Sie sind hier: Katastrophe bei der Loveparade 

Loveparade: Hinweise auf massive Sicherheitslücken

Loveparade-Chef: Verhängnisvolle Polizei-Anweisung

26.07.2010, 20:46 Uhr | AFP, dpa

Nach der Tragödie auf der Duisburger Loveparade mit 20 Toten geraten die Veranstalter unter dem Vorwurf massiver Sicherheitslücken zunehmend in Bedrängnis. Ein internes Verwaltungsdokument aus Duisburg belegt nach Informationen von "Spiegel Online" die Schwachstellen des Sicherheitskonzepts bei der Großveranstaltung mit insgesamt bis zu 1,4 Millionen Besuchern. Der Chef der Loveparade, Rainer Schaller, spricht von einer verhängnisvollen Anweisung der Polizei.

So habe der Veranstalter nicht die sonst vorgeschriebene Breite der Fluchtwege einhalten müssen. Zugleich sei das Gelände ausdrücklich nur für 250.000 Menschen zugelassen gewesen. Bei der Massenpanik am Tunnel vor der Freifläche waren am Samstag 19 Raver gestorben. Eine Person, die sich in Lebensgefahr befunden habe, sei am Montagabend im Krankenhaus gestorben, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Duisburg mit.

Erstmals hat sich auch Loveparade-Chef Rainer Schaller ausführlich zur Katastrophe geäußert. Er kündigte eine rückhaltlose Aufklärung des Unglücks an. So habe die Polizei die Anweisung gegeben, alle Schleusen vor dem westlichen Tunneleingang zu öffnen. Zuvor habe man bis 14 Uhr zehn der 16 Schleusen geschlossen gehalten, weil bereits eine Überfüllung des Tunnels drohte. Dann aber sei der Hauptstrom der Besucher unkontrolliert in den Tunnel geströmt. Warum die Polizei diese Anweisung gegeben habe, wisse er nicht.

"Mr. Loveparade" sichtlich mitgenommen

Der Gründer der Fitness-Kette McFit widersprach vehement, dass aus Profitgier Sicherheitsbedenken hintangestellt worden wären. "Wir haben nie Druck auf eine Herabsetzung der Sicherheit ausgeübt. Nach derzeitigem Stand haben wir sämtliche Auflagen erfüllt. Das gesamte Konzept war in jedem Punkt in wöchentlichen Sitzungen mit Polizei, Feuerwehr und Stadt abgestimmt", sagte der 41-Jährige. "Wir haben niemals an der Loveparade Geld verdient - das war auch nicht unser Ziel", sagte ein sichtlich mitgenommener "Mr. Loveparade".

So sei die Einzäunung des Geländes von den Behörden aus Sicherheitsgründen verlangt worden, nicht etwa um den Getränkeverkauf in eigener Hand zu behalten. "Wir haben ungern eingezäunt." Alle Einzelheiten seien "von den Behörden abgenickt oder vorgegeben worden". Auf die Frage, ob der Tunnel als einziger Zugang nicht ungeeignet war, sagte der Unternehmer: "Alle Behörden haben die Eingangssituation abgenickt, sonst hätten wir das nicht gemacht." Der Tunnel sei als einziger Zugang "extrem intensiv geprüft und die Genehmigung erteilt worden".

Auf Kosten der Sicherheit gespart?

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, hält es dagegen für wahrscheinlich, dass die Veranstalter und die Stadt Duisburg auf Kosten der Sicherheit bei der Loveparade sparten. "Darauf gibt es Hinweise. Dafür spricht zum Beispiel, dass es keine Videoüberwachung vor Ort gegeben hat, die eine schnelle Reaktion möglich gemacht hätte", sagte Wendt den ARD-"Tagesthemen".

Die Staatsanwaltschaft setzt am Montag ihre Ermittlungen wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung weiterhin gegen Unbekannt fort. Zeugenaussagen und beschlagnahmte Unterlagen sollen klären, ob das Sicherheitskonzept letztlich ausreichend war. Bereits vor der Technoparty hatte es konkrete Warnungen vor einer Katastrophe gegeben, die manchem angesichts des engen Tunnels und der erwarteten Menschenmassen unausweichlich schien.

Der Sprecher der Duisburger Staatsanwaltschaft, Rolf Haferkamp, sagte, es seien zahlreiche Papiere, die sich mit der Planung der Loveparade befassen, beschlagnahmt worden. Zum Inhalt einzelner Papiere könne er derzeit keine Aussagen machen, die Auswertung der Dokumente dauere an. Erst danach lasse sich sagen, ob sich Beweise zu Lasten einzelner Verantwortlicher bei der Genehmigung, Organisation und Ausführung der Veranstaltung verdichteten.

Organisatoren von Vorschriften befreit

Das von "Spiegel Online" zitierte Schriftstück vom 21. Juli 2010 mit dem Aktenzeichen 62-34-WL-2010-0026 trägt den Titel "Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung". Es richtet sich an die Berliner Lopavent GmbH als Veranstalter der Loveparade. Der Sachbearbeiter der Unteren Bauaufsicht im Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung befreit darin die Organisatoren von der Vorschrift, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen. Außerdem verzichten die Beamten auf Feuerwehrpläne.

Die Toten waren zwischen 18 und 38 Jahre alt, elf Frauen und acht Männer. Am Tag nach der Katastrophe legten Trauernde am Tunnel zum ehemaligen Güterbahnhof Blumen nieder und zündeten Grabkerzen an. Am Ort der Tragödie fragten sich viele, wer die Schuld trägt.

Im Mittelpunkt der Kritik steht die Duisburger Stadtführung um Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Bochums früherer Polizeipräsident Thomas Wenner will Sauerland anzeigen. Der Onlineausgabe der "Bild-Zeitung" sagte Wenner: "Ich zeige den Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, die leitenden Beamten der Stadt und die Veranstalter an." Eine solche Veranstaltung sei in Duisburg nie realisierbar gewesen. Wenner hatte 2009 als amtierender Polizeipräsident die für Bochum geplante Loveparade abgesagt.

Keine genauen Besucherzahlen

Die Zahl der Teilnehmer konnten die Duisburger Veranstalter auch am Tag danach nicht genau beziffern. Sie reicht von 105.000 Menschen, die mit der Bahn zum Feiern reisten, bis hin zu 1,4 Millionen Ravern, die sich in der Stadt aufgehalten haben sollen. Die abgeschlossene Partyzone sei für rund 300.000 Feiernde ausgelegt gewesen, sagte der Leiter des Krisenstabs, Wolfgang Rabe. Der Platz sei zum Zeitpunkt des Unglücks nicht vollständig gefüllt gewesen.

Der Ablauf der Tragödie zeichnet sich erst in groben Zügen ab: Es gab lange Zeit nur einen Ein- und Ausgang zum Festgelände, und der war nur durch zwei Tunnel unter Bahngleisen zu erreichen. Von den Tunneln ging es um eine Ecke auf eine breite Straßenrampe zum alten Güterbahnhof.

Im Gedränge dieses Nadelöhrs stauten sich die Menschen, die ungeduldig zur Party strebten, trafen auf Raver, die schon müde waren und das Fest verlassen wollten. Viele kletterten auf Container oder Zäune, um der drangvollen Enge zu entfliehen, einige stürzten nach Augenzeugenberichten hinunter in die Massen. 511 Personen hatten in dem Nadelöhr teils schwerste Verletzungen erlitten.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal