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Hungersnot in Afrika: "Wer zu lange bleibt, hat keine Chance"

"Wer zu lange bleibt, hat keine Chance"

10.08.2011, 15:53 Uhr | t-online.de

Hungersnot in Afrika: "Wer zu lange bleibt, hat keine Chance". Ein Mann trauert im kenianischen Dadaab um seine Tochter: Das einjährige Kind hat die Strapazen des Hungers und der Flucht nicht überlebt (Foto: AP)

Ein Mann trauert im kenianischen Dadaab um seine Tochter: Das einjährige Kind hat die Strapazen des Hungers und der Flucht nicht überlebt (Foto: AP)

Dietmar Roller ist Koordinator der Kindernothilfe und Experte für Noteinsätze in Krisengebieten. Drei Wochen war der Entwicklungsspezialist im ostafrikanischen Hungergebiet, davon eine Woche in der umkämpften somalischen Hauptstadt Mogadischu. t-online.de schilderte Roller auch die psychologischen Folgen der Krise.

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Herr Roller, Sie sind gerade aus den Hungergebieten zurückgekehrt. Was hat Sie dort am meisten bewegt?

Man spricht immer von großen Zahlen. Es sind aber die Einzelschicksale, die den eigenen Blick für die Katastrophe öffnen: Eine Mutter hat mir erzählt, sie hätte jetzt noch ein Kind bei sich. Sie sei mit vier Kindern aufgebrochen und hätte die anderen drei aus Entkräftung an der Straße zurücklassen müssen. In diesem Satz liegt eine große Tragödie verborgen, bei der man gar nicht weiter nachfragen will, was genau passiert ist. Man weiß vielmehr, dass die Kinder unterwegs gestorben sind.

Was passiert mit Menschen, die solche Traumata erlitten haben?

Auch dann muss man natürlich das Überleben organisieren – noch sind ja auch das überlebende Kinder da oder andere Menschen, um die man sich kümmern muss. Man muss die Zukunft organisieren und braucht dafür viel Energie. Natürlich sind auch die Kinder traumatisiert und brauchen psychosoziale Betreuung, denn sie nehmen das Trauma mit, werden depressiv  - eben alles, was den Menschen hier auch passiert, wenn sie Menschen verloren haben und trauern.

Ist unter diesen Umständen eine Traumabehandlung überhaupt möglich?

Wir bieten Zentren für die Kinder an, in denen sie über alles sprechen können und man ihnen zuhört. Genau das fehlt dort oft. Im Gegensatz zu den plötzlichen Katastrophen wie Erdbeben, ist die Traumatisierung dort eher ein schleichendes Gift. Die Menschen sind oft schon Jahre lang damit konfrontiert und haben viel erlebt. Das verändert den Zugang. Dabei muss die Betreuung nicht einmal sehr umfangreich sein. Meistens reicht es schon, wenn jemand da ist und zuhört.

Wo sind eigentlich die Männer, die sieht man fast nie auf den Bildern?

In der Tat halten sich in den Lagern zu 90 Prozent Frauen und Kinder auf. Ich bin dem nachgegangen: Es scheint, dass ganz viele Männer zurückbleiben. Es heißt dann: Einer muss sich ja noch um das letzte bisschen Haus und Hof kümmern. Oft sind noch ein paar Stück Vieh da, die die Männer zu verkaufen versuchen. Die Frauen und Kinder schicken sie voraus. Viele dieser Männer kommen nicht mehr an. Wer zu lange bleibt, hat keine Chance mehr.

Was wiederfährt diesen Männern?

Sie verhungern oder verdursten. Manche kommen vielleicht mit einem Notgroschen nach, wenn sie ihre Tiere verkauft haben. Oft ist aber alles zu spät.

Wir sprechen immer vom Hunger. Aber eigentlich haben wir ja eine Dürre.

