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Experten prophezeien Starkbeben in Japan

Experten prophezeien Starkbeben in Japan

18.04.2011, 08:38 Uhr | Von Axel Bojanowski, Spiegel-Online, Spiegel Online

Experten prophezeien Starkbeben in Japan. Nachbeben vor Japan: Jeder Kreis zeigt ein Beben - je röter, desto heftiger der Schlag (Foto: USGS)

Nachbeben vor Japan: Jeder Kreis zeigt ein Beben - je röter, desto heftiger der Schlag (Foto: USGS)

Das Land kommt nicht zur Ruhe, ständig erschüttern Erdstöße den Nordosten Japans. Und der nächste Schlag könnte bevorstehen: Laut Statistik sind mehrere Starkbeben überfällig. Wenn es ganz schlimm kommt, muss sich Tokio auf Tausende Tote einstellen.

Es sind gespenstische Momente: Menschen in Nordostjapan meinen mittlerweile, den Boden wanken zu spüren - obwohl er gar nicht gebebt hat. Die sogenannte Erdbebenübelkeit hat zahlreiche Japaner befallen, sie werden von Phantombeben gepeinigt. Kein Wunder, denn oft genug wackelt die Erde tatsächlich. Immer noch.

Nachbeben sind unausweichlich

Auch mehr als vier Wochen nach dem schweren Beben der Stärke 9 am 11. März kommt der Boden in Japan nicht zur Ruhe. Tausende Nachbeben haben die Region seither erschüttert. Und Experten erwarten weitere Starkbeben mit großem Zerstörungspotential. Insbesondere bereits beschädigte Gebäude - etwa das AKW in Fukushima - drohen einzustürzen.

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Unerbittliche Gesetze der Geologie verheißen nichts Gutes für Japan: Wurde die Erde stark erschüttert, kommt sie eine Zeit lang nicht zur Ruhe - ähnlich wie zerknülltes Papier, das beim Entfalten noch eine Weile knistert. Nachbeben sind unausweichlich.

Es drohen zehn Beben der Stärke 7

Ihre Stärke lässt sich grob voraussagen - anhand der langjährigen Erdbebenstatistik: Üblicherweise folgt kurz nach dem Hauptbeben ein weiterer schwerer Schlag mit einer Magnitude schwächer. Den haben die Japaner vermutlich schon überstanden: Bereits eine halbe Stunde nach dem Hauptbeben erschütterte ein Beben der Stärke 7,9 den Meeresgrund.

Die Statistik zeigt aber auch, dass weitere schwere Schläge drohen. Üblicherweise folgen einem Hauptbeben zehn Beben mit etwa zwei Magnituden schwächer. In Japan drohen demnach also zehn Beben der Stärke 7. Solche Schläge wären zwar tausendmal weniger energiereich als das Hauptbeben vom 11. März - sie wären gleichwohl äußerst heftig: Erschütterungen dieser Stärke haben beispielsweise vergangenes Jahr in Haiti eine Katastrophe verursacht. Die Folgen waren dort besonders schlimm, weil es unter der Hauptstadt nahe der Erdoberfläche bebte.

Doch auch der Blick auf die japanische Nachbebenstatistik verheißt nichts Gutes: Neben dem 7,9er-Beben kurz nach dem Hauptbeben, das mutmaßlich als das erwartete 8er-Beben zählt, gab es erst zwei 7er-Beben und fünf Schläge, die immerhin stärker waren als 6,5. Laut Statistik besteht also eine Nachbebenlücke, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von weiteren 7er-Beben gefüllt werden wird.

Es besteht Tsunami-Gefahr

Damit besteht auch weiterhin die Gefahr lokaler Tsunamis: Beben der Stärke 7 können den Meeresgrund zwar nicht so heftig bewegen, dass ozeanweite Tsunamis losgetreten werden. Nahe gelegene Küsten jedoch wären gefährdet - Honshu und Sendai könnten also weitere Wellen drohen.

Lediglich die Tiefe des Hauptbebens verspricht mildernde Umstände: Es ereignete sich in rund 32 Kilometer Tiefe - von dort nahm es seinen Lauf. Nachbeben ereignen sich meist entlang derselben Gesteinsbruchzone wie ein vorhergehendes Hauptbeben. Tatsächlich haben sich die meisten Nachbeben der letzten vier Wochen in ähnlicher Tiefe ereignet. In mehr als 20 Kilometer Tiefe haben selbst 7er-Beben am Meeresboden kaum noch genug Kraft, um Tsunamis auszulösen. Auch an Land bleiben die Erschütterungen schwächer, weil sie von der Erdkruste abgepuffert werden.

In den vergangenen Tagen zeigten die Messgeräte jedoch eine besorgniserregende Entwicklung: Mehrere Seebeben vor Japan ereigneten sich in nur rund zehn Kilometer Tiefe. Möglich wäre, dass der Bruch nun auf eine flacher gelegene Schwächezone in der Erdkruste übergesprungen ist, die nun Stück für Stück aufreißt. Zu hoffen ist, dass sich die Spannung bei möglichst vielen kleinen Beben entlädt - und nicht bei wenigen großen.

Spannung vor Tokio

Immerhin: Die Zahl der Nachbeben nimmt rasch ab, nach drei Monaten ist das Schlimmste meist überstanden. Doch auf manche Erdbeben in der Vergangenheit folgten die schwersten Nachbeben auch später. In Neuseeland etwa kam es fast sechs Monate nach dem starken Beben nahe Christchurch zu einem weiteren Schlag, der dann katastrophal war.

Der lapidare Ausspruch "es war nur ein Nachbeben" ist nach Meinung der Seismologin Lucy Jones vom Geologischen Dienst der USA demnach irreführend: Jones verweist darauf, dass Nachbeben zu den stärksten Erdbeben überhaupt gehören - etwa ein Drittel aller Starkbeben in Kalifornien seit 1932 waren Nachbeben.

Die Beben in Japan geben auch aus einem anderen Grund Anlass zur Sorge: Sie haben die Spannung in der Erdkruste vermutlich Richtung Tokio verlagert. Zwar baut ein starkes Beben einen Großteil der Spannung entlang eines Bruches ab - dafür verschiebt sich aber der Druck der gängigen Theorie zufolge meist ans Ende der unterirdischen Nahtzonen. Hat sich die Spannung in der Erde vor Tokio also bis kurz vorm Zerreißen erhöht?

Die Erdbebenuhr vorgedreht

Der Druck dort erhöht sich jedenfalls seit langem, denn die Erdplatten in der Region schieben sich unerbittlich gegeneinander: Die 30-Millionen Metropole Tokio wartet seit 1923 auf einen schweren Schlag; damals starben bei einem Beben 142.000 Menschen. In einer Nahtzone im Meeresboden 120 Kilometer vor der Küste der Stadt steigt die Spannung sogar seit 150 Jahren.

Einer UNO-Studie zufolge muss Tokio bei einem Starkbeben mit 10.000 Toten rechnen - trotz moderner Bautechnologie. Versicherungen kalkulieren mit Schäden von 3000 Milliarden Dollar. Neben angeblich erdbebensicheren Hochhäusern gibt es in der Stadt noch enge Gassen mit alten Gemäuern und Holzhäusern, Feuer wären hier verheerend.

Irgendwann wird es passieren. Die Beben der vergangenen Wochen könnten quasi die "Erdbebenuhr" vorgedreht und die Spannung gefährlich erhöht haben. Doch sichere Informationen über den Zustand der Erdkruste haben Geoforscher nicht. Und so leben die Japaner ständig mit der Angst.


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