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Libyen-Reportage: "Al-Kaida ist Geschichte"

"Al-Kaida ist Geschichte"

16.05.2011, 08:29 Uhr | Von Christian Kreutzer, Bengasi

Libyen-Reportage: "Al-Kaida ist Geschichte". Libysche Rebellen rücken auf die umkämpfte Stadt Brega vor. (Foto: Christian Kreutzer)

Libysche Rebellen rücken auf die umkämpfte Stadt Brega vor. (Foto: Christian Kreutzer)

Irgendwo im Sandsturm wartet der Feind. Mit sieben Mann und zwei Pickups prescht Hauptmann Abdessalam durch graue Staubwolken Richtung Brega. Sein Oberst befürchtet, dass sich Muammar al-Gaddafis Brigaden, die Kata’ib, hinter die vorderen Linien der libyschen Rebellen schleichen. Abdessalam soll die Gegend auskundschaften.

"Oh boy", knurrt der 30-Jährige und spült den Sand in seinem Mund mit warmem Wasser hinunter. Der Gibli, ein glühend heißer Wüstenwind, hat die Körner zu einem dichten Nebel aufgewirbelt. Weiter als 100 Meter kann man nicht sehen. Wären die Kata’ib da draußen, würde man vermutlich direkt in sie hineinrasen.

Dann tauchen plötzlich Bewaffnete in den Dünen auf und versperren die Straße. Mit quietschenden Reifen kommt die Patrouille zum stehen.

Die anderen sind auch Rebellen. „Fahrt nicht weiter“, ruft ein Major in Badelatschen durch den Sturm. „Da draußen sind keine mehr von uns“. Die meisten, die hier ausharren, kommen von ganz vorne und haben sich vor dem Sandsturm hinter die letzte Verteidigungslinie zurückgezogen. Die ist rustikal aber ordentlich: Links und rechts der Straße haben Bulldozer einen kilometerlangen Wall aus Sand aufgeschüttet. Entlang dieser Verschanzung warten Toyota-Pickups. Ihre aufmontierten Flak-MGs, Raketenwerfer und Helikoptergeschütze blicken Richtung Brega.

Vorbild Che Guevara

Abdesslam wendet und rast zurück in seine Kaserne nach Ajdabiya. Dort warten weitere Frontkämpfer im Alter von 15 bis 50 Jahren bei Tee, Joints und Süßigkeiten auf ihren Einsatz. An den Wänden hängen Bilder von Bob Marley und - wie überall im Rebellengebiet – von Che Guevara. Aus einem Kassettenrekorder dröhnt arabischer Rai im Reggae-Rhythmus.

Die meisten sind keine Berufssoldaten, wie Abdessalam, der sich den Aufständischen gleich in den ersten Tagen mit seiner ganzen Kompanie angeschlossen hat. Da gibt es Muftah (27),  den man vielleicht einen kaputten Typ nennen würde. Als die Unruhen ausbrachen, saß er im Knast – wegen Drogenhandels. Damals kamen die Wärter rein, erzählt er, verteilten Waffen und ließen alle frei mit den Worten: „Erschießt ein paar Rebellen.“ Stattdessen haben sich Muftah und die anderen schnurstracks den Rebellen angeschlossen. Andere sind Schüler, Handwerker oder Studenten.

Zeit für die Gretchenfrage: "Es heißt, in Euren Reihen sind ehemalige Al-Kaida-Leute?" Die Jungs und Männer schauen sich ungläubig an. "Sieht das hier für dich so aus?", fragt einer und deutet um sich herum. "Das ist doch nur Gaddafi-Quatsch. Hier gibt es keine Al-Kaida." "Wir kämpfen für die Freiheit und gegen Gaddafi – das ist alles", erklärt Abdessalam die Lage, so wie man einem Kind die Politik erklärt.

"Al-Kaida ist Geschichte", sagt auch Iman Bugaighis in der Rebellenhauptstadt Bengasi. Die Philosophiedozentin, die lange in London gelebt hat, vermittelt heute zwischen dem Übergangsrat der Aufständischen, sowie Geschäftsleuten und Diplomaten. Ihr Arbeitsplatz ist das feine Tibesti-Hotel, wo auch der französische Botschafter residiert und alle, die auf gute Geschäfte mit der neuen Regierung hoffen.

