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Experte: Fukushima ist völlig außer Kontrolle

Strahlenexperte hält Rettungsversuche in Fukushima für nutzlos

28.03.2011, 20:02 Uhr | dapd

Experte: Fukushima ist völlig außer Kontrolle. Die Kühlungsversuche mit Wasser sind nach Ansicht eines Strahlenexperten nutzlos - es müsse viel weiträumiger evakuiert werden. (Archivfoto: Reuters) (Quelle: Reuters)

Die Kühlungsversuche mit Wasser sind nach Ansicht eines Strahlenexperten nutzlos - es müsse viel weiträumiger evakuiert werden. (Archivfoto: Reuters) (Quelle: Reuters)

Das von einer Kernschmelze bedrohte Atomkraftwerk in Fukushima ist nach Einschätzung des Strahlenbiologen Edmund Lengfelder nicht mehr zu retten. Lengfelder sagte im Deutschlandfunk, die Darstellung der japanischen Regierung, wonach es in Reaktor 2 des beschädigten Atomkraftwerks Fukushima Eins in Japan lediglich eine partielle und vorübergehende Kernschmelze gebe, sei "verharmlosend" und eine "Fehlinformation für die Öffentlichkeit". Die Kernschmelze sei bereits im Gange.

Nach Ansicht des Leiters des Münchener Otto-Hug-Strahleninstituts ist die befürchtete Kernschmelze schon seit längerem eingetreten. "Das kann man aus der Freisetzung der entsprechenden Radionuklide ableiten. Und nachdem eine Kühlung nicht mehr möglich ist und die Brennstäbe und möglicherweise auch das Inventar im Druckgefäß vor sich hin reagiert, ist einfach die Kernschmelze zwangsläufig da, und sie wird auch noch lange Zeit andauern."

"Hilfloses Unterfangen"

Das Bemühen der japanischen Regierung, die defekten Reaktoren mit Wasser zu kühlen, sei ein "hilfloses Unterfangen" und der Versuch, "zu bremsen, wo es nach meiner Meinung nicht zu bremsen geht". Lengfelder hält es für notwendig, die Schutzzone um die Reaktoren herum auf einen Umkreis von mindestens 50 Kilometer auszudehnen. Es komme jetzt darauf an, eine weitere Strahlenbelastung für die Bevölkerung durch Evakuierungen zu vermeiden.

Die Kernschmelze wird nach Einschätzung Lengfelders "irgendwann selbst zum Erliegen kommen. Dann, wenn das geschmolzene Metall der Brennstäbe und der Hüllen, dann ganz langsam im Lauf von zig Jahren - abkühlt".

Tschernobyl: Konsequenteres Krisenmanagement

Derweil müssten die Reaktoren oben abgedeckt werden durch einen Sarkophag oder durch Sand, damit die gasförmige Freisetzung von Radioaktivität gestoppt werde, sagte der Professor, der sich viele Jahre intensiv mit den Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl befasst hat.

Lengfelder bescheinigte der Sowjetunion im Katastrophenfall von Tschernobyl 1986 ein konsequenteres Krisenmanagement. So sei damals viel schneller weiträumig evakuiert worden, in einem allerdings auch viel schwächer bewohnten Gebiet. Das japanische Krisenmanagement wertete der Strahlenexperte als "wirklich nicht für gut und nicht vertrauenswürdig".

Betreiber finden Plutonium im Boden

Inzwischen ist auf dem Gelände des Kernkraftwerks Fukushima Eins auch Plutonium im Boden gefunden worden. Das meldet die japanische Nachrichtenagentur Kyodo und beruft sich auf die Betreibergesellschaft Tepco (Tokyo Electric Power Co.). An fünf verschiedenen Punkten des AKW-Geländes habe man das hochgiftige Schwermetall festgestellt. Tepco zufolge stamme das Plutonium aus Brennstäben der Anlage. Das radioaktive Plutonium verliert auch nach Tausenden von Jahren nichts von seiner Gefährlichkeit.

Auch deshalb hat Tepco Frankreichs Atomexperten um Hilfe gebeten. "Tepco hat sich erstmals an die französische Atomindustrie gewandt, das ist eine gute Nachricht", sagte Frankreichs Industrieminister Eric Besson. Der französische Atomkonzern Areva werde in Kürze zwei Experten nach Japan schicken. Der Stromkonzern EDF habe bereits etwa 130 Tonnen Material nach Japan gesandt, darunter auch Roboter, die in radioaktiv verstrahltem Gelände eingesetzt werden können. Frankreich nimmt besonders intensiv Anteil an dem Geschehen in Japan, da es sich wie kein anderes Land der Atomenergie verschrieben hat. Es besitzt derzeit 58 Reaktoren und steht damit an zweiter Stelle hinter den USA.

Unterdessen setzen die Arbeiter und Techniker in der Atomruine ihre Bemühungen fort, das hoch radioaktive Wasser aus den Gebäuden zu pumpen, sowie Strom- und Wasserversorgung für die Kühlung der havarierten Reaktoren wiederherzustellen. Bisher wurden 19 Arbeiter bei der Rettungsaktion stärker verstrahlt - sie waren einer Radioaktivität von mehr als 100 Millisievert ausgesetzt. Drei Arbeiter, die am vergangenen Donnerstag einer erhöhten Strahlendosis ausgesetzt waren, wurden am Montag aus dem Krankenhaus entlassen.

