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Edward Snowden beschäftigt Günther Jauch: Nur das Publikum hatte Spaß

Snowden Thema bei Jauch  

Wenigstens hatten die Zuschauer was zu lachen

27.01.2014, 18:18 Uhr | Von Marc L. Merten, t-online.de

Edward Snowden beschäftigt Günther Jauch: Nur das Publikum hatte Spaß. Günther Jauch und der frühere US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum (Quelle: imago images)

Wenig zu lachen hatten Günther Jauch und der frühere US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum. Immerhin fanden einige Studio-Zuschauer Kornblums Aussagen lustig (Quelle: imago images)

Es kommt selten vor, dass das Publikum im Gasometer zu Berlin was zu lachen hat, wenn Günther Jauch zu seiner Talkshow lädt. Doch am Sonntagabend kam es anders. Mehrmals lachten die Studio-Zuschauer laut auf. Doch nicht, weil Jauch oder seine Gäste etwas Komisches von sich gegeben hätten. Im Gegenteil: Es war arg traurig, insbesondere dem ehemaligen Botschafter der USA zum Thema Edward Snowden zuhören zu müssen.

US-Diplomat John Kornblum ließ eine Stunde lang die Diskussion über sich ergehen, mal ruhig, mal trotzig, mal belehrend. Er saß stoisch in seinem Sessel, die Hände scheinbar auf seinen Oberschenkeln festgebunden, und versuchte gemeinsam mit "BILD"-Reporter Julian Reichelt, den Gastgeber und die drei anderen Gäste davon zu überzeugen, dass der in Moskau weilende Snowden eigentlich gar kein mutiger Whistleblower, sondern ein krimineller Landesverräter sei, der ins Gefängnis gehöre - mindestens.

Auf der anderen Seite saßen Hans-Christian Ströbele, der Grünen-Politiker, der Snowden unlängst in Moskau besucht hatte, die IT-Expertin und ehemalige Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband, und TV-Journalist Hubert Seipel. Letzterem war es gelungen, ein Interview mit Snowden zu führen. Das erste TV-Interview überhaupt seit den Enthüllungen über die Abhörtechniken der National Security Agency (NSA), exklusiv - und erst im Anschluss an die Jauch-Sendung in einer ersten 30-minütigen Zusammenfassung in der ARD zu sehen. Eine ausführliche Dokumentation soll im Frühjahr ausgestrahlt werden.

Altbekanntes, Vielgesagtes, nichts Neues

Es gab also einen aktuellen Anlass, das erste Interview mit Snowden. Was würden die Zuschauer erfahren? Was hatte Snowden dem profilierten NDR-Journalisten gesagt? Und wie würden Kornblum und die Gäste diese Aussagen aufnehmen und kommentieren? Welche zukunftsweisenden Schlüsse ließen sich ziehen?

Kurzum: keine. Stattdessen ging es einmal mehr darum, ob Snowden ein Held oder ein Verräter ist, ob Deutschland ihm endlich Asyl gewähren soll und wie groß die Kluft zwischen Moral und Rechtsstaatlichkeit einerseits und der Aufgabe der Sicherheit und Terrorismusbekämpfung andererseits ist.

"Eine Schande für Westeuropa"

Selbst das Gesagte der eigentlichen Hauptfigur wurde in die ewig gleichen Diskussionen eingeflochten. Zum Beispiel dass Snowden das Gefühl habe, dass "Regierungsvertreter mich töten wollen". Das fand Kornblum völlig übertrieben. Snowden sei "niemand, den man umbringen würde", befand der US-Diplomat - und erntete Gelächter der Zuschauer. Reichelt sprang ihm allerdings zur Seite und kritisierte, dass man den USA eine "mörderische Haltung" unterstelle, Snowden sich aber in Russland aufhalte, wo man genau so mit seinen eigenen Dissidenten verfahre.

Dieses Argument, das eigentlich gar keines war, brachte Ströbele auf die Palme. Es sei "eine Schande für die westeuropäischen Länder, für die Demokratien, für die Rechtsstaaten dieser Welt, dass Herr Snowden nur in Moskau Zuflucht findet. Wir sollten uns alle schämen." Und auch Weisband forderte, dass nicht nur die Politik, sondern auch die deutsche Gesellschaft eine Verpflichtung hätte, sich entgegen aller politischen Folgen für das deutsch-amerikanische Verhältnis für Snowdens Asyl einzusetzen.