"Wir wollen, was Ihr habt"

"Der Westen sollte mal ein paar Sachen verstehen", ärgert sich Bugaighis. Al-Kaida sei ein Produkt der Hoffnungslosigkeit gewesen. Hier die Diktatoren, dort der Westen, der sie unterstützt. "Jetzt vertreiben wir die Diktatoren und der Westen hilft dabei", sagt die 35-Jährige. Das sei die neue Lage. Die Revolutionen in Nordafika und dem Nahen Osten seien aber auch eine Antwort auf Al-Kaida selbst: "Sie sagen den Terroristen: Ihr habt Eure Chance gehabt. Aber statt die Pharaonen zu vertreiben, habt Ihr nur Unschuldige ermordet." Jetzt wollten die Libyer Demokratie, Bildung, Rede- und Reisefreiheit. "Wir wollen, was Ihr habt", sagt Bugaighis.

Wer in Libyen nach den Überresten der Dschihad-Bewegung sucht, tut das normalerweise in Darnah, 300 Kilometer östlich von Bengasi. Die ehemalige Piratenfestung an der Mittelmeerküste gilt als weltweiter Top-Exporteur von Selbstmordattentätern. Im Irak-Krieg kamen rund 50 ausländische Dschihadisten aus Darnah – mehr als aus jeder anderen arabischen Stadt.

Bereits in den 90er Jahren hat sich hier die "Libysche Islamische Kampfgruppe" - "Muqatilah" genannt – Straßenkämpfe mit der Regierung geliefert. Gaddafi griff damals brutal durch. Die meisten Dschihadisten verrotteten irgendwann in Gefängnissen, viele verschwanden einfach. Vor drei Jahren schlossen die Überlebenden ein Abkommen mit Saif-al-Islam Gaddafi. Sie schworen der Gewalt ab und wurden freigelassen.

Seit der Revolution jedoch machen zwei ehemalige Afghanistan-Kämpfer von sich reden: Abdulhakim al-Hasadi und der Ex-Guantánamo-Häftling Abu Sufyan ibn Qumu hatten – sehr zum Verdruss des revolutionären Stadtrates von Darnah – eine Brigade aus 300 Mann gebildet und sich zu den Sicherheitsbeauftragten der 50.000-Einwohner-Gemeinde erklärt. Heute, zwei Monate später, sind sie weitgehend in der Versenkung verschwunden. Ein Ex-Offizier befehligt jetzt die Darnah-Brigade, die auf rund 1000 Leute angewachsen ist.

"Schneidet Eure Bärte oder geht"

„Wir haben sie gewarnt“, sagt Stadtrat Ahmed Kaiqaban, ein Flugzeugingenieur, der 30 Jahre Gefängnis und Hausarrest hinter sich hat. „Schneidet Eure Bärte oder geht. Und wenn Ihr hier mit Al-Kaida ankommt, seid ihr dran“, habe er den Veteranen gesagt. Die hätten aber gar niemanden beherrschen wollen und gleich versprochen, sie würden sich nach der Revolution von selbst zurückziehen. "Ich denke, auch sie wollten nur Gaddafi beiseite räumen", sagt Kaiqaban.

Draußen vor der zentralen Sahaba-Moschee treffen sich die Menschen - ebenso wie in allen befreiten Städten - und feiern allabendlich ein Fest der Demokratie. Jeder darf das Mikrophon übernehmen und sagen, was er will. Manche werden ausgelacht, reden trotzdem weiter und bekommen dann doch noch Applaus. "Unglaublich, dass man öffentlich sagen darf, was einem durch den Kopf geht", schwärmt einer. "Ja zur Vielfalt" steht als Graffito an einer Mauer.

Der Dschihad ist out

"Die Zeit von Al-Kaida läuft aus", sagt spätabends einer der Männer, die noch auf dem Platz sitzen und Tee trinken und die anderen nicken. Und was ist mit dem Gerücht, einige der 200 Libyer im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet seien auf dem Weg hierher? "Lassen Sie sie doch kommen", sagt Kaiqaban. "Gegen Gaddafi dürfen sie gerne kämpfen, aber danach werden sie nach Hause geschickt."

