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Super-GAU-Szenario in Deutschland: Hoffen auf freiwillige Helfer

Super-GAU in Deutschland - nur freiwillige Helfer kämen zum Einsatz

04.04.2011, 09:30 Uhr | dapd

Super-GAU-Szenario in Deutschland: Hoffen auf freiwillige Helfer. Katastrophenszenario in Deutschland: Ein freiwilliger Helfer in ABC-Schutzanzug (Foto: Imago)

Katastrophenszenario in Deutschland: Ein freiwilliger Helfer in ABC-Schutzanzug (Foto: Imago)

Was passiert, wenn in Deutschland nach einem atomaren Störfall die Strahlendosis in einem Reaktor lebensgefährlich hoch ist? Wer geht dann dort hinein, um vielleicht noch Schlimmeres zu verhindern - etwa eine Explosion, durch die ganze Landstriche oder Großstädte verstrahlt würden? Können die Kraftwerksbetreiber ihren Mitarbeitern das vorschreiben? Was ist mit Polizei, Feuerwehr, THW und Bundeswehr? Wer diesen Fragen nachgeht, lernt zunächst, dass dafür irgendwie keiner zuständig ist.

Es gibt Vorschriften, Richtlinien, Verordnungen und darin Grenzwerte, die maximale Strahlenbelastungen von 250 Millisievert bei "lebensrettenden Maßnahmen" oder zur "Verhinderung einer wesentlichen Schadensausweitung" vorschreiben. Im normalen Leben liegt der Grenzwert bei einem Millisievert. Schon ab 250 Millisievert gefährdet die Strahlendosis akut die Gesundheit.

Radioaktive Strahlung - ab welcher Dosis wird es gefährlich? (Grafik: dpa)Radioaktive Strahlung - ab welcher Dosis wird es gefährlich? (Grafik: dpa) Wer aber geht bei einer Reaktorkatastrophe in ein AKW, wenn dort Grenzwerte weit überschritten werden und der Bereich, in dem gearbeitet werden muss, extrem, gar tödlich verstrahlt ist? Haut, Blut, Schleimhäute, Knochenmark oder auch das gesamte Nervensystem und Gehirn können so massiv geschädigt werden, dass die Betroffenen an der Strahlenkrankheit sterben. Das beginnt bereits ab einer Strahlenbelastung von 3000 Millisievert, sagt ein Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz. Wer eine Strahlendosis höher als 8000 Millisievert abbekommt, ist dem Tod geweiht.

In Tschernobyl waren Dutzende Arbeiter, die direkt am zerstörten Meiler arbeiten mussten, 6000 Millisievert ausgesetzt. In Japan standen bereits drei Arbeiter, zu ihrem Glück nur eine Dreiviertelstunde und nur bis zu den Knöcheln, in radioaktivem Wasser, das sie laut japanischer Atomaufsichtsbehörde NISA mit 2000 bis 6000 Millisievert belastete.

"Man kann niemandem befehlen, in den Strahlentod zu gehen"

Eine klare Antwort auf die Frage, wer auf welcher Rechtsbasis in einen extrem gefährlich verstrahlten Reaktor geht, erhält man von keiner Institution oder Behörde, die mit Reaktorsicherheit, Strahlen- oder Katastrophenschutz betraut ist. Das hat einen einfachen Grund, erklärt der Katastrophenforscher Willi Streitz von der Universität Kiel. "In einer Demokratie kann man niemandem befehlen, in den Strahlentod zu gehen. So etwas kann nur ein Freiwilliger machen."

So steht es auch in der Strahlenschutzverordnung, und dort liegt der Grenzwert für die Strahlenbelastung im Falle von "Personengefährdung und Hilfeleistung" bei den bereits aufgeführten 250 Millisievert. Zudem dürfen Rettungsmaßnahmen nur von Freiwilligen über 18 Jahren, die über die Gefahren aufgeklärt wurden, durchgeführt werden.

"Es leisten zwar viele Menschen in Deutschland einen Amtseid", so Streitz, "aber zwingen kann man niemanden". Der Professor für öffentliches Recht an der Verwaltungshochschule in Speyer, Joachim Wieland, erläutert die Grenzen der Dienstpflicht. "Das ist ein so weit gehender Eingriff in Leben und Gesundheit, das könnte nur der Gesetzgeber regeln. Und hier gibt es bisher noch keine Grundlage, weil man an solche Fälle noch nicht gedacht hat." Der Gesetzgeber könne durchaus festlegen, dass es bei bestimmten Berufen eine Pflicht gibt, ein Risiko für das eigene Leben einzugehen, erklärt der Staatsrechtler.

