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NSU-Prozess: Zschäpe sagt kein Wort - Angeklagte provozieren mit lässiger Haltung

Zschäpe sagt kein Wort - Angeklagte provozieren mit lässiger Haltung

14.05.2013, 19:49 Uhr | AFP, dpa

NSU-Prozess: Zschäpe sagt kein Wort - Angeklagte provozieren mit lässiger Haltung. Zweiter Tag im NSU-Prozess in München (Quelle: dpa)

Kein Funke von Reue oder Scham: Beate Zschäpe und der Mitangeklagte André E. (Quelle: dpa)

Der Prozess um die Verbrechensserie der Neonazi-Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ist auch am zweiten Verhandlungstag sehr schleppend vorangekommen. Nach immer neuen Anträgen der Verteidigung konnte die Anklageschrift erst am Nachmittag verlesen werden. Zudem provozierten die Angeklagten mit ihrer aufreizend lässigen Haltung.

"Ich halte das nicht mehr aus", sagte eine türkischstämmige Frau, als sie noch vor Verlesung der Anklageschrift den Saal im Oberlandesgericht München verließ.

Den Rest gaben ihr die Zwillingsbrüder Maik und André E, letzterer ist neben Beate Zschäpe angeklagt. Er gilt als engster Vertrauter des Terror-Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Zschäpe. Auf seinen Bauch hat der Neonazi "Die Jew, Die" (Stirb Jude, Stirb) tätowiert.

Mit seinem auf der Zuschauertribüne sitzenden Zwillingsbruder Maik scherzte er immer wieder, beide trugen ein schwarzes Shirt der Band AC/DC. Maik E. gilt ebenfalls als Szenegröße.

Keine Angaben zur Person

Lachen, sich in Pose werfen und nur ja keinen Funken von Reue oder Scham zu zeigen: Das scheint der Stil zu sein, den die Angeklagten im NSU-Prozess pflegen wollen. Und Zschäpe scheint den Angehörigen nicht mal den Gefallen tun zu wollen, auch nur ein Wort zu sagen. "Meine Mandantin wird keine Angaben zur Person machen", sagte ihr Anwalt Wolfgang Heer, als der Richter sie nach ihrem Namen fragte.

Überhaupt blieb Zschäpe auch am zweiten Verhandlungstag ihrem selbstbewussten Stil treu. Diesmal war der Hosenanzug etwas heller als beim Prozessauftakt, die vor einer Woche noch offenen langen Haare trug sie als Zopf. Zschäpe scherzte mit ihren Anwälten, selbstsicher ließ sie ihren Blick durchs Gericht wandern. Über ihr Auftreten, das keinen Deut der Reue für die zehn NSU-Morde erkennen lässt, verzweifeln allmählich die Angehörigen der Opfer.

Gerade noch sieben Angehörige zählte der Nebenkläger-Rechtsanwalt Sebastian Scharner im Gericht. Nur sieben von 86 zugelassenen Angehörigen. Manche haben sich entschieden, erst wieder ins Gericht zu kommen, wenn es um die Morde an ihren Verwandten oder um die zwei ohne Tote gebliebenen Kölner Bombenanschläge des NSU geht. Doch manche Angehörige und Zuschauer sind bereits frustriert vom zähen Prozessbeginn.

Am Dienstag beantragten Zschäpes Verteidiger erneut, den Prozess auszusetzen. Es müsse ein neuer, größerer Saal gesucht werden, sagte Verteidiger Heer. Wenn München keinen Platz habe, müsse in ganz Deutschland gesucht werden. Allen Ernstes schlug Heer den ehemaligen Bundestag in Bonn als Alternative vor.

Indes erwägt das Gericht, einen Teil der Anklagevorwürfe abzuspalten. Es sei möglicherweise daran zu denken, den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße wegen der großen Zahl möglicher weiterer Nebenkläger vom Verfahren abzutrennen, sagte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. In diesem Fall könnten zunächst alle anderen Tatvorwürfe verhandelt werden.

Immer wieder Wortscharmützel

Zudem lieferten sich Heer und Richter Manfred Götzl immer wieder Wortscharmützel. "Die Sitzungsgewalt liegt bei mir", sah sich Götzl schon früh zu betonen genötigt. Später gab es Streitereien ums Wort. "Sie unterbrechen mich schon wieder", sagte Götzl. "Sie unterbrechen mich ja auch ständig", sagte Heer.

Der Verteidiger von Ralf Wohlleben, Olaf Klemke, bezeichnete den von Nebenklägern geäußerten Vorwurf, die Verteidigung wolle die Verlesung der Anklageschrift verhindern, als "Schwachsinn". Letztlich wies das Gericht wie schon die Befangenheitsanträge vom ersten Prozesstag auch die neuen Anträge zurück. Das OLG war bereits vor Prozessbeginn für die Wahl des Verhandlungssaals kritisiert worden. Dieser bietet insgesamt nur 51 Zuschauern und 50 Journalisten Platz.

Zschäpe hört Anklageschrift ohne Regung

In der Anklageschrift warf die Bundesanwaltschaft Zschäpe schließlich Mittäterschaft bei sämtlichen Taten der Terrorzelle vor. Die 38-Jährige verfolgte die Verlesung der Anklage zurückgelehnt und ohne sichtbare Regung.

In der Anklage beschrieb Bundesanwalt Herbert Diemer das Konzept des NSU. Demnach sollten Menschen südeuropäischer, vornehmlich türkischer Herkunft "willkürlich ausgewählt und durch hinrichtungsgleiche Erschießungen getötet werden".

"Der Angeklagten Zschäpe, die jeweils an der Planung und Vorbereitung beteiligt war, oblag es, während der Tatausführung regelmäßig die Reisebewegungen von Böhnhardt und Mundlos abzutarnen und einen sicheren Rückzugsraum zu schaffen", so Diemer.

André E. sei der Gruppe unter anderem bei der Beschaffung von Wohnmobilen behilflich gewesen. Holger G. habe Dokumente und Ausweise beschafft, um den dreien ein Leben in der Illegalität zu ermöglichen. Ralf Wohlleben und Carsten S. schließlich sollen die "Ceska" beschafft haben, mit der Böhnhard und Mundlos töteten. Ihnen wirft die Bundesanwaltschaft Beihilfe zu neun Morden vor.

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