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Günther Jauch: Hochwasser-Debatte in der ARD geht baden

Frosch, Fledermaus und Salamander sind wichtiger

10.06.2013, 14:47 Uhr | Von Marius Blume, t-online.de

Günther Jauch: Hochwasser-Debatte in der ARD geht baden. Hochwasser-Talk bei Günther Jauch (Quelle: imago images)

Hochwasser-Talk bei Günther Jauch (Quelle: imago images)

Hochwasseropfer oder -helfer unter den womöglich erwartungsvollen Zuschauern des ARD-Sonntagstalks mit Günther Jauch hätten wohl besser geschlafen oder weiter Sandsäcke gestapelt. Kaum mehr als drei Monate vor der Bundestagswahl wichen die geladenen Politiker unangenehmen Fragen zu Bürgerbeteiligung und Enteignung aus.

Die Ursachenforschung blieb vage, das Schadenvolumen wurde nur gestreift, und beim entscheidenden Punkt Prävention fehlte es an klaren Schlussfolgerungen. "Jahrhundertflut, die Zweite – haben wir denn nichts gelernt?" Nicht viel, lässt sich in Bezug auf die so betitelte, an Zeitverschwendung grenzende Sendung sagen.

Schaden wird nicht diskutiert

Zu Beginn sprach Jauch mit einer Reporterin in Magdeburg, um den aktuellen Stand zu transportieren – ein berechtigter Ansatz. Die wichtigste Aussage einer tendenziellen Entwarnung hätte allerdings auch in einer Durchlaufzeile eingeblendet werden können. Um sich Hintergründen und Lehren zu widmen, reichen 60 Minuten kaum aus, doch etliche wurden verschwendet.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ist es zu verdanken, dass gegen Ende überhaupt einmal der zu erwartende volkswirtschaftliche Schaden erwähnt wurde. Er dürfte die dem Jahrhunderthochwasser von 2002 zugerechneten elf Milliarden Euro wohl noch übersteigen, meinte Herrmann, ohne dass diese Dimension in der Runde diskutiert worden wäre.

Frosch, Fledermaus und Salamander

Jauch war eben mit zweierlei Überflüssigem beschäftigt: Er fragte einen anderen Gast, ARD-Wettermoderator Sven Plöger, wann denn nun mit dem Sommer zu rechnen sei, woraufhin dieser zu scherzen beliebte. Und dann musste Jauch auch noch die im Sinne der Zuschauerbindung obligatorische Schalte zu den Tagesthemen durchziehen. Früher schon hielt die Schalte zu Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) auf, der aus einer recht kontrollierten Lage heraus einen passenden Satz beisteuerte: "Manchmal fehlt uns der Mut, Entscheidungen zu treffen."

Ein ähnlicher Gedanke umtrieb den in einem Einspieler zu sehenden Bürgermeister der gefluteten sächsischen Stadt Roßwein. Diese wurde als Beispiel für verhinderten Hochwasserschutz präsentiert: Eine Bürgerinitiative stemmt sich gegen beiderseits der Mulde geplante Mauern, weil sie die Aussicht verschandelten. Das parteilose Stadtoberhaupt Veit Lindner beklagte ein bundesweites Phänomen verschobener Prioritäten: "Solange Frosch, Salamander und Fledermaus mehr Rechte haben als der Schutz unserer Einwohner, habe ich schlechte Hoffnung, dass wir schnell irgendwelche Baumaßnahmen umsetzen können." Klar, dass nun die Spitzenkandidatin der Grünen, Talkgast Katrin Göring-Eckhardt, Stellung nehmen sollte. Ebenso klar war, dass sie an der heiligen Kuh ihrer Partei, dem Faktor Bürgerbeteiligung, nicht rüttelte. Die beschleunige Prozesse sogar. Humbug, so allgemeingültig hätte Jauch das jedenfalls nicht stehen lassen dürfen.

Experte: "Es gibt keinen sicheren Hochwasserschutz"

Bayerns Landesfürst Horst Seehofer (CSU) hatte dieser Tage das Wort Enteignung als letzte Option für als Flutbecken genutzte Agrarflächen in den Mund genommen. Parteifreund Herrmann mied es wie der Teufel das Weihwasser. Insistierend konnte Jauch ihm nur die Aussage entlocken, dass ein Projekt nicht daran scheitern dürfe, dass "ein oder zwei sich querlegen". In Köln ist das den Ausführungen von "Hochwasser-Papst" Reinhard Vogt zufolge offenbar kein Problem. Seine Aufklärungsmaßnahmen und die teils auch in den aktuellen Krisengebieten eingesetzten mobilen Wände gelten als effiziente Werkzeuge. Die Gelegenheit, zu besprechen, warum es andernorts an dieser Entschlossenheit fehlt und was man dagegen tun kann, wurde versäumt.

Auch im Osten gibt es indes mindestens eine Stadt, die beim Jahrhunderthochwasser von 2002 überschwemmt wurde, sich nun aber recht erfolgreich der Fluten erwehrte. Eilenburg in Sachsen war darum häufig Thema der Berichterstattung, bei Jauch allerdings nicht. Dann hätte aber auch der Umstand dazugehört, dass selbst die neuen Schutzwände gerade noch hoch genug waren. Es gebe "keinen sicheren Hochwasserschutz", räumte Experte Vogt ein, und es sei wichtig, das den Bürgern klarzumachen.

Und der Berliner im achten Stock?

Zweifellos ist das Schicksal der Opfer ein schreckliches und äußerst beklagenswertes. Es muss aber auch die Frage erlaubt sein, inwiefern in Überschwemmungsgebieten gebaut werden darf. Die Talksendung riss sie höchstens an, und Göring-Eckhardt unterstrich sogleich, die Bewohner dürften nicht dafür bestraft werden, dass Baugebiete ausgewiesen wurden. Muss das denn dann sein, und gibt es nicht trotzdem Eigenverantwortung? Kein Wort dazu, auch nicht von jemand anderem wie zum Beispiel dem Moderator. Der konnte immerhin die Crux einer bundesweiten Zwangsversicherung für jedermann allein durch die beispielhafte Erwähnung des im achten Stock wohnenden Berliners aufzeigen.

Kontrovers debattiert wurde eigentlich nie, auch wenn Herrmann ("Unser Hochwasserschutz hat nicht versagt") und Göring-Eckhardt ("Viele Probleme hausgemacht") mit gegensätzlichen Positionen vorgestellt worden waren. Der Innenminister durfte die bislang vom Freistaat investierten 1,6 Milliarden Euro erwähnen und ankündigen, dass einige noch ausstehende Projekte schneller umgesetzt werden sollen. Wie er betonte die Vertreterin der Grünen, dass sich nicht alles von einem auf das andere Jahr realisieren lasse. Sie hob ansonsten gegenüber dem technischen Hochwasserschutz, der immer höhere Deiche und Mauern vorsieht, den ökologischen hervor. Den gibt es auch in Bayern, wie wiederum Herrmann klarstellen konnte. Damit ist vor allem gemeint, freie Auen zu schaffen und die Deiche weiter weg vom Fluss, näher an die Siedlungen zu holen.

Planung vs. Realität

"Wir brauchen viel mehr Platz für Wasser", formulierte es Wetterexperte Plöger und veranschaulichte anhand eines Zahlenvergleichs, welch ungeheure Niederschlagsmassen das Hochwasser mindestens mitverschuldet hatten. Mehr als 400 Liter Regen pro Quadratmeter seien innerhalb von vier Tagen im oberbayerischen Aschau gefallen, knapp 600 in Berlin – in einem durchschnittlichen Jahr.

Auf deutliche Diskrepanzen zwischen Planung und Realität wies ein redaktioneller Beitrag hin: von 351 in Sachsen nach 2002 geplanten Projekten seien 80 fertig, von 34 Deichrückverlegungen hätten bislang zwei stattgefunden. Ob es nun am fehlenden Geld liegt, an Wutbürgern oder daran, wie alle zu bedenken gaben, dass das Thema Hochwasser nur so lange auf der Agenda steht, wie es sichtbar ist: Naturgewalten lassen sich nie völlig fernhalten, für Talksendungen gilt das wohl auch.   

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