Ein Risiko einzugehen sei eine berechtigte Anforderung. Doch was zum sicheren Tod führe, das müsse auch kein Feuerwehrmann oder Polizist machen, erklärt Wieland. "Das ist mit dem Grundsatz der Menschenwürde in unserer Verfassung nicht vereinbar, und das Bundesverfassungsgericht hat hierzu auch keine Entscheidungen gefällt."

Auch Soldaten können unzumutbare Befehle ablehnen

Der Gesetzgeber könnte jedoch versuchen, die Grenzwerte der Strahlenbelastung für bestimmte Ausnahmesituationen zu erhöhen, fährt der Jurist fort. "Sobald jedoch die Strahlenbelastung so hoch wäre, wie derzeit in Japan, wo eine Gesundheitsgefahr ganz manifest ist, wäre auch in Deutschland kein Gesetz durchzusetzen."

Auch die Bundeswehr, die von ihren Soldaten im System von Befehl und Gehorsam verlangen kann, ihr Leben zu riskieren, bietet keinen Ausweg im Falle eines GAUs in einem deutschen Reaktor. So erklärt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, dass die Bundeswehr zur "Bekämpfung eines schweren Unglücksfalls ergänzend herangezogen werden" kann, wobei Soldatinnen und Soldaten dann Befehlen zu gehorchen hätten. Jeder Befehl müsse aber sowohl rechtmäßig als auch zumutbar sein. "Ein Befehl ist jedenfalls dann unzumutbar, wenn seine Befolgung den sicheren Tod bewirken würde. In sonstigen Fällen wäre die Zumutbarkeit situationsbezogen zu ermitteln." Doch wie ein anderer Sprecher des Ministeriums betonte, wären die ABC-Kräfte der Bundeswehr in ihren Anzügen auch nicht besser gegen radioaktive Strahlung geschützt als die anderen Helfer.

Betreiber halten ihre AKWs für sicher

Die deutschen Kraftwerksbetreiber geben sich wortkarg. Ein RWE-Sprecher betont, dass es für Störfälle Krisenstäbe und Krisenpläne gebe, die auf verschiedene Situationen abgestimmt seien und dass man den Kerntechnischen Hilfsdienst rufen könne. Der könne mit Manipulatorfahrzeugen, also kleinen Robotern, ferngesteuert tätig werden.

Die Nachfrage, was man denn mache, wenn das Problem in einem tödlich verstrahlten Reaktor nicht mit einem Roboter gelöst werden könne, blieb unbeantwortet. Der Sprecher verwies jedoch darauf, dass die deutschen Kernkraftwerke zu den sichersten der Welt zählten und es zu einer Katastrophe wie in Japan nicht kommen könne, weil es in Deutschland keine Tsunamis gebe.

Katastrophenpläne wappnen nicht für den Ernstfall

Streitz, ist da weniger optimistisch. "Das Merkmal einer Katastrophe ist, dass alle Verlässlichkeit verloren geht. Das bedeutet, Katastrophenpläne und Sicherheitsszenarien sind oftmals nur zur Beruhigung der Öffentlichkeit geeignet und nicht zu einer tatsächlichen Vorbereitung auf den Ernstfall."

Was aber, wenn die ferngesteuerten Roboter einen solchen Ernstfall nicht lösen können und die Strahlenbelastung zu hoch würde? Dann könnten nur noch Freiwillige in den Reaktor gehen. "Auch in Deutschland gibt es Menschen, die sich für die Gesellschaft einsetzen und die in solch einem Falle bereit wären, eine erforderliche Aufgabe zu übernehmen", sagt eine Sprecherin des AKW-Betreibers Vattenfall. Mit anderen Worten: Auch Deutschland bräuchte Helden - wie die Helfer, die derzeit im japanischen Unglücksreaktor Fukushima I im Einsatz sind.

Streitz jedoch sagt, es sei eine offene Frage, "wie weit in unserer Gesellschaft die Bereitschaft reicht, in den sicheren Strahlentod zu gehen und sich für die Gemeinschaft zu opfern". Das Fazit des Forschers: "Hier regiert das Prinzip Hoffnung."

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