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Wie Terroristen ticken: Interview mit Ex-Dschihadführer Benotman

Wie Terroristen ticken

09.09.2011, 14:45 Uhr | dpa

Wie Terroristen ticken: Interview mit Ex-Dschihadführer Benotman. Terrorcamp in Afghanistan: "Sie verwechseln Terror und Pflicht, wie die Nazis", sagt Ex-Dschihadführer Noman Benotman (Quelle: AFP)

Terrorcamp in Afghanistan: "Sie verwechseln Terror und Pflicht, wie die Nazis", sagt Ex-Dschihadführer Noman Benotman (Quelle: AFP)

In den 90er Jahren hat der Libyer Noman Benotman die islamistische "Libysche Islamische Kampfgruppe" (LIFGH) geführt, die mit Feuerwaffen und gezielten Anschlägen das Gaddafi-Regime bekämpfte. Nach den 9/11-Anschlägen schwor er der Gewalt ab und schrieb öffentliche Briefe an seinen früheren Vertrauten, Osama bin Laden. Darin forderte er den Al-Kaida-Chef auf, das gleiche zu tun wie er und keine Unschuldigen im Orient oder Okzident mehr zu ermorden. Heute arbeitet Benotman als Analyst bei der britischen Quilliam-Foundation in London. Sie besteht vor allem aus Aussteigern aus der islamistischen Szene und versteht sich als anti-islamistische Denkfabrik. t-online.de sprach mit Benotman über 9/11 und die Innensicht der Terroristen.

Herr Benotman, wie mögen sich die 9/11-Terroristen in den Stunden vor dem Anschlag gefühlt haben?

Ich vermute, sie waren sehr glücklich, denn sie wähnten sich kurz vor dem Eintritt ins Himmelreich. Vermutlich hatten sie den Moment herbeigesehnt. Wenn man sieht, wie sich beispielsweise Mohamed Atta in der Nacht vor den Anschlägen vorbereitet hat, wird das ganz klar: Er hat sich geduscht, rasiert und wie für eine Party fertiggemacht. So wird es auch den anderen gegangen sein.

Wie kann man sich auf solch eine Tat freuen?

Das ist das Problem: Solche Leute verstehen gar nicht, was sie da eigentlich tun. Sie denken, sie täten das Beste, was man überhaupt tun kann, um die Religion und ihr Volk zu verteidigen. Ihr falsches Verständnis von Religion dient ihnen als Rechtfertigung. Sie verwechseln Terror und Pflicht - wie es beispielsweise auch bei den Nazis war.

Gibt es auch in solchen Gruppen Diskussionen nach dem Motto: "Das können wir nicht tun, dabei sterben völlig Unschuldige"?

Für diese aktiven Dschihadisten gibt es leider keine Zivilisten.

Gibt es Gefühle wie Scham oder Reue?

Das kommt von Zeit zu Zeit schon vor. Viele stellen hin und wieder Angriffe auf Zivilisten oder Unbewaffnete in Frage. Aber im Großen und Ganzen glauben sie eben nicht, dass es unbeteiligte Zivilisten überhaupt gibt.

Sie selbst haben sich vor rund zehn Jahren vom Dschihadismus abgewandt. Wie denken Sie heute darüber?

Sie müssen zunächst verstehen, dass meine Aktivitäten ganz anders waren, als die der 9/11-Terroristen oder anderer Attentäter, die nach diesem Schema handeln. Wir (die LIFG, Anmerkung) hatten nur mit ein Ziel: Nämlich das Gaddafi-Regime zu kippen. Ich war in dem Sinn nie ein Dschihadist mit globaler Perspektive. Es ging immer nur um Libyen.

Aber irgendwann haben Sie der Gewalt abgeschworen. Wie war das, ein Dschihadist zu sein?

