalitätsbereiche werden immer gerne genannt, weil man glaubt, sie hätten erklärende oder auch nur beschreibende Kraft. Aber das ist historisch und überholt. Organisiertes Verbrechen gibt es inzwischen in allen Bereichen: Schaut man sich etwa den Kapitalanlagebetrug an, oder auch Teile des Finanzmarktes, die Produktpiraterie und viele andere Formen der Kriminalität bis hin zur Steuerhinterziehung: auch das findet selbst in den Spitzen der Gesellschaft organisiert statt – wiederum mit großen, nicht nur wirtschaftlichen, Schäden. Die Erwähnung dieser Bereiche hat eine stigmatisierende und entlastende Funktion: Wir sind ja alle keine Drogenhändler. Wir schnupfen vielleicht ein bisschen und gehen dann beschwingt zur Arbeit oder zur Party, aber wir sind natürlich nicht so schmutzig und so kriminell wie die Drogenhändler, die in irgendwelchen Dschungellaboren herumwerkeln. Aber das ist eben nur ein kleiner, wenn auch gefährlicher Teil der organisierten Kriminalität. Es gibt viele andere mindestens ebenso gefährliche oder noch gefährlichere Bereiche.

Wie ist die Mafia organisiert? Arbeiten die Organisationen verschiedener Länder zusammen?

Man muss sich das nicht wie einen starren, bürokratischen Aufbau vorstellen, wo es einen Aufsichtsratvorsitzenden gibt oder einen Capo di Capi, also ein oberstes Leitungsorgan. Wir haben heutzutage eher horizontal vernetzte Formen der gelegentlichen manchmal auch andauernden Zusammenarbeit verschiedener Gruppierungen. Diese haben eine unterschiedliche Zielsetzung, treffen sich aber an einem Punkt: Profitmaximierung. Man bildet sozusagen Arbeitsgemeinschaften, "Task Forces".

Das in der Öffentlichkeit oft erwähnte Bild von der großen Krake, die ganz Europa verschlingt, ist also unpassend?

Wie gesagt: Es gibt flexible Formen der Zusammenarbeit, zielorientiert und zeitlich begrenzt. Dieser bildhafter Vergleich ist in der Realität gegenwärtig dagegen weder soziologisch noch kriminologisch zu erhärten oder gar belegen.

Das Interview führte Christina Rath

Wolfgang Hetzer (geb. 1951) ist Berater des Generaldirektors des Europäischen Amtes für Betrugsbekämpfung (OLAF) in Brüssel und dort vor allem für die Korruptionsbekämpfung zuständig. Zuvor war er als Referatsleiter im Bundeskanzleramt für den Einsatz des Bundesnachrichtendienstes gegen die Organisierte Kriminalität verantwortlich. Er ist Autor zahlreicher Beiträge zur internationalen Sicherheitspolitik, darunter: "Tatort Finanzmarkt" von 2003, in dem die Probleme der Geldwäsche zwischen Kriminalität, Wirtschaft und Politik erörtert werden. In seinem neuen Buch, "Rechtsstaat oder Ausnahmezustand?“ (2008), behandelt er grundlegende und aktuelle Fragen der Terrorismusbekämpfung.

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