Man spricht von Hunger aber meint damit natürlich die Wasserknappheit, die ihn provoziert. Ich habe mit Frauen gesprochen, die nach drei bis vier Jahren Dürre bis zu sieben Stunden am Tag unterwegs waren, um ein bisschen Wasser für ihre Familien zu bekommen. Am Anfang mussten sie vielleicht noch eine Stunde laufen, dann wurden die Wege immer länger. Manche Flüsse führen Wasser, es kommt aber nicht über das Flussbett hinaus. Die Ufer sind staubtrocken und das Wasser fließt ab.

Kann man die Schäden bei Kindern, die lange kaum etwas oder nichts gegessen haben überhaupt wieder gutmachen?

Oft nicht. Ihr Wachstum ist gefährdet und die Entwicklung ihres Gehirns ist beeinträchtigt.

Das heißt, eine ganze Generation von Kindern ist geschädigt?

Das kommt auf die Dauer der Mangelernährung an. Wenn Sie aber bedenken, dass im Süden von Somalia von hundert Kindern 49 schwerst mangelernährt sind, 39 mangelernährt und nur elf Kinder ganz normal ernährt sind, dann geben diese Zahlen schwer zu denken. Viele von diesen Kindern werden für ihr Leben gezeichnet sein, oder gar nicht überleben. Ich habe selbst die Kinder gesehen, mit Greisengesichtern und Beinen, so dünn wie der Daumen eines Erwachsenen. Da kann man mit Spezialnahrung vielleicht noch etwas erreichen, aber die ist ja oft gar nicht vorhanden.

Die Dürre währt bereits seit sieben Jahren. Wie muss man sich das vorstellen? Sieben Jahre ohne Regen?

Es heißt, die letzte Dürre in diesem Ausmaß habe es vor 60 Jahren gegeben. Es ist aber schwierig das korrekt zu beschreiben: Sieben Jahre Dürre? Ja, aber mit unterschiedlicher Intensität. Ich habe mit Kindern gesprochen, die etwa vier Jahre alt sind und in ihrem Leben noch nie Regen gesehen haben. In manchen Gebieten gibt es schon extrem lange gar keinen Regen. Betroffen sind vor allem die Hirtenvölker am Horn von Afrika. Die ziehen mit ihren Herden durchs Land und versuchen da und dort etwas Fressbares für die Tiere zu finden. Die Dürre hat aber ganz vielen Menschen, in Somalia, Äthiopien und auch in Kenia ihre Existenzgrundlage genommen.

Wie groß ist denn das Hungergebiet insgesamt?

Schwierig zu sagen: Es ist neben Somalia der Norden Kenias, ein Großteil von Äthiopien  - das Ganze Tiefland am ostafrikanischen Grabenbruch, wo die Hirtenvölker seit tausenden von Jahren zu Hause sind. Das Gebiet ist riesengroß – insgesamt größer als die Bundesrepublik. Eigentlich kommen die Menschen mit der Trockenheit dort immer gut zurecht. Aber es gibt Abstufungen: In manchen Gegenden regnet es schon hin und wieder. In extremen Gegenden gibt es gar kein Wasser. Und dann ist da noch Somalia, wo zwei Krisen aufeinandertreffen: Zum einen der Bürgerkrieg. Er lässt die Menschen seit 20 Jahren nicht zur Ruhe kommen und verhindert, dass sie Rücklagen aufbauen. Wenn dann noch eine Dürrekatastrophe dazukommt, versagen die Bewältigungsmechanismen. Das heißt eigentlich sind die Menschen Trockenheit gewöhnt und können ein oder zwei Trockenperioden lang gut damit umgehen. Wenn dazu aber auch noch dauernd ihre Sicherheit bedroht ist, dann brechen lokales Wissen und lokale Netzwerke zusammen.

Welche Rolle spielen denn in Somalia die fundamentalistischen Shabaab-Milizen. Es heißt, sie verhindern die Hilfe?

Sie verhindern die Hilfe. Die Milizen sind am Ende eines langen Prozesses. Sie stellen keine einheitliche Front dar, weil sie auch untereinander zerstritten sind. Es gibt einzelne Gruppen, in deren Gebiet man Hilfe leisten kann. Insgesamt reden sie die Dürre herunter und behaupten, sie könnten selbst damit umgehen. Sie blockieren den Zugang zu großen Gebieten, beziehungsweise machen die Arbeit dort durch Drohungen unmöglich.

