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"Arme werden zu Ersatzteillagern für reiche Kranke"

Organhandel  

"Arme werden zu Ersatzteillagern für reiche Kranke"

25.01.2009, 17:20 Uhr

Von Evelyn Schielke

Diesen Männern in Pakistan ist das gleiche Schicksal wie den Moldawiern widerfahren: sie haben ihre Niere verkauft (Foto: dpa)Diesen Männern in Pakistan ist das gleiche Schicksal wie den Moldawiern widerfahren: sie haben ihre Niere verkauft (Foto: dpa) Ihre Opfer finden die Organhändler auf der Straße: Gesunde, starke Männer im Alter zwischen 18 und 28 Jahren werden in ihren Dörfern gezielt von "Frontpersonen" - meist jungen Frauen - angesprochen. "Wenn sie wollen, könnten sie in kurzer Zeit viel Geld verdienen", so das verlockende Angebot. Die jungen Moldawier ahnen nicht, dass sie am Ende keine Arbeit finden, sondern stattdessen ihr Niere "spenden" müssen.

In bitterarmen Ländern wie Pakistan oder Moldawien ist dieser kriminelle Handel mit Organen an der Tagesordnung. Denn: Derzeit warten in Europa viele tausend Patienten verzweifelt auf eine Niere, eine Leber oder ein Herz. Täglich sterben zehn Patienten, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten, warnt das Europäische Parlament in seinem Bericht von 2008. Kein Wunder, dass der Transplantationstourismus in die armen, wirtschaftlich schwachen Länder boomt und eine skrupellose Organ-Mafia auf den Plan ruft.

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Nieren-OP statt eines neuen Jobs

Ruth Gaby Vermot-Mangold hat für den Europarat das Problem des Organhandels eingehend untersucht und sich von mehreren betroffenen Moldawiern ihre Geschichte erzählen lassen. Für die jungen Männer beginnt zunächst alles vielversprechend: Nina S., eine Verbindungsfrau, beschafft ihnen die nötigen Unterlagen und organisiert ihre Reise in die Türkei. Doch am Ziel angekommen, hat sich der versprochene Job plötzlich in Luft aufgelöst, und man fordert sie auf, ihre Reisekosten zu begleichen. Schnell wird klar, worum es den "Jobvermittlern“ eigentlich geht. Die Männer sollen eine ihrer Nieren verkaufen - für "ein fürstliches Honorar von 2000 bis 3000 Euro“.

Scheinbar ein wirtschaftlicher Glücksfall

"Für einen Landwirtschaftsarbeiter in Moldawien entspricht das in etwa einem Zehn-Jahres-Gehalt“, sagt Ruth Gaby Vermot-Mangold zu t-online.de. Der Verkauf einer Niere erscheint so manchem Gelegenheitsarbeiter deshalb wie ein "ökonomischer Glücksfall“. Die Kunden zahlen für ein Organ hingegen zwischen 10.000 und 150.000. Euro - das erfahren die "Spender" nicht. Die Armen werden damit zu "Ersatzteillagern für reiche Kranke", kritisiert Vermot-Mangold.

Interview "Arme als Ersatzteillager für reiche Kranke"

Nachts heimlich in die Klinik

Einmal in den Fängen der Organhändler bleibt den Männern kaum etwas anderes übrig, als sich auf das Geschäft einzulassen. Sie werden in ein Haus zu einem Mann namens Jakub gebracht, der sie mit Essen versorgt. Immer nachts werden sie in einer benachbarten Klinik untersucht und man nimmt ihnen Blut ab. Bis zur Operation vergehen in der Regel ein paar Wochen. Unmittelbar danach erfolgt die Transplantation bei dem Nierenkranken. Die jungen Männer müssen zuvor unterschreiben, dass sie ihre Niere freiwillig und ohne Druck spenden. Ob sie wirklich lesen können, was sie unterschreiben, hält Vermot-Mangold ebenfalls für fragwürdig.

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Organhändler extrem professionell

Neben Moldawien sind auch andere Länder des Ostens Ziel von Organhändlern - etwa Bulgarien, Georgien, Rumänien, Russland und die Ukraine. Was auffällt: Die kriminellen Netzwerke zeichnen sich durch hohe Professionalität aus, sie sind extrem gut organisiert und mobil. Neben den Vermittlern, den Brokern, gehören in erster Linie qualifizierte Ärzte und gut ausgebildetes Pflegepersonal zum inneren Kern. "Sie verdienen besonders stark an diesem illegalen und menschenverachtenden Geschäft", schätzt Vermot-Mangold. Denn das meiste Geld fließe in die Operation.

