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"Wir bildeten eine Kette"

Mauerfall-Blog  

"Wir bildeten eine Kette"

13.11.2009, 09:51 Uhr | t-online.de

DDR-Soldaten auf der Mauer am 11. November 1989 (Foto: dpa)DDR-Soldaten auf der Mauer am 11. November 1989 (Foto: dpa)

Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer - ein historisches Ereignis, dass das Ende der DDR und der Teilung Deutschlands besiegelte. t-online.de bat seine Leser, ihre persönliche Geschichte zum 9. November 1989 einzusenden. Von Carsten H. erhielten wir folgenden Beitrag:

Im September 1989 wurde ich als Unteroffiziersschüler zu den Grenztruppen der DDR einbezogen. Ich hatte mich damals freiwillig für drei Jahre verpflichtet, da ich damit die Möglichkeit hatte, sofort nach der Lehre mit 19 Jahren den Wehrdienst abzuleisten und nicht erst eventuell später im Grundwehrdienst mit 27. Zu meinem Entsetzen teilte man mir bei der Einberufung mit, dass ich zu den Grenztruppen müsste. Ich fragte zwar warum und ob ich nicht lieber doch zur NVA könne, aber dies wurde verneint. So stellte ich mich halt meinem Schicksal.

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Unendlich weit weg

Mein Kindheitstraum war es immer, einmal nach Frankreich oder nur in den Westen zu meinen Verwandten zu reisen. Ich bin nur zwölf Kilometer von der innerdeutschen Grenze aufgewachsen und konnte die Berge und Horchtürme im Westen sehen. Aber diese zwölf Kilometer waren unendlich weit weg. Daher stand für mich fest, dass ich später einmal zur See fahren werde, um so die Länder jenseits des Eisernen Vorhangs besuchen zu können.

Reisen? Nein. Arbeitslosigkeit!

In Perleberg kam ich am 5. September 1989 in der Unteroffiziersschule der Grenztruppen an. Von da an bekam ich von den Geschehnissen im Land nichts mehr mit, da wir nur die DDR-Nachrichten hören durften. Natürlich versuchte man uns im Politunterricht stark zu beeinflussen. Man erzählte uns von den vielen Flüchtlingen, stellte diese aber als Verbrecher dar. Man zeigte uns auf, was wir in der DDR haben und was die Menschen in der BRD erwarten wird: Arbeitslosigkeit! Reisen? Nein, dazu fehlt ihnen ja aufgrund der Arbeitslosigkeit das Geld ...

Wir sollten eine Demo zerschlagen

Am 3.11.89 wurden wir dann plötzlich nach Berlin in einen Vorort verlegt. Dort wohnten wir für drei Tage bis zum 6.11. in einem Feldlager mitten im Wald. Am Morgen des 4.11.89 wurden wir hoch aufmunitioniert nach Berlin/Treptow in die dortige Grenztruppenkaserne verlegt. Alle Soldaten bekamen einen Teleskopschlagstock, welcher normalerweise nicht zur Ausrüstung der Grenztruppen gehörte. Wir sollten zur eventuellen Zerschlagung der Demonstration in Berlin auf dem Alexanderplatz beitragen. An dieser Demo nahmen damals bis zu eine Millionen Menschen teil.

Nicht gerade linientreu

Dies beunruhigte mich und meinen damals besten Freund (er war Leipziger und Punk) ungemein. Wir waren beide nicht in der Partei und auch nicht gerade linientreu. Zur Grenze wurde wir nur aufgrund unserer parteigetreuen Familien eingezogen. Na ja, wir überlegten uns dann, sollte es zum Zusammenstoß mit unserem eigenen Volk kommen, werden wir unsere Waffen niederlegen und uns unter das Volk mischen und desertieren. Aber es kam ja zum Glück nicht dazu. So wurden wir am 6.11. wieder nach Perleberg zurück verlegt und bekamen für unseren Mut einen Tag Sonderausgang. Diesen genossen wir natürlich am 7.11. vom Feinsten.

"Antreten in fünf Minuten!"

Die Ausbildung ging dann normal weiter, als ob im Lande nix passieren würde. Negative Stimmen von Kameraden wurden sofort in den Akten vermerkt. Dann kam die Nacht vom 9. zum 10.11.89. Wir gingen wie gewohnt um 22 Uhr ins Bett. Zuvor haben wir keinerlei Nachrichten im Radio oder im Fernsehen gehört. Pünktlich am Morgen des 10.11. um drei Uhr erklang auf dem Flur der Kompanie der laute Pfiff des Diensthabenden Uffz. Dieser schrie laut: “Grenzalarm! Gefechtsbereitschaft herstellen und antreten in fünf Minuten!” Wir wurden alle sofort wach und wunderten uns, was denn los sei. Alle acht Kameraden im Zimmer hielten dies für eine blöde Nachtübung.

Voll aufmunitioniert im Lkw

Um 3.15 Uhr saß die komplette Kompanie (27 Mann) voll aufmunitioniert auf dem Lkw. Keiner wusste, wo es hingeht, auch die Gruppenführer (Ausbilder) nicht. Wir fuhren vier Stunden bei eisiger Kälte über die Autobahn wieder in Richtung Berlin. Unterwegs auf der Autobahn (diese war für DDR-Verhältnisse relativ voll) überholten uns ständig Trabis und Wartburgs. Diese hupten beim Überholen laut und die Mitfahrer wedelten mit ihren Ausweisen. Ich saß hinten an der offenen Luke und konnte dies gut sehen. Nur wusste ich bis dahin immer noch nicht, was letzte Nacht passiert war. Alle Kameraden wunderten sich darüber.

Drei Jahre warten?

Gegen sieben Uhr kamen wir dann in Berlin/Hohenschönhausen in der dortigen Grenztruppenkaserne an. Dort geschah erstmal bis elf Uhr vormittags nichts. Um elf wurden wir dann im Kinosaal über die Ereignisse der letzten Nacht aufgeklärt. Ich und mein Kumpel konnten dies nicht glauben, Ich musste meine Tränen und meine Freude unterdrücken. Dann dachte ich aber daran, dass ich ja bei der Armee bin und noch drei Jahre warten muss, bis ich auch endlich mal “rüber” darf. Ein schrecklicher Gedanke! Ich hatte ja keinen Ausweis, nur einen Wehrdienstausweis. Mir ging daher so vieles durch den Kopf. Uns wurde vorwiegend über die Geschehnisse am Brandenburger Tor erzählt. Dort sollte es zu Grenzverletzungen (illegaler Grenzübertritt) gekommen sein.

Einmal da durchgehen zu dürfen, das wär's doch

Um zwölf Uhr mittags rückten wir dann ab und fuhren durch die ganze Innenstadt von Berlin. Ich konnte an den Volkspolizeimeldestellen die Menschenschlangen sehen, die sich ein Visum holen wollten. Meine Stimmung wurde dadurch nicht besser. Dann kamen wir am Brandenburger Tor an. Wir wurden dorthin verlegt, weil es wieder zu Grenzverletzungen gekommen ist und die Westberliner auf der Mauer stehen sollten. Ich war als Kind öfters mal in Berlin gewesen. Da stand ich dann immer am Brandenburger Tor an der Absperrung und schaute rüber über die Mauer nach Westberlin zur Siegessäule. Einmal da durchgehen zu dürfen, das wär's doch, dem Westen dann ganz nah, habe ich ich dann immer gedacht. Dann war es soweit. Es wurde dunkel und wir wurde nach vorn verlegt. Genau um 19 Uhr durchschritt ich mit meinem Kumpel und meiner ganzen 12. Kompanie das Brandenburger Tor. Ein herrliches Gefühl!

"Wir wollen zum Alex!"

Dann sah ich sie, die Panzermauer, sie stand genau vor mir. Auf ihr standen ca. 2000 bis 3000 Menschen und feierten. Dies waren alles Grenzverletzer laut Auskunft unserer Offiziere. Die Menschen tranken Sekt, schossen Feuerwerkskörper in die Luft und schrien laut: “Die Mauer muss weg! Wir wollen zum Alex!”. Auf Westberliner Seite standen 'zig Kamerateams aus der ganzen Welt. Unsere Führung hatte uns zuvor eingewiesen, dass wir in der Weltöffentlichkeit stehen und uns nicht wehren sollten. Wir standen da also ohne jegliche Bewaffnung o.ä., nur in Uniform. Dann sprangen plötzlich die Leute von der Mauer. Wir bildeten eine Kette und hakten uns mit unserem Nachbarkameraden unter. Hinter uns auf dem Platz zwischen der Straße Unter den Linden und dem Brandenburger Tor standen rechts und links jeweils ein Lkw, an den auf jeder Seite das Ende eines großen Netzes befestigt war. Das Netz lag auf dem Boden. Beim Durchbruch der Westberliner wären die beiden Lkw losgefahren und das Netz hätte sich gespannt, so dass die Leute nicht weiter gekommen wären.

