Sie sind hier: Home > Politik > Specials > Die Syrien-Krise >

Übergriffe auf Journalisten: "Ich gehe nie mehr nach Syrien zurück"

Der gefährlichste Job der Welt  

"Ich gehe nie mehr nach Syrien zurück"

10.11.2013, 20:17 Uhr | AP

Übergriffe auf Journalisten: "Ich gehe nie mehr nach Syrien zurück". Fotografen aus Kanada und Japan rennen mit ihrem Begleiter durch die Feuerlinie (Quelle: Reuters)

Raus aus der Deckung im Kampf um Stories und Bilder: Fotografen aus Kanada und Japan rennen in Aleppo mit ihrem Begleiter durch die Feuerlinie (Quelle: Reuters)

Zuerst beschuldigten sie ihn, ein westlicher Spion zu sein. Vier Mal musste Jonathan Alpeyrie eine Scheinhinrichtung über sich ergehen lassen. "Am Ende drehte sich alles ums Geld", erzählt der französisch-amerikanische Pressefotograf, der 81 Tage lang von syrischen Islamisten festgehalten wurde. Gegen ein Lösegeld von 450.000 Dollar (336.000 Euro) kam er schließlich frei.

Syrien ist für Journalisten zu einem der gefährlichsten Länder überhaupt geworden. Die Entführungen von Medienvertretern haben ein bislang beispielloses Ausmaß erreicht, wie die Zahlen von Journalistenorganisationen belegen.

Dutzende tot oder in Geiselhaft

Nach Angaben des in New York ansässigen Komitees zum Schutz von Journalisten (CPJ) wurden seit Beginn des Bürgerkriegs vor gut zweieinhalb Jahren in Syrien mindestens 52 Journalisten getötet, mindestens 30 befinden sich in Geiselhaft. Das CPJ hat seit Jahresbeginn außerdem 24 Fälle dokumentiert, in denen Journalisten vorübergehend verschwunden waren, mittlerweile aber wieder in Sicherheit sind.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) berichtete vor einigen Tagen, mindestens 110 "Medienschaffende" seien wegen ihrer Arbeit getötet worden und mehr als 60 befänden sich in der Gewalt einer der Konfliktparteien oder würden vermisst. Die Diskrepanz der Zahlen von CPJ und ROG beruht in erster Linie auf den unterschiedlichen Definitionen des Personenkreises - denn längst sind es nicht mehr nur hauptberufliche Journalisten, die Texte und Bilder aus Syrien liefern.

Auffällig ist: Die Medien berichten kaum über die Entführungen von Journalisten in Syrien, meist auf Wunsch von Angehörigen oder Arbeitgebern der Opfer. In der Regel wird dieser Wunsch nach Vertraulichkeit respektiert, wenn es Grund zu der Annahme gibt, dass eine Veröffentlichung das Leben der Geisel gefährden könnte.

Seit dem Sommer hat die Zahl der Entführungen in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten zugenommen. Dahinter stecken vor allem Islamisten, die der Al-Kaida nahestehen. Zu den gefährlichsten Orten gehören die Stadt Rakka im Nordosten des Landes, die östliche Provinz Deir al-Sur, die Stadt Asis an der Grenze zur Türkei sowie der Korridor nach Aleppo, einst die Hauptroute für Journalisten, die nach Syrien einreisten.

Dschihadisten, Milizen, kriminelle Banden - alle sind gefährlich

Doch nicht nur radikale Islamisten sind für die Übergriffe auf Journalisten verantwortlich, sondern auch regierungsnahe Milizen, kriminelle Banden und Rebellen der oppositionellen Freien Syrischen Armee. So unterschiedlich die Täter, so unterschiedlich sind ihre Motive: Es geht um Lösegeld, um Einschüchterung oder - wie im Falle religiöser Extremisten - um ideologische Ziele.

Den Al-Kaida-nahen Islamisten könnten die Geiseln auch als Faustpfand dienen, wie Peter Bouackert von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erklärt: "Sie werden festgehalten als Versicherung für eine mögliche westliche Intervention gegen extremistische Dschihadisten."

Die Auswirkungen auf die Berichterstattung über den Konflikt sind gravierend. Je weniger erfahrene Journalisten sich nach Syrien trauen, umso weniger sind die Medien in der Lage, an unabhängige Informationen aus erster Hand zu kommen.

"Es ist wichtig, dass Journalisten die Geschichte des syrischen Bürgerkriegs bezeugen und erzählen", sagt John Daniszewski, leitender Redakteur für die internationale Berichterstattung der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Angesichts der Übergriffe auf Journalisten, die für die Täter meist folgenlos bleiben, fordert er: "Die Bürgerkriegsparteien müssen das Recht der Journalisten, fair und korrekt zu berichten, als Grundrecht anerkennen und schützen."

Das größte Risiko tragen die einheimischen Berichterstatter. Bei 47 der 52 getöteten Journalisten die das CPJ registriert hat, handelt es sich um Syrer. Unter den ausländischen Opfern sind zwei Franzosen, eine Amerikanerin und ein Japaner.

Leben oder Sterben - das gleicht einem Glücksspiel

Journalisten sollten es sich derzeit sehr gut überlegen, ob sie nach Syrien gehen, rät Richard Engel seinen Kollegen. Als Korrespondent des US-Fernsehsenders NBC wurde er im Dezember 2012 von regierungstreuen Milizionären im Norden Syriens verschleppt und fünf Tage lang festgehalten.

"Wenn man sich jetzt in die von den Rebellen kontrollierten oder umkämpften Gebiete im Norden und Osten Syriens begibt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man nicht lebend herauskommt, ziemlich hoch." Ähnlich äußert sich Jason Stern vom CPJ: Ob man als Journalist in Syrien entführt werde oder nicht, gleiche einem Glücksspiel.

Alpeyrie, der Fotograf, der sich fast drei Monate in der Hand islamistischer Rebellen befand, ist ein erfahrener Kriegsberichterstatter. Seine Einsätze führten ihn bereits nach Afghanistan, Ägypten, Libyen, Pakistan, Somalia - und drei Mal nach Syrien. Doch eines steht für den 34-Jährigen nach den Erfahrungen der Geiselhaft fest: "Ich gehe nie mehr nach Syrien zurück."

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Jetzt Sky Fußball-Bundesliga-Paket 1 Jahr inkl. sichern!*
bei der Telekom
myToysbonprix.deOTTOUlla Popkenamazon.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal