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Gedenken an Ersten Weltkrieg löst Streit unter Briten aus

Insel-Kontroverse  

Britischer Bildungsminister poltert zum Gedenken an den "Great War"

15.02.2014, 14:38 Uhr | are, t-online.de, AFP, AP

Gedenken an Ersten Weltkrieg löst Streit unter Briten aus. Erster Weltkrieg: Ein Munitionslager von Briten und Franzosen an der Somme in Nordfrankreich (Quelle: dpa)

Die Schlacht an der Somme ist bis heute Symbol für den immensen britischen Aufwand an Mensch und Material im Ersten Weltkrieg (Quelle: dpa)

Vielerorts wird 2014 des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren gedacht - besonders intensiv in Großbritannien. Unter Historikern wird die These von der deutschen Alleinschuld längst angezweifelt. Der konservative britische Bildungsminister Michael Gove aber kennt nach wie vor nur einen Schuldigen: "Deutschland mit seinen aggressiv expansionistischen Kriegszielen".

Der bekannte britische Schauspieler Tony Robinson hält dagegen: "Ich glaube, Herr Gove hat einen sehr dummen Fehler gemacht." Robinson steht der oppositionellen Labour-Partei nahe. Und er spielt in der BBC-Serie "Blackadder" mit, einer pointierten Satire auf die britische Geschichte zwischen 1485 und 1917. In dieser geht es auch um die britische Propaganda zur Zeit des Ersten Weltkrieges.

Kern des Streits

Diese TV-Satire aus den 1980er Jahren hat nun auf der Insel einen Streit entfacht. Es geht dabei um die Frage, ob man mit dem Gedenken an den Ersten Weltkrieg Späße treiben darf.

Der Streit verdeutlicht, wie sensibel auf der Insel mit dem Thema umgegangen wird, und wie verhärtet die Fronten sind: satirische und linke Antimilitaristen treffen auf rechtskonservative Politiker wie den 46-jährigen Gove, die ein komplexes Thema unangemessen vereinfachen wollen. Auch Historiker mischen sich ein.

Warum die Briten Krieg führen wollten

Der Erste Weltkrieg begann am 28. Juli 1914, vier Wochen nach dem Attentat des serbischen Nationalisten Gavrilo Princip auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo. Daraufhin erklärte Österreich-Ungarn dem abtrünnigen Königreich Serbien den Krieg.

Bündnispartner Deutschland stand Wien zur Seite und sah sich bald dem immer befürchteten Zweifrontenkrieg ausgesetzt. Beim Angriff auf Frankreich, das Serbien zur Seite stand, verletzte Deutschland die Neutralität Belgiens und Luxemburgs. London erklärte deswegen dem Deutschen Reich den Krieg. Das kam den Briten nicht ungelegen, denn die Deutschen waren aus ihrer Sicht zu lästigen Herausforderern um die Vorherrschaft in Europa geworden.

Schlafwandelte Europa in sein Unglück?

So kann man es jedenfalls in den neuesten Büchern zum Ersten Weltkrieg, beispielsweise in "Die Schlafwandler" (2013) des renommierten australischen Historikers Christopher Clarke von der Universität Cambridge, nachlesen. Die These von der Mitschuld und Kriegsbereitschaft aller beteiligten Staaten vertritt auch der Imperialismus- und Weltkriegsforscher Sönke Neitzel von der London School of Economics.

Insgesamt standen im bis dato größten Krieg mehr als 60 Millionen Menschen unter Waffen. Mindestens neun Millionen Soldaten und unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen sechs und neun Millionen Zivilisten kamen ums Leben. Dem Deutschen Reich, das den Krieg auch militärisch verloren hatte, wurde im Versailler Vertrag die alleinige Kriegsschuld zugewiesen.

"Great War" in der britischen Volksseele verankert

Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg durch die Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs und der begangenen NS-Verbrechen überlagert wird, ist "The Great War" im kollektiven Gedächtnis Großbritanniens fest verankert. In London werden daher für dieses Jahr zahlreiche Gedenkveranstaltungen geplant.

Überschattet wird dies jedoch durch eine Debatte, die sich nicht nur um den von Gove bemühten Patriotismus oder den Verantwortungsbegriff dreht.

Tiefschwarzer britischer Humor

Die Art und Weise, wie in "Blackadder" der Erste Weltkrieg aufgearbeitet wird, erregt die Gemüter.

Der Schauspieler Rowan Atkinson - hierzulande bekannt als "Mr. Bean" - spielt in der letzten Staffel "Blackadder Goes Forth"" die Hauptrolle des britischen Offiziers Blackadder, der den martialischen Irrsinn des Krieges auf seine Weise vor seiner in den Schützengräben ausharrenden Truppe kommentiert: "Wir hocken hier seit Weihnachten 1914, und in dieser Zeit sind Millionen von Männern gestorben, während wir nicht mehr Fortschritte gemacht haben als eine asthmakranke Ameise mit schweren Einkaufstüten."

