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Ägypten aktuell: Zusammenstöße in Kairo fordern mindesten 300 Todesopfer

Ägypten im Chaos  

Totenstille nach dem Massaker

15.08.2013, 11:15 Uhr | AP, AFP, dpa

Ägypten aktuell: Zusammenstöße in Kairo fordern mindesten 300 Todesopfer. Chaos, Rauch und Blut: Einsatzpolizisten patrouillieren in Kairo (Quelle: AP/dpa)

Chaos, Rauch und Blut: Einsatzpolizisten patrouillieren in Kairo (Quelle: AP/dpa)

Gespenstische Ruhe nach den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Islamisten und Sicherheitskräften in Kairo: Nachdem am Mittwoch mehr als 500 Menschen ums Leben gekommen sind, hat die ägyptische Führung eine Ausgangssperre verhängt. Die Zusammenstöße wurden damit zunächst beendet.

Doch die Gewalt dürfte so schnell kein Ende nehmen: Die Muslimbrüder haben angekündigt, am Freitag erneut zu protestieren. Indes wurde laut Sicherheitskreisen auch im Urlaubsort Hurghada ein Moslembruder bei Zusammenstößen getötet.

Die Übergangsregierung rief für einen Monat den Notstand aus. Fernsehbilder aus der Nacht zum Donnerstag zeigten gespenstisch anmutende Szenen: Während auf den Straßen Kairos fast ausschließlich Militärfahrzeuge unterwegs waren, sorgten brennende Autowracks für eine schaurige Kulisse.

Das Militär hatte am Abend gewarnt, es werde die Ausgangssperre "mit unnachgiebiger Härte" umsetzen, wie die Zeitung "Al-Ahram" auf ihrer Online-Seite berichtete.

Mindestens 522 Todesopfer

Wie viele Menschen tatsächlich bei den Kämpfen um die Räumung islamistischer Protestlager getötet worden waren, ist noch unklar. Nach offiziellen Angaben starben landesweit 522 Menschen, die Muslimbrüder gehen von deutlich mehr Todesopfern aus. Ihr Sprecher Ahmed Aref schätzte die Zahl der Toten auf 2600.

Unter den Todesopfern waren auch vier Journalisten und 43 Sicherheitskräfte. Mehr als 3000 Menschen seien verletzt worden, berichteten arabische Medien.

USA und EU verurteilen Gewalt

Aus Protest gegen das Vorgehen der Polizei legte Nobelpreisträger Mohammed Al-Baradei sein Amt als Vizepräsident nieder.

Die USA und die Europäische Union verurteilten die Gewalt aufs Schärfste. Alle Seiten müssten an der Wiederherstellung demokratischer Strukturen durch Wahlen arbeiten und die friedliche Teilnahme aller politischen Kräfte zulassen, verlangte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton.

"Die heutigen Ereignisse sind beklagenswert und laufen dem ägyptischen Streben nach Frieden, Zusammenhalt und echter Demokratie zuwider", sagte US-Außenminister John Kerry. Der Notstand müsse so schnell wie möglich aufgehoben werden. Der einzige Ausweg sei eine politische Lösung.

Außenminister Westerwelle berief wegen des Blutvergießens den Krisenstab des Auswärtigen Amts ein und forderte bei einem Besuch in Tunesien: "Das Blutvergießen muss beendet werden, und zwar durch Gespräche und Verhandlungen."

Westerwelle ließ den ägyptischen Botschafter ins Auswärtige Amt in Berlin einbestellen. Er appellierte außerdem erneut an alle Deutschen in, die Reisehinweise des Auswärtigen Amts für Ägypten im Internet zu beachten.

Weitere Demos angekündigt

Unterdessen kündigten die Muslimbrüder an, ihre Proteste gegen die Absetzung von Präsident Mohammed Mursi auch nach den blutigen Unruhen vom Mittwoch fortsetzen zu wollen.

Das ägyptische Nachrichtenportal youm7 berichtete, die Sicherheitskräfte befürchteten "eine neue Welle der Gewalt", wenn die Islamisten am Freitag erneut demonstrieren sollten.

"Ich denke, dass wir leider noch öfter Straßenkämpfe sehen werden", beurteilte Irene Weipert-Fenner von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung die Lage im Gespräch mit t-online.

Gewalt im ganzen Land

Anhänger des Ex-Präsidenten beschossen eine Polizeistation in der südlichen Stadt Assiut mit Mörsergranaten. Das berichtete ein Beamter der Sicherheitsdirektion von Assiut. Seinen Angaben zufolge wurden mehrere Polizisten verletzt. Es entbrannte ein Feuergefecht zwischen der Polizei und den Islamisten.

Am Mittwoch hatte die Polizei bei der gewaltsamen Räumung der beiden Protestlager der Anhänger des Ex-Präsidenten Mohammed Mursi zunächst Tränengas eingesetzt. Die Islamisten gingen mit Steinen und Flaschen auf Sicherheitskräfte los, später wurde von beiden Seiten scharf geschossen.

Die Gewalt griff rasch auf andere Teile des Landes über. Mursi-Anhänger sollen landesweit 21 Polizeistationen gestürmt haben. Zudem sollen sieben christliche Kirchen beschädigt oder in Brand gesetzt worden sein.

Übergangspräsident Adli Mansur rief den Notstand aus, der Razzien und Festnahmen ohne gerichtliche Anordnung ermöglicht. In Kairo und mehreren anderen Provinzen durfte von 21.00 Uhr bis 6.00 Uhr kein Mensch die Straße betreten.

Keine Alternative zur Räumung?

Nicht überall wurde die nächtliche Ausgangssperre beachtet. In Alexandria hätten Mursi-Anhänger mehrere Straßen blockiert und Straßenbahnwaggons angezündet, hieß es.

Übergangs-Ministerpräsident Hasem al-Beblawi sagte am Abend im Staatsfernsehen, es habe keine Alternative zu der Räumung der Camps gegeben. Der Staat sei zum Handeln gezwungen gewesen, um die Sicherheit zu gewährleisten.

Unabhängige Experten bezweifeln indes, dass die Räumung alternativlos war. "Man wusste, dass das auf eine Eskalation hinausläuft. Und es wurde relativ schnell scharf geschossen. also man kann nicht vom Versuch der friedlichen Auflösung der Proteste sprechen. ", sagte Irene Weipert-Fenner.

Die Islamisten hatten die Zeltlager in Kairo vor fünf Wochen errichtet, um Mursis Wiedereinsetzung zu erzwingen. Das Militär hatte den Präsidenten am 3. Juli nach Massenprotesten abgesetzt.

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