Die Angst war einfach zu groß

Es standen dann so ca. 200 bis 300 Menschen unten auf DDR-Gebiet auf dem Pariser Platz (Platz vor dem Brandenburger Tor und der Mauer). Als wir merkten, dass diese friedlich waren und nur feiern wollten, lösten wir unsere Verkettung. Die Menschen kamen aus der ganzen Welt und waren glücklich. Sie langen uns in den Armen und machten unzählige Fotos. Man steckte uns Blumen an, entriss uns die Käppies von den Köpfen als Souvenir, schwatzten mit uns, und und und. Es war alles sehr friedlich. Niemand wagte einen Durchbruch zum Tor. Ein nettes Westberliner Pärchen lud mich spontan ein, mit ihnen über die Mauer zu klettern und auf den Ku'damm zum Bier trinken zu fahren. Ich lehnte dankend ab, obwohl ich schon gern mitgegangen wäre. Aber die Angst, als Deserteur nie wieder zurück in die DDR zu meiner Familie zu dürfen, war einfach zu groß. Es wusste damals ja noch niemand, wie alles mal kommen würde.

Mit Wasserwerfern von der Mauer geschossen

Im Laufe der Nacht hoben wir die Menschen dann wieder auf die Mauer zurück. Dort wurden diese dann von zwei DDR-Wasserwerfern mit Wasser von der Mauer geschossen. Die Kameraden einer anderen Kompanie eroberten dann die Mauer zurück und besetzten diese.

Mauer durch Grenzer besetzt

In den Folgetagen blieb die Panzermauer am Brandenburger Tor ständig durch Grenzer besetzt. Ich stand am 11.11. dann erstmals auf der Mauer. Ein geiles Gefühl. Nur ein Schritt und ich bin im Westen. Das ging mir die Stunden auf der Mauer durch den Kopf. Ich dachte ja bis dahin, dass ich noch die drei Jahre abwarten muss. Westberliner reden nett mit mir und reichten mir heiße Getränke, welche ich auch annahm und auch annehmen durfte. Zum ersten Mal sah ich auch die farbige Mauerseite Westberlins.

Mir liefen die Tränen

Am 12.11. mussten wir dann 400 Meter weiter zum Potsdamer Platz. Dort wurde ein neuer Grenzübergang eröffnet. Ich stand dort allein mit meinem besten Kumpel Rene und sahen, wie tausende Menschen nach Westberlin pilgerten und einige Stunden später wieder zurück kamen. Alle hatten ein freudiges Lächeln auf ihren Lippen. Auch diese Menschen schenkten uns Blumen und sagten, wir sollten doch mal mitkommen. Da konnte ich mich dann nicht mehr halten. Mir liefen als 19 jähriges Bengelchen die Tränen.

Keine Wechselwäsche, Orden in Gold

Wir schliefen zu dieser Zeit in Zelten am Brandenburger Tor. Keine Wechselwäsche, keine Zigaretten mehr etc. Einige Tage später erschien der stellvertretende Chef der Grenztruppen bei uns am Brandenburger Tor und zeichnete unsere Kompanie mit dem Kampforden in Gold aus. Unsere Zug- und Gruppenführer wurden vor Ort befördert. Sein Fahrer besorgte dann mehrere Stangen Zigaretten und verteilte diese auf Befehl seines Chefs kostenlos an uns. Einige Tage später erreichte uns dann die Meldung, dass auch Armeeangehörige in den Westen fahren durften. Meine Erleichterung war riesengroß und ich konnte von diesem Tage an wieder lachen. Von da an, wartete ich nur noch auf den Urlaub. Nach zwei Wochen, also am 24.11. verließen wir dann Berlin und fuhren am 27.11. in den verlängerten Sonderurlaub. Am 28.11. fuhr ich dann endlich in den Westharz in den Westen. ENDLICH!!

Welt gesehen, ohne zur See zu müssen

Wehrdienst bis zuende Ich kam zurück und leistete meinen Wehrdienst ohne besondere Vorkommnisse bis August '90 in Berlin als Unteroffizier ab. Es war ein schöne ruhige Zeit. Wenn ich heute als Tourist nach Berlin fahre und am Brandenburger Tor stehe, laufen mir noch immer die Tränen. Ich sehe dann immer noch die Geschehnisse vor mir und höre die Menschen rufen: ”Die Mauer muss weg!”. Ich habe jetzt mein Traum erfüllen können und die halbe Welt bereist, ohne zur See fahren zu müssen. Es geht mir sehr gut in unserem vereinten Deutschland. Meiner Heimat Thüringen bin ich treu geblieben.

Weitere persönliche Berichte im Mauerfall-Blog

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