Dann kommt der Angriffsbefehl eines als vollkommen inkompetent dargestellten Generals, und die Männer, zu denen auch Blackadders Diener Baldrick (gespielt von Robinson) gehört, klettern aus dem Graben und stürmen ihrem sicheren Tod entgegen. Viele Menschen sehen die Serie als Klassiker an, insbesondere wegen dieser letzten Szene.

Gove: Blanker Zynismus voller Fehler

Gove, der die Fraktion der Kritiker anführt, ist allerdings kein Fan von "Blackadder". Und er will so gar keinen Humor bei den Protagonisten erkennen. In einem Meinungsbeitrag für die konservative und bürgerlich-populistische "Daily Mail" kritisiert er die "Falschdarstellung" des britischen Militärs und tut die Serie als linken Zynismus ab. Die Satire stelle das Geschehen so dar, als handele es sich um "eine Serie katastrophaler Fehler, verübt von einer realitätsfremden Elite".

Tugenden wie Patriotismus, Ehre und Mut, die in Großbritannien eine große Rolle spielen, würden verunglimpft. Es sei eine demokratische Pflicht gewesen, Deutschland im Ersten Weltkrieg entgegenzutreten. Er bedauere, so Gove schließlich, den Erfolg von "Blackadder": die Serie rangiert laut einer Umfrage der Filmzeitschrift "Empire" auf Platz 20 der besten TV-Sendungen aller Zeiten in Großbritannien. Zudem wurde sie 2004 bei über 100 zur Auswahl stehenden britischen Sitcoms zur zweitbesten aller Zeiten gewählt.

Streit zwischen Politikern und Historikern

Die Blackadder-Fans und ihr Sprachrohr Robinson sind empört. Auch der bildungspolitische Sprecher der Labour-Partei, Tristram Hunt, wirft Gove vor, er versuche, das Gedenken für die eigenen politischen Zwecke zu missbrauchen und Labour mit geschichtsverzerrenden Komikern in Verbindung zu bringen.

Auch einige Historiker beziehen Position in dem Streit. Max Hastings, Militärhistoriker und Autor des gerade erschienenen Buches "Catastrophe - Europe Goes to War", vertritt die These, dass Deutschland die Hauptverantwortung am Krieg trage. Großbritannien habe damals gar keine andere Möglichkeit gehabt, als zu kämpfen, weil eine deutsche Hegemonie "unerträglich für Freiheit und Demokratie gewesen wäre".

Bildungsminister Gove sieht sich durch Hastings bestätigt. Dabei geht es ihm aber offenkundig weniger um historische Details als viel mehr um die Darstellung von Großbritanniens Größe. Denn dass Hastings auch die falschen Entscheidungen der militärischen Eliten und Militärs herausarbeitet, die zum unnötigen Tode Hunderttausender Landsleute in überflüssigen Schlachten geführt hat, verschweigt Gove.

"Nicht nur Propaganda nachplappern"

Andere renommierte Historiker werfen Hastings allerdings vor, zu anekdotenhaft zu schreiben und für sein Buch nicht genügend recherchiert zu haben. Richard J. Evans, Professor für Geschichte an der Universität Cambridge, macht deutlich: "Nach 100 Jahren muss man etwas nuancierter vorgehen und nicht nur britische Propaganda über den Krieg nachplappern. Politiker müssen akzeptieren, dass es viele unterschiedliche Ansichten zum Ersten Weltkrieg gibt und man seiner auf viele verschiedene Arten gedenken kann."

Zudem stellt Evans die Frage, wie sich Englands Kampf für die Demokratie mit seinem Pakt mit dem autokratischen Zarenreich vereinbaren lasse. Tatsächlich hätte Russland, in dem schon wenige Jahre vor Kriegsausbruch anti-jüdische Pogrome stattfanden, die deutsche Despotie doch weit in den Schatten gestellt.

Teil der euroskeptischen Agenda

Auch Evans wirft Gove vor, das Gedenken an den Krieg für eigene politische Ziele auszunutzen. Zum einen gehe es darum, "eine Art euroskeptische Agenda" voranzutreiben, während viele Briten mit einem EU-Austritt liebäugeln. Zum anderen wollten die Konservativen den Geschichtsunterricht an britischen Schulen entsprechend ihrer Agenda reformieren.

Dabei gelte es als vorteilhaft, "den 'Hunnen' schlecht zu machen", als den die britische Propaganda den deutschen Gegner während beider Weltkriege und noch lange Zeit danach verzerrte. Damit mache man es sich aber zu einfach, betont Evans.

Andere Historiker begnügen sich in ihrer Kritik an Gove damit, darauf hinzuweisen, dass der Minister wohl nicht erkannt habe, das es sich bei "Blackadder" um keine Dokumentation sondern um Satire handle. Aber auch das sagt viel aus über den Grad der Anerkennung des britischen Bildungsministers in Gelehrtenkreisen.

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