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Ukraine: Vitali Klitschko erntet Pfeifkonzert nach Janukowitsch-Gespräch


Nach Krisengespräch in der Ukraine  

Wütende Demonstranten mit Pfeifkonzert für Klitschko

24.01.2014, 09:44 Uhr | Aus Kiew berichtet Matthias Gebauer, Spiegel Online, dpa

Ukraine: Vitali Klitschko erntet Pfeifkonzert nach Janukowitsch-Gespräch. Vitali Klitschko bei den Demonstrationen in Kiew (Quelle: AP/dpa)

Vitali Klitschko ist enttäuscht von den Verhandlungen mit dem Regime; die Menge ist enttäuscht von ihm (Quelle: AP/dpa)

Fast fünf Stunden dauerten die Gespräche zwischen Regierung und Opposition am Donnerstagabend - das Ergebnis war mager. Einige Gefangene sollen freigelassen werden. Vitali Klitschko bat seine Anhänger, den "Waffenstillstand" zu verlängern. Die Menge reagierte mit einem wütenden Pfeifkonzert.

Eine Entspannung der politischen Krise in der Ukraine ist nicht in Sicht. Nach stundenlangen Verhandlungen mit Präsident Wiktor Janukowitsch kamen die drei Führer der Opposition am späten Donnerstagabend auf den zentralen Maidan-Platz. Vitali Klitschko, Oleg Tiagnibok von den Nationalisten und der frühere Außenminister Arsenij Jazenjuk mussten eingestehen, bei dem Treffen nur minimale Zusagen erreicht zu haben.

Sie wurden von Tausenden auf dem Platz ausgepfiffen. Nach dem Auftritt besteht weiter die Gefahr, dass die Proteste wie in den Tagen zuvor in gewalttätige Straßenschlachten mit der Polizei münden.

Am Morgen hatte der ehemalige Box-Champion Vitali Klitschko mit einem dramatischen Appell an die gewaltbereiten Teile der Oppositionsbewegung eine kurzzeitige Beruhigung der Lage erreichen können. Konkret hatte er Hunderte Vermummte gebeten, die Polizei an einer Barrikade mitten im Zentrum von Kiew für einige Stunden nicht mehr zu provozieren.

Ein wahres Schlachtfeld

An der Stelle waren in der Nacht zum Mittwoch bei bürgerkriegsähnlichen Szenen mehrere Demonstranten getötet und Hunderte verletzt worden. Ein wahres Schlachtfeld zeugte am Donnerstag von dem nächtlichen Kampf.

Bis zum Abend harrte die Masse der immer stärker von Hooligans durchmischten Gruppe jedoch an der Straßensperre aus, ihnen gegenüber waren Spezialeinheiten der Polizei postiert. Kurz vor Mitternacht tauchte dann Klitschko an der Barrikade aus ausgebrannten Bussen und Autos auf.

Bedrängt von der Menschenmasse musste er erklären, dass er bei dem Gespräch mit dem Präsidenten einzig die Freilassung von rund hundert Gefangenen hatte erreichen können. Doch selbst dafür konnte er keinen Termin nennen.

"Wir werden uns so nicht abspeisen lassen"

Kurz darauf trat der Oppositionspolitiker sichtlich frustriert auf der großen Bühne des nahegelegenen Maidan-Platzes auf, dort harren seit Monaten Tausende Demonstranten trotz eisiger Kälte aus. "Ich weiß, dass alle von euch sehr enttäuscht sein werden, wenn ich meine Rede beendet habe", rief Klitschko.

Dem Zwei-Meter-Mann blieb nichts anderes übrig, als seine Anhänger mit Durchhalte-Parolen zu versorgen. Zwar erwähnte er die Möglichkeit eines nationalen Streiks. Es blieb aber unklar, wann er und die anderen Oppositionsgruppen konkret zu einem solchen Protest aufrufen wollen.

Die Menge auf dem Platz reagierte enttäuscht, am Ende riefen viele sogar "Schande, Schande". Besonders die jungen Männer, die sich in den vergangenen Tagen mit Motorradhelmen, Stahlstangen und Steinschleudern bewaffnet hatten, zogen nach der Rede umgehend wieder zu den Barrikaden. "Wir werden uns so nicht abspeisen lassen", sagte einer wütend. In der aufgeheizten Lage ist es fraglich, ob die Politik den Hass des Mobs noch unter Kontrolle halten kann.

Neuwahlen verlangt

Noch am Vortag hatten die Oppositionsführer dem Präsidenten ein Ultimatum für ein Entgegenkommen gestellt und andernfalls Massendemonstrationen historischen Ausmaßes angekündigt. Der 42-jährige Klitschko hatte betont, Janukowitsch müsse bis Donnerstagabend den Forderungen der Demonstranten nachkommen, die unter anderem vorgezogene Neuwahlen verlangen.

Präsident Janukowitsch blieb seiner Linie treu, keine oder nur minimale Zugeständnisse zu machen. Er beantragte eine Sondersitzung des Parlaments in Kiew, die kommende Woche stattfinden soll. Zwar könnte dort auch über die Oppositionsforderung nach einem Rücktritt der Regierung beraten werden, allerdings verfügt Janukowitsch im Parlament über eine satte Mehrheit, ein Misstrauensvotum ist damit so gut wie ausgeschlossen.

Eine ähnliches Votum hatte er schon im Dezember einmal als Ablenkungsmanöver benutzt, um Zeit zu gewinnen.

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