Es war eine sehr umfassende Erfahrung. Ich habe viel dabei gelernt, was mich bis heute prägt. Zum Beispiel, dass alle diese Dschihadisten versagen, weil sie auf Gewalt setzen. Ideen und intellektuelle Konzepte gehen dabei vollkommen verloren. Ohne die kann man aber überhaupt keine Revolution durchführen. Alle großen Revolutionen der Weltgeschichte waren in ihrer jeweiligen Periode an bestimmte neue Ideen und Denkweisen gebunden. Denken sie an die parlamentarische Revolution in England 1640 oder die französische oder die amerikanische Revolution. Sie führten am Ende zu offenen, liberalen Gesellschaften. Die Dschihadisten verstehen nicht, dass Gewalt zu nichts führt. Schon gar nicht, wenn man sonst nichts zu bieten hat, wie zum Beispiel ernsthafte Konzepte, die das Leben der Menschen verbessern. Das ist das eigentliche Versagen der Dschihadisten: Es fehlt das Verständnis für die philosophische und politische Auseinandersetzung, der aufgeklärte Umgang mit der Masse. Sie benutzen zwar verschiedene Narrative von Unterdrückung und so weiter, um ihre Taten zu rechtfertigen. Aber wenn Sie sie nach ihren Werten fragen, oder danach, wie denn die angestrebte neue Gesellschaft aussehen soll, kriegen Sie keine Antwort.

Hat der Gewalt abgeschworen und bekämpft heute den Extremismus: der Libyer Noman Benotman (Foto: Quilliam Foundation) (Quelle: dpa)Hat der Gewalt abgeschworen und bekämpft heute den Extremismus: der Libyer Noman Benotman (Foto: Quilliam Foundation)Sie dürfen aber dennoch nicht den Fehler machen, alle diese Leute in einen Topf zu werfen. Jeder hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Probleme und Gründe. Allen gemeinsam ist, dass dahinter ein sozialer Konflikt innerhalb ihrer Gesellschaften steht. Egal wie Sie es auch drehen und wenden, ob sie alles aus religiöser oder nationaler Perspektive betrachten: Am Ende geht es immer um einen sozialen Konflikt. Das kapieren Dschihadisten nicht. So verlieren sie den Kontakt zu ihren Gesellschaften und am Ende bleibt ihnen nur noch die eigene Gruppe. Und der Gruppe bleibt nur noch die Gewalt, damit überhaupt noch jemand zuhört. Sonst haben sie nämlich nichts zu bieten.

Gab es bei Ihnen einen bestimmten Moment, an dem Sie sich gesagt haben: Jetzt ist Schluss?

Es gibt nicht den einen Moment, an dem man Morgens aufwacht und weiß, es ist vorbei. So läuft das nur im Film. Es war ein langer Prozess. Ich war in Libyen sehr in den Kampf eingebunden. Was mich aber sehr bewegt hat, war der grauenhafte Bürgerkrieg der Algerier in den 90er Jahren, als Zehntausende Menschen von den Aufständischen niedergemetzelt wurden.

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Zumindest in den Augen von Osama bin Laden waren Sie im Jahr 2000 noch einer der maßgeblichen Führer des internationalen Terrorismus. Er lud Sie gemeinsam mit vielen anderen zu einem großen Treffen nach Kandahar ein.

Bin Laden hat für mich nie eine Rolle gespielt. Wir waren in unserem Kampf in keiner Weise auf ihn oder seine Anerkennung angewiesen. Wir sind Libyer und keine Saudis. Ich bin sicher, ich habe außerdem viel mehr Zeit mit dem Kampf an unseren Fronten zugebracht als Bin Laden an seinen. Ich fuhr als Vertreter der LIFG dorthin. Wir waren mit Al-Kaida nicht verbündet. Im Gegensatz zu Al-Kaida haben wir uns 2007 alle vom bewaffneten Kampf abgewandt und uns entradikalisiert. Dadurch sind wir bis heute zu einem Haupthindernis für Al-Kaida geworden.

Sind Sie nach Ihrem Ausstieg je bedroht worden?

Nicht direkt. Manchmal haben Leute versucht, mich zur Rückkehr zu bewegen. Manche stimmen mir zu, sagen aber: Wir dürfen den Brüdern nicht öffentlich in den Rücken fallen, denn das helfe nur dem "Feind" und so weiter. Aber ich habe meinen eigenen Kopf. Im alten libyschen Königreich gehörte meine Familie zur Aristokratie, das hat mir vielleicht eine etwas eigene Perspektive verschafft. Ich bin aber sicher, dass einige denken, ich sollte eliminiert werden.

Was haben Sie an 9/11 empfunden, als Sie die gewaltige Zerstörung und die vielen Opfer sahen?

Ich war mir in den ersten Minuten nicht sicher, ob es Al-Kaida war. Ich konnte mir zuerst nicht vorstellen, dass sie etwas mit so ungeheuer weit reichenden Konsequenzen unternehmen würden. Es war ja sofort klar, dass die USA mit außergewöhnlichen und extremen Maßnahmen auf den Angriff auf ihrem Boden mit tausenden Toten reagieren würden. Ich dachte: "Wow, wie übel." Nach und nach wurde klar, dass Al-Kaida und Bin Laden dahintersteckten. Ich hatte ihn bei unserem Treffen im Jahr zuvor schon gewarnt. Ich sagte: "Du musst aufhören, die USA zu provozieren. Wir haben im Nahen Osten genug mit unseren Diktatoren zu tun. Warum musst du die ganze Welt gegen dich aufbringen?" Nach den Anschlägen war klar, dass die USA ihn bis nach Afghanistan verfolgen würden - mit allen Konsequenzen.

Wie reagierte Bin Laden, wenn man ihm das sagte?

Um es kurz zu machen: Der öffentliche Bin Laden und der private waren zwei verschiedene Personen. Für die Menschen in seiner Umgebung war er eine Art Heiliger. Er lebte sehr bescheiden; jede Art von Wohlstand war trotz seines Reichtums unterhalb von dem, was sich Durchschnittsmenschen gönnen. Er vermittelte den Eindruck, dass er der Sache einfach alles opferte. Auch in seinen Umgangsformen war er äußerst bescheiden und höflich. Sehr ruhig, sehr charismatisch. Er konnte einem durchaus eine geschlagene Stunde lächelnd zuhören, ohne einmal das Wort zu ergreifen. Dazwischen liefen seine Kinder herum, die wie ganz gewöhnliche afghanische Kinder aussahen. Er wirkte wie ein einfacher Mann.

Einen Extremisten stellt man sich vermutlich anders vor. Was haben Sie empfunden, als er Anfang Mai getötet wurde?

Meine Gefühle waren durchwachsen. Er war ja in den vergangenen Jahren eigentlich gar nicht mehr da. Im Prinzip war er schon vor seinem Tod Geschichte. Es geht einem immer nahe, wenn jemand stirbt, den man persönlich kannte. Doch er war ein sehr kriegerischer Anführer und er starb in seinem Krieg.

Der arabische Frühling hat vieles verändert. Wo sehen Sie die islamischen Länder in 20 Jahren? Wird sich das Modell des demokratischen Rechtsstaates dort durchsetzen?

Wenn Sie von einer echten Demokratie sprechen - vielleicht in zwei oder drei Ländern. Es gibt aber nicht nur ein Szenario, sondern eher zwei oder drei oder mehr. Eines davon ist das demokratische Szenario. Es hängt aber alles sehr stark von den Beziehungen zu anderen Regionen, insbesondere zu Europa und dem Westen ab. Wirkliche Demokratien und offene Gesellschaften sind sehr schwer zu errichten. Wir sehnen uns sehr nach Demokratie, aber bisher gibt es dafür im Nahen Osten kein Vorbild. Für die Demokratie müssen wir uns auch auf anderen Gebieten entwickeln: vor allem wirtschaftlich und kulturell. Es gibt aber auch die Möglichkeit großer regionaler Kriege, zum Beispiel um Energiefragen. Von einer Demokratisierung kann man leider nicht zwangsläufig ausgehen. Wie auch immer: Es wird sehr stark von unserer Beziehung zum Westen abhängen.

Die Fragen stellte Christian Kreutzer

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