Die NSA und das "große Missverständnis"

Doch eben, da war es wieder, das alte Lied um Asyl für Snowden in Deutschland. Neues erbrachte die Diskussion für den Zuschauer nicht. Auch nicht, als Snowden erklärte, wie die NSA die Daten filtert, die sie jeden Tag speichert. "XKeyscore" heißt das Programm, auf das auch Deutschland Zugriff hat, wie Snowden bestätigte. Doch anstatt dass Jauch Ströbele fragte, wie denn der deutsche Bundesnachrichtendienst davon profitiere und wie er es anwende, ließ der Gastgeber den Reporter der "BILD" von einem "großen Missverständnis" sprechen.

Es gehe nicht darum, dass die NSA alle E-Mails der deutschen Staatsbürger lesen würde, nur weil sie sie lesen könne, sondern darum, "die unbedeutenden herauszufiltern", um an die wichtigen zur Terrorbekämpfung zu gelangen. Oder, anders betrachtet, in den Worten Seipels: "Man nimmt uns schon mal als mögliche Terroristen ins Visier, um nachher zu prüfen, ob es auch so ist."

Wie würde ein deutscher Whistleblower behandelt?

Dann ging es um Merkel, ihr Handy und die Frage, wer sonst noch ausspioniert wurde in Deutschland. Auch hier kam Snowden zu Wort, und es begann, endlich interessant zu werden. "Wie logisch ist es anzunehmen, dass sie (Merkel, Anm. d. Red.) das einzige Regierungsmitglied ist, das überwacht wurde?", fragte Snowden im Interview und antwortete gleich selbst: "Ich würde sagen, es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass jemand, der sich um die Absichten der deutschen Regierung sorgt, nur Merkel überwacht, und nicht ihre Berater, keine anderen bekannten Regierungsmitglieder, keine Minister oder Angehörige kommunaler Regierungen."

"Klingt schlüssig", meinte Jauch. "Ja, aber es ist zu 100 Prozent falsch", antwortete Kornblum. Dieses Mal lachte das Publikum sogar ein bisschen lauter. Doch dann wählte er ebenso schlüssig klingende Worte. Deutschland sei gut beraten, "nicht mehr in Emotionen zu verfallen, sondern die Themen zu verstehen", um die es gehe. Er ließ die Frage unausgesprochen, wie ein "mutiger Whistleblower" in Deutschland behandelt werden würde, der geheimes Material des BND an die Öffentlichkeit trägt. Denn machen wir uns nichts vor: Wofür hat Deutschland den BND, wenn nicht für Überwachung und Spionage? Es schwang die Frage der Doppelmoral in Kornblums Worten mit, die man ihm irgendwie nicht verübeln konnte.

Wird Snowden der "größte Aufklärer der Geschichte"?

Verübeln konnte man der Runde, dem Gastgeber und der gesamten Redaktion aber durchaus, dass außer kaltem Kaffee an diesem Abend kaum mal etwas Erhellendes zu Tage gefördert wurde. Die Ausschnitte aus dem Snowden-Interview lieferten nicht das, was sie sollten. Sondern sie entfachten nur bereits erloschene Debatten neu, die ins Nichts führten, während das wenig Neue einzig ungeduldig machte, weil der interessierte Zuschauer viel lieber endlich die halbstündige Zusammenfassung des Interviews sehen wollte statt einer Diskussion zu lauschen, die sich im Kreis drehte.

Wenigstens bleiben die Schlussworte Ströbeles und Weisbands in Erinnerung. Der Eine, der Snowden in zehn Jahren als einen der "größten Aufklärer der Geschichte" sieht. Und die Andere, die hofft, Snowden werde in zehn Jahren dort sein, "wo er sein möchte, weil eine Gesellschaft ihn schützt". Ein hehres Ziel, mit solchen Diskussionen aber nicht zu erreichen. Wenigstens hatten die Zuschauer da und dort was zu lachen.

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