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US-Medien im Fall Snowden: Gleichschritt der Mitläufer

US-Medien im Fall Snowden: Gleichschritt der Mitläufer

15.07.2013, 19:34 Uhr | Marc Pitzke, Spiegel Online

US-Medien im Fall Snowden: Gleichschritt der Mitläufer. Die US-Presse agiert im Fall Snowden überwiegend staatstreu im Sinne des Weißen Hauses (Quelle: Reuters)

Die US-Presse agiert im Fall Snowden überwiegend staatstreu im Sinne des Weißen Hauses (Quelle: Reuters)

In Amerikas Mainstream-Medien spielt die NSA-Schnüffelei kaum noch eine Rolle. Stattdessen finden sich Whistleblower Edward Snowden und der "Guardian"-Journalist Glenn Greenwald im Kreuzfeuer der Kommentatoren.

Walter Pincus (80) ist ein Skandalveteran. Der Kolumnist und Ex-Reporter der "Washington Post" schrieb schon über Watergate und Iran-Contra, etliche Geheimdienstaffären und gewann den Pulitzerpreis. Doch selbst Kollegen kritisieren ihn: Pincus stehe der US-Staatsmacht oft zu nahe - vor allem der CIA, für die er in jungen Jahren selbst spionierte.

Diesmal aber muss Pincus extra viel Kreide fressen: Vorige Woche versah die "Washington Post" eine zwei Tage zuvor erschienene Pincus-Kolumne über den NSA-Skandal mit einer drei Absätze langen Korrektur, die die meisten Kernaussagen darin hinfällig machte. Es war eine beispiellose Maßnahme in der 136-jährigen Geschichte der US-Hauptstadtzeitung.

Politische Agenda vermutet

Pincus hatte spekuliert, dass Whistleblower Edward Snowden sowie "Guardian"-Reporter Glenn Greenwald und Dokumentarfilmerin Laura Poitras - die die meisten NSA-Enthüllungen an die Öffentlichkeit brachten - eine politische Agenda hätten und heimlich von Wikileaks-Gründer Julian Assange "gesteuert" würden. Pincus' "Belege" waren nachweislich falsch. Die "korrigierte" Kolumne - oder was davon übrig ist - war nichts als üble Nachrede.

Greenwald, seit längerem im Kreuzfeuer der US-Medien, protestierte sofort in einem offenen Brief ("Lieber Mr. Pincus") gegen die "haltlosen Unterstellungen". Die "Washington Post" nahm sich mehr als 48 Stunden Zeit, den eklatanten Flop kommentarlos richtigzustellen.

Kritik am Enthüller, nicht an den Enthüllungen

Mit der Breitseite gegen Snowden und seine Pressekontakte schwimmt Pincus sowohl auf Regierungslinie - wie längst auch im Zeitgeist. Immer mehr Mainstream-Medien kritisieren statt der eigentlichen Enthüllungen lieber die Enthüller. Snowden in Moskau, Greenwald in Rio: Nicht die immer neuen Details dieses scheinbar endlosen Skandals beherrschen die US-Schlagzeilen - sondern ihre Überbringer.

Bei der "Post" begann das schon, als Snowden sein Material zuerst dem für Sicherheitsthemen zuständigen Reporter Bart Gellman anbot. Gellman diskreditierte Snowden sofort als "melodramatisch", auch wegen seiner kompromisslosen Bedingungen. Snowden hat seither nichts mehr an die "Post" lanciert.

So ging es weiter. Die finanziell angeschlagene "Post", die einst Watergate aufdeckte, verhöhnte den "Guardian" als "finanziell angeschlagen" - "klein und leichtgewichtig, selbst für britische Maßstäbe". "Warum enthüllt ein Londoner Medium so viele Geheimnisse über die amerikanische Regierung?", nörgelte sie, als stünde das nur US-Journalisten zu.

Zeitungen warnen vor Gefährdung der Nation

Ein kürzlicher Leitartikel der "Post" hätte sogar vom Weißen Haus geschrieben sein können. Snowdens Leaks, hieß es da, schadeten "dem Kampf gegen den Terrorismus" und "legitimen Geheimdienstoperationen". Verqueres Fazit der Großmutter des Enthüllungsjournalismus: Die Enthüllungen müssten unverzüglich "enden". Kolumnist Richard Cohen hielt ebenfalls nicht hinter dem Busch: Snowden sei "narzisstisch", Greenwald ein "Aufschneider".

Damit stand er nicht alleine. David Brooks von der "New York Times" bezichtigte Snowden, "Ehrlichkeit und Integrität verraten" zu haben. Roger Simon, Chefkolumnist der Website "Politico", titulierte Snowden als "Nichtstuer, der aus der Kälte kam". Jeffrey Toobin, Edelfeder beim "New Yorker", nannte ihn einen "Narzisst, der ins Gefängnis gehört". Und Melissa Harris-Perry vom sonst so progressiven Kabelsender MSNBC kritisierte Snowdens Handlungen als "gefährlich für unsere Nation".

In dieser Frage gleiche MSNBC dem "offiziellen Network des Weißen Hauses", fand Medienkritiker Jeff Cohen in der "Huffington Post". Ein Weißes Haus unter US-Präsident Barack Obama, das Whistleblowern bekanntlich schon seit Jahren den Krieg erklärt hat.

"Guardian" ist ein ernsthafter Konkurrent

Noch etwas anderes erklärt die Front der medialen Mitläufer: Der "Guardian" macht ihnen daheim massiv Konkurrenz. So wurde die US-Ausgabe des "Guardian" mit dem ersten Snowden-Video-Interview fast sieben Millionen Mal angeklickt. "Sie setzen die US-Nachrichtenagenda", twitterte AP-Starreporter Matt Apuzzo neidisch.

Warum? Janine Gibson, Amerika-Chefin des "Guardian", warf der gesamten US-Konkurrenz in der "Huffington Post" vor, bei Fragen der nationalen Sicherheit an einem "generellen Mangel an Skepsis" zu leiden: Kritisches Hinterfragen gelte seit 9/11 als "unpatriotisch".

Die schlimmste Demütigung wäre es, wenn der britische Eindringling sich mit den NSA-Scoops auch noch einen Pulitzerpreis ergatterte. Um den dürfen sich zwar nur US-Medien bewerben. Doch schon letztes Jahr akzeptierte das Preiskomitee eine Einreichung des "Guardian": Er habe in den USA "eine unverkennbare Präsenz".

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