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Auch japanischer Nuklearingenieur klagt an

Auch ein am Design der Anlage beteiligter Nuklearingenieur erhebt Vorwürfe gegen die japanischen Sicherheitsbehörden und die Regierung. Mitsuhiko Tanaka hat Daten für den Reaktorblock 1 vorgelegt und analysiert, die nahelegen: Das Erdbeben vom 11. März, und nicht der dadurch verursachte Tsunami, war zumindest dort der Grund für einen Kühlwasserverlust, der zum Super-GAU geführt hat.

Ein Kühlwasserverlust ist für Fachleute ein Horrorszenario. Die sofortige Evakuierung der Bevölkerung in möglichst weit entfernt liegende Gebiete wäre zwingend gewesen. Sollten der Betreiber Tepco, Sicherheitsbehörden oder die japanische Regierung von dem frühen Kühlwasserverlust gewusst haben, hätten sie angesichts der auf einen Radius von 20 Kilometern begrenzten, inzwischen gestoppten Evakuierungen und der Verstrahlung von Arbeitern bewusst mit dem Leben von Menschen gespielt.

Betroffen wäre auch die Nuklearindustrie. Sie behauptet bis heute, die Reaktoren hätten dem Erdbeben standgehalten. Nur weil der folgende Tsunami die Stromzufuhr zu den Kühlsystemen unterbrochen habe, sei das Atomdesaster ausgelöst worden. Diese Behauptung wird durch die Datenanalyse infrage gestellt.

"Aber sie haben geschwiegen"

Tanaka, der früher für Babcock Hitachi gearbeitet hat und am Design für den Druckbehälter des Reaktors 4 in Fukushima beteiligt war, stützt seine These vom frühen Kühlwasserverlust auf offizielle Daten aus dem Reaktor 1. Sie weisen auf einen anderen als den bisher offiziell verbreiteten Katastrophenverlauf hin.

Danach hatten die Betreiber am 11. März um 16.36 Uhr - knapp zwei Stunden nach dem Erdbeben - versucht, das Notkühlsystem einzusetzen. Das reguläre System war zu diesem Zeitpunkt offenbar schon ausgefallen. Auch die Notkühlung versagte. Bisher wurde dies mit dem Ausfall der Dieselgeneratoren nach dem Tsunami begründet.

Tanaka allerdings kommt zu einem ganz anderen Schluss. Die ersten verfügbaren Messdaten aus Reaktor 1 beschreiben dessen Zustand zwölf Stunden nach dem Erdbeben: Im Reaktordruckbehälter, in dem sich der Kernbrennstoff befindet, war der Druck von den üblichen 7 Megapascal (70 bar, ein Autoreifen wird mit etwa 2 bar gefüllt) auf nur noch 0,8 Megapascal gesunken. Gleichzeitig, erklärt Tanaka, "sank der Kühlwasserpegel dort rapide". Im Sicherheitsbehälter, der den Druckbehälter umgibt, stieg parallel der Druck an, von 0,1 auf 0,8 Megapascal.

Es sei, kommentierte er, aufgrund dieser Daten "nahezu unbestreitbar", dass es einen Kühlwasserverlust gegeben habe. Er vermutet einen Rohrbruch am Reaktordruckbehälter. Viele Experten hätten das wissen müssen oder wissen können, sagt Tanaka: "Aber sie haben geschwiegen".

Japaner kehren in Gefahrenzone zurück

Währenddessen kehren zahlreiche Anwohner in die Gefahrenzone um Fukushima zurück. Vor allem älteren Menschen sorgten sich um ihre Häuser und wollen nicht länger in Notfallunterkünften bleiben, berichtet der japanische Nachrichtensender NHK.

Die Menschen seien erschöpft vom Leben in den Notlagern. Sie wollten wieder nach Hause, sagte die Provinzregierung. Man werde die Zentralregierung in Tokio bitten, die Lieferung von Hilfsgütern in die Evakuierungszone aus diesem Grund zu verstärken. Laut Medienangaben lebten ursprünglich etwa 140.000 Menschen im Umkreis von 20 bis 30 Kilometern um Fukushima Eins. Es ist unklar, wie viele davon noch in dieser Zone ausharren.

Die Behörden in Japan hatten die Bewohner im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk Fukushima Eins aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. Den Menschen in einer Zone von 20 bis 30 Kilometern wurde zudem empfohlen, in ihren Häusern zu bleiben, um radioaktive Verstrahlung zu vermeiden. Letzte Woche riet die Regierung dann den Bewohnern der äußeren Zone, das Gebiet freiwillig zu räumen. Als Grund gaben die Behörden an, dass die Versorgung der Menschen immer schwieriger werde. Die Regierung warnte nun am Montag die Menschen aus der 20-Kilometer-Zone um das AKW-Wrack, sie sollten vorerst nicht nach Hause zurückkehren. Das Gesundheitsrisiko sei viel zu groß.

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