"Keine OP auf dem Küchentisch"

Die Organisation ist einfach: Die Organhändler mieten einen OP-Saal in einem privaten Krankenhaus und operieren dann dort mit ihrem Team. In vielen Ländern ist das kein Problem, weil die Privatkliniken keiner staatlichen Kontrolle unterliegen, erläutert Mangold. "Ich glaube nicht an diese Horror-Storys mit dem Küchentisch oder an die jungen Menschen, die man irgendwo auf einem Parkplatz findet, und denen ein Organ fehlt. So einfach geht das nicht.“ Im Gegenteil: Die Niere müsse unter guten medizinischen Bedingungen entfernt und eingepflanzt werden. "Da muss alles stimmen: Das Timing, die Hygiene, das medizinische Handwerk. Denn: wenn der Empfänger stirbt, dann ist auch das Geld weg“, weiß die Expertin.

"Auf einmal mit neuer Niere zurück"

Professor Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), kennt jedoch auch andere Berichte. Aus seiner eigenen Erfahrung als Transplantationschirurg weiß er von Dialysepatienten, die auf der Warteliste standen und auf einmal "aus Indien oder der Türkei mit einer neuen Niere zurückgekommen sind - und fürchterlichen Komplikationen“. Denn oft erfolgen die Operationen nicht fachgerecht, weil in den armen Ländern die medizinischen Standards nicht gegeben sind. So werden die Spender oft nicht auf Hepatitis untersucht und die Wundversorgung ist schlecht. Aber auch er weiß: "Viele Menschen finden oft keinen anderen Weg aus der Armut oder werden sogar mit Gewalt gezwungen, ihre Organe ohne ausreichende medizinische Betreuung zu verkaufen.“

Interview "Patienten kommen mit Komplikationen zurück"

"Fürs Leben gezeichnet"

Aber nicht nur für die Empfänger, sondern auch für die "Spender“ birgt die Transplantation große Risiken. Nach erfolgreicher Operation erlischt das Interesse an den Männern schnell. Die meisten von ihnen werden von den Ärzten bereits nach wenigen Tagen wieder in ihre Dörfer zurückgeschickt - oft nur nach einer "Minimalbehandlung“, sagt Vermot-Mangold. Zuhause müssen sie sofort wieder der harten Arbeit auf den Feldern nachgehen oder schwere Lasten tragen. Eine medizinische Nachsorge gibt es für sie nicht. Ihre Narben verheilen meist schlecht, die Ernährung ist unzureichend, häufig sind diese Menschen oft für ihr ganzes Leben gesundheitlich gezeichnet. Die meisten der Nierenspender machten auch später noch einen "kranken, müden und abgekämpften Eindruck“, berichtet Mangold. Sie schließt nicht aus, dass einige von ihnen bald selbst eine Dialyse oder eine neue Niere brauchen werden - was sich diese Menschen natürlich nie leisten können.

1000 Menschen sterben jährlich

Ein Ausweg aus dem Teufelskreis ist momentan nicht in Sicht - im Gegenteil. Die Kluft zwischen dem Bedarf an Organen und verfügbaren Spenden wird tiefer. So warten allein in Deutschland Nierenpatienten durchschnittlich fünf bis sechs Jahre auf eine Transplantation; für 1000 Patienten pro Jahr kommt jede Hilfe zu spät, so die düstere Bilanz der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Zudem geht die Spendenbereitschaft deutlich zurück: Im vergangenen Jahr taten dies nur noch 1198 Menschen - das sind 8,8 Prozent weniger als noch 2007.

Trend zur Legalisierung

Vermot-Mangold kritisiert, dass sich angesichts dieser Zahlen in Europa der Trend abzeichnet, die Organbeschaffung in armen Ländern zu legalisieren. So gebe es in Fachkreisen Ärzte, die den Organverkauf ermöglichen wollen und Ökonomen, die das für wirtschaftlich richtig halten. Vergessen werde dabei oft, dass es bei diesem "Handel“ nicht um Schuhe oder Stoffe geht, sondern um Menschen und Teile ihres Körpers. "Menschen können und dürfen nie zu einer Handelsware verkommen", sagt Vermot-Mangold. Sie sieht die reichen Länder in der Pflicht, die Spendenbereitschaft ihrer Bevölkerung zu erhöhen. Vorschläge dazu gibt es mehrere: Etwa Bürokratie abzubauen, Transplantationsbeauftragte in den Kliniken zu ernennen und eine Widerspruchsregelung einzuführen. So kommt in Ländern wie Spanien, Österreich oder Belgien jeder Mensch als Spender infrage, der zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat - was die Zahl der Organspenden erheblich erhöht.

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