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Atomunglück in Japan: Parlamentarier wollen Evakuierungen "drastisch vorantreiben"

Parlamentarier wollen Evakuierungen "drastisch vorantreiben"

24.03.2011, 07:21 Uhr | t-online.de, AFP, dpa, dapd

Atomunglück in Japan: Parlamentarier wollen Evakuierungen "drastisch vorantreiben". Das AKW ist beschädigt, die Menschen leiden. Reichen die Evakuierungsmaßnahmen der japanischen Regierung aus? (Foto: AP / dpa)

Das AKW ist beschädigt, die Menschen leiden. Reichen die Evakuierungsmaßnahmen der japanischen Regierung aus? (Foto: AP / dpa)

Nachdem auch außerhalb der Evakuierungszone um das beschädigte Atomkraftwerk Fukushima 1 stark erhöhte Strahlenwerte gemessen wurden, beginnt in Japan die Debatte um eine Erweiterung der Zone. Abgeordnete fordern in einer Petition, die Evakuierung "drastisch voranzutreiben". Zudem sollen bereits geringe Mengen von hochradioaktiven Plutonium und Uran aus dem AKW ausgetreten sein.

Ein Regierungssprecher berichtete, auch außerhalb der Sicherheitszone um das Atom-Wrack in Fukushima sei nach Schätzungen der Regierung stark erhöhte radioaktive Strahlung aufgetreten. An manchen Orten, die weiter als 30 Kilometer von dem Kraftwerk entfernt seien, habe die Strahlung zeitweise womöglich bei mehr als 100 Millisievert pro Stunde gelegen. Die natürliche Hintergrundstrahlung liegt bei etwa 2 Millisievert pro Jahr.

Regierung sieht keinen Grund für weitere Evakuierungen

Radioaktive Strahlung - ab welcher Dosis wird es gefährlich? (Grafik: dpa)Radioaktive Strahlung - ab welcher Dosis wird es gefährlich? (Grafik: dpa) Laut dem Bundesamt für Strahlenschutz erhöht sich jedoch bereits ab 100 Millisievert pro Stunde für die der Strahlung Ausgesetzten das Krebsrisiko. In Deutschland würden bei einem ähnlichen Unfall in einem AKW die Richtwerte für den Katastrophenschutz gelten. Bei 100 Millisievert wäre bereits eine Evakuierung vorgesehen.

Für die japanische Regierung besteht allerdings kein Grund, die Evakuierungszone von 20 Kilometern um das Kraftwerk auszuweiten, sagte Sprecher Yukio Edano. Besorgte Anwohner sollten die Fenster geschlossen halten. Die Strahlung ändere sich ständig mit dem Wind. Es sei sehr schwer, genau zu messen, wie sich die Radioaktivität vom havarierten Kraftwerk ausbreite.

Petition im Parlament

Im japanischen Parlament wird indes die Forderung nach weiteren Evakuierungen laut. In einer Petition plädieren mittlerweile zwölf Abgeordnete dafür, auch außerhalb des bislang gezogenen 20-Kilometer-Radius die Evakuierung "drastisch voranzutreiben".

Vorrangig sollten schwangere Frauen und Kleinkinder aus einem Umkreis von 30 Kilometern herausgeholt werden, fordern Abgeordnete aus dem Ober- und Unterhaus des japanischen Parlaments ("Kokkai"). Die Parlamentarier kritisierten die Entscheidung ihrer Regierung, die Evakuierungszone bislang auf 20 Kilometer um das AKW zu begrenzen. Die Beschädigungen an den Reaktoren seien "schwerwiegend".

Wenig Grund zur Hoffnung

Die Meldungen aus Fukushima geben wenig Grund zur Hoffnung: Aus dem schwer beschädigten Atomkraftwerk sind wohl Plutonium und Uran ausgetreten. Die Betreiberfirma Tepco habe erklärt, dass sie insgesamt 13-mal Neutronenstrahlen auf dem Reaktorgelände gemessen habe. Dies wäre ein Hinweis auf den Austritt der hochradioaktiven und extrem giftigen Substanzen. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung".

Tepco spricht von "geringen Mengen" von Plutonium und Uran, so die "Süddeutsche" weiter. Auffallend ist jedoch, dass alle Techniker und Feuerwehrleute ihre Arbeiten sofort abbrechen mussten, und das AKW Fukushima 1 komplett evakuiert wurde. In Tokio sollen Babys und Kleinkinder kein Leitungswasser mehr trinken. Dennoch erklärte die japanische Regierung, dass die Evakuierungszone - 20 Kilometer rund um Fukushima 1 - nicht ausgeweitet werden müsse.

Schwarzer Rauch über Reaktor 3

Die Lage in Fukushima bleibt für die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) sehr ernst. "Die Gesamtsituation gibt uns weiter Anlass zu erheblicher Sorge", sagte der IAEA-Experte Graham Andrew.

Im stark zerstörten Reaktor 3 ist es nach IAEA-Informationen nicht möglich, die Instrumente mit Strom zu versorgen. Dort stieg am Mittwoch schwarzer Rauch auf, und Arbeiter mussten die Anlage verlassen. Dazu habe man noch keine aktuellen Informationen japanischer Behörden, sagte die IAEA-Expertin Elena Buglova. Im Reaktor 1 steigt nach Informationen der UN-Behörde der Druck, im Reaktor 3 war er bis zum Auftreten des Rauches stabil.

Auch im Block 2 wurden die Arbeiten am Mittwoch wegen zu hoher Strahlenbelastung unterbrochen. Angeblich ist die Strahlenbelastung dort momentan so hoch wie nie zuvor. Es wird befürchtet, dass der innere Reaktorbehälter von Block 2 bei einer Explosion in der vergangenen Woche beschädigt wurde.

Trinkwasser in Tokio belastet

Durch die Atomkatastrophe in Japan ist mittlerweile auch das Trinkwasser in Tokio radioaktiv belastet. Im Wasser seien erhöhte Werte von 210 Becquerel pro Liter an radioaktivem Jod 131 festgestellt worden, sagte ein Sprecher der Hauptstadtpräfektur Tokio. Die erhöhten Werte wurden in einer Wasseraufbereitungsanlage in Tokio festgestellt.

Der Grenzwert des japanischen Gesundheitsministeriums liegt für Babys bei 100 Becquerel pro Liter, berichtete der Fernsehsender NHK. Kinder unter einem Jahr sollten deshalb vorerst kein Leitungswasser oder mit Leitungswasser angerührtes Milchpulver mehr trinken. Die Warnung gelte für alle 23 zentralen Bezirke in Tokio und für das westlich gelegene Tama-Gebiet. Bei radioaktivem Cäsium 137 seien keine überhöhten Werte registriert worden.

Zuvor war bereits im Trinkwasser in fünf Orten der Präfektur Fukushima ein für Babys zu hoher Wert an radioaktivem Jod gemessen worden. Für ältere Kinder und Erwachsene liegen die Grenzwerte für radioaktives Jod 131 bei 300 Becquerel pro Kilo. Der Gouverneur der Hauptstadtpräfektur Tokio rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Es bestehe keine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit. Die Warnung sei lediglich eine Vorsichtsmaßnahme, da sich das radioaktive Jod über die Zeit in der Schilddrüse anreichern könne.

Neue Beben erschüttern die Region

Am Mittwochmorgen japanischer Zeit hatten erneut mehrere heftige Erdstöße die Region erschüttert. Der staatliche Wetterdienst registrierte um 7.12 Uhr Ortszeit (23.12 Uhr MEZ) ein Beben mit einer Stärke von 6,0. In der US-Erdbebenwerte wurde eine Stärke von 5,7 gemessen. Das Epizentrum lag 72 Kilometer südsüdöstlich der Stadt Fukushima und 180 Kilometer nordnordöstlich von Tokio. In der Anlage des Atomkraftwerks Fukushima seien keine weiteren Schäden verursacht worden, teilte die Reaktorsicherheitsbehörde NISA mit. Die laufenden Rettungsarbeiten seien auch nicht gestört worden.

Neuen Polizeiangaben zufolge wurden durch die Katastrophe offiziell 9408 Menschen getötet. Allerdings gelten weiterhin 14.716 Menschen als vermisst - es gibt kaum noch Hoffnung, dass sie überlebten. Damit sind der Erdstoß der Stärke 9,0 und der anschließende Tsunami am 11. März die schlimmste Naturkatastrophe in Japan seit dem großen Kanto-Beben 1923. Damals starben mehr als 142.000 Menschen.

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