Jetzt sollen sie sich aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu zurückgezogen haben. Sie waren selbst dort. Ist der Rückzug eine positive Entwicklung?

Ja, ich war dort und habe die schweren Kämpfe miterlebt. Ziel der Regierung und der Afrikanischen Union war es, Mogadischu zu befreien, um die Stadt zu einem sicheren Hafen auszubauen. Ob der Rückzug der Milizen gut oder schlecht ist, wissen wir nicht. Vielleicht ändern sie nur ihre Strategie und führen den Kampf ähnlich wie im Irak mit Selbstmordattentaten weiter.

Es gibt auch Regionen wie Somaliland am nördlichen Horn von Afrika, die ganz gut zurechtkommen. Was läuft dort besser?

Das Hungerproblem haben die schon auch. Aber sie haben eine demokratisch legitimierte Regierung, die zwar weltweit nicht anerkannt wird, aber Sicherheit und Stabilität in die Region gebracht hat. Deshalb können sich die Menschen dort eher selbst helfen und auch der Zugang zu den Hilfsbedürftigen ist leichter. Deshalb ist dort die Hungersnot eben nicht so ausgeprägt wie in Puntland und Süd-Somalia, die zum alten Somalia gehören.

Demokratie und Sicherheit helfen also gegen Hungersnöte?

Richtig. Denn dann können sich die Menschen entfalten und Strategien entwickeln oder sich gegenseitig unterstützen. Auch in den Hungergebieten kam zuerst die Hilfe an, die die Einheimischen selbst dort hingetragen haben – die Solidarität in Somalia ist schon sehr groß.

Sie kennen vermutlich die Vorwürfe, Hilfsorganisationen spielten die Auswirkungen solcher Krisen hoch, um mehr Gelder und Einfluss zu bekommen. Was halten Sie davon?

Das ist natürlich Blödsinn. Man spielt ja nicht etwas hoch, was sich als Katastrophe längst abgezeichnet hat. Hier ging alles eher viel zu langsam – auch die Alarmmechanismen. Gleichwohl ist Hilfe nichts, was man gedankenlos tut, sondern man muss wissen, was man macht und da eingreifen wo es wichtig ist. Gleichzeitig darf man die Selbsthilfekräfte der Menschen nicht unterdrücken und die Leute für Jahre oder Jahrzehnte in Lagern festhalten.

Was würden sie dem einzelnen Deutschen raten, der helfen möchte – auch über die Krise hinaus?

Die großen Hilfsorganisationen haben immer auch Programme zur Vorbereitung auf Katastrophen, wo man Menschen beispielsweise bei der Vorratshaltung berät. Wer langfristig und nachhaltig helfen will, der sollte bei Hilfsorganisationen wie der Kindernothilfe nachfragen, was in dieser Richtung mit dem Geld getan wird.

Die Fragen stellte Christian Kreutzer

Spendenkonten:

Kindernothilfe e.V.

"Dürre Afrika"
Spendenkonto 45 45 40
BLZ 350 601 90
KD-Bank eG

Gemeinsam für Afrika

Konto: 400 400 508
Postbank Köln
BLZ: 370 100 50
www.gemeinsam-fuer-afrika.de

Ärzte ohne Grenzen

Stichwort: "Ernährungskrise am Horn von Afrika"
Bank für Sozialwirtschaft
Konto: 97097
BLZ: 37020500
Internet: www.aerzte-ohne-grenzen.de

Unicef

Stichwort: "Nothilfe Horn von Afrika"
Bank für Sozialwirtschaft
Konto 300000
BLZ 37020500
Internet: www.unicef.de

Aktion Deutschland Hilft (Bündnis von deutschen Hilfsorganisationen)

Stichwort: "Ostafrika"
Bank für Sozialwirtschaft
Konto 102030
BLZ 37020500
Internet: www.aktion-deutschland-hilft.de

Welthungerhilfe

Stichwort: "Dürre Ostafrika"
Sparkasse Köln Bonn
Konto 1115
BLZ 37050198
Internet: www.welthungerhilfe.de

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