"Ich finde es langsam ermüdend, das immer wieder zu erklären", sagt Noman Benotman. Früher hat er die Islamische Kampfgruppe geführt. Nach den 9/11-Anschlägen schwor er der Gewalt ab und schrieb öffentliche Briefe an seinen früheren Freund, Osama bin Laden. Darin forderte er den von Al-Kaida-Chef auf, das gleiche zu tun wie er und keine Unschuldigen im Orient oder Okzident mehr zu ermorden.

Geschichten aus der Hölle

Heute arbeitet Benotman für die Quilliam-Foundation, einen Londoner Think Tank, der vor allem aus Aussteigern aus der islamistischen Szene besteht. "Wir haben schon in den 90er Jahren kaum jemanden hinter uns gebracht", sagt Benotman. "Und wenn dann nur Verzweifelte und Verfolgte." Heute sei der Dschihadismus in Libyen absolut out und habe nichts mit der Revolution zu tun.

Warum das so ist, wird klar, wenn man die Erlebnisse der Menschen hört. Es sind Geschichten aus der Hölle: Da ist die Familie El-Teira. Sie hat einen ihrer acht Söhne in den 90er Jahren verloren. Der Geheimdienst hat ihn mitgenommen und bis heute weiß niemand, wie er starb oder wo seine Leiche liegt. Nacht für Nacht seien immer wieder die Geheimdienstleute aufgetaucht und hätten einzelne Familienmitglieder mitgenommen. "Ich war acht Tage zwischen den Verhören in einer Zelle die sogar zum Liegen zu klein war", sagt Marei el-Teira. "Es kam mir vor wie zehn Jahre." Den zweiten Sohn verlor die Familie Ende März bei der Verteidigung von Bengasi. Er bekam eine Kugel zwischen die Augen, nur Stunden, bevor Sarkozys Luftwaffe dem Alptraum ein Ende machte.

Der 23-jährige Arzt Hussein berichtet vom Aufstand und dem Kampf um die Katiba, die Kaserne. Er zeigt die Orte an denen die Menschen bei Demonstrationen von Flak-MGs in zwei Hälften zerrissen wurden und erzählt, wie er - als angehender Chirurg - vier von Gaddafis Soldaten im Kampf tötete und wie er nachts daran denken muss.

Hussein hat einen Vater beobachtet, der seine zwei Töchter im MG-Feuer sterben sah. Wahnsinnig vor Schmerz lief der Mann weg und kam mit einem vollen Benzinkanister und einer Dynamit-Stange zurück, die normalerweise zum illegalen Fischen benutzt wird. Noch bevor ihn in dem Chaos jemand zurückhalten konnte, steckte er die Zündschnur an, lief durch den Kugelhagel in das bereits halboffene Tor der Katiba und verschwand dort in einem Feuerball. Später befreiten die Aufständischen Menschen aus den Grüften unter der Katiba. Manche von ihnen hatten 12 Jahre lang kein Licht gesehen.

So viel zu Gaddafi. Doch auch die Islamisten haben immer nur versagt: In den 70er Jahren schienen die gemäßigten Moslembrüder einen Ausweg zu bieten – bis sie in den Gefängnissen verschwanden. In den 80ern und 90er kam die "Muqatilah". Die Folge: Immer mehr Gewalt von allen Seiten und gegen alle. Schließlich das Bündnis der Muqatilah mit Al-Kaida, das in den Trümmern von 09/11 unterging – nichts von alledem hat die Libyer weitergebracht.

"Muammar, du Pussy, komm raus!"

Erst die Revolution hat ihnen geholfen. Jetzt nennt Gaddafi die Freiheitskämpfer "Ratten, Terroristen und Drogensüchtige".

"Muammar, du Pussy, komm raus // wir sind die Ratten, wir sind hier", singt der libysche Rapper „Teabag“ auf der Kassette in Husseins Wagen. "Niemand", sagt der Arzt und schiebt den Unterkiefer vor, "niemand stiehlt diese Revolution."

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