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Der Maidan fordert Janukowitschs Kopf

"Kein Verzeihen" in Kiew  

Der Maidan fordert Janukowitschs Kopf

21.02.2014, 20:34 Uhr | Andreas Stein und Benedikt von Imhoff, dpa

. In der Trauer um Opfer bleibt die Lage in der Ukraine auch nach dem Kompromiss von Kiew unversöhnlich. (Quelle: AP/dpa)

In der Trauer um Opfer bleibt die Lage in der Ukraine auch nach dem Kompromiss von Kiew unversöhnlich. (Quelle: AP/dpa)

Nach Tagen beispielloser Gewalt steht die leidgeplagte Ukraine vor den größten Umbrüchen ihrer jüngeren Geschichte. Neuwahlen, neue Regierung, neue Verfassung - Präsident Viktor Janukowitsch erfüllt seinen Gegnern so gut wie alle Wünsche. Das Parlament peitscht fast im Minutentakt Beschlüsse durch. Schließlich der Paukenschlag: Die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko soll freikommen.

Doch trotz aller Erfolge auf dem Papier ist das Volk auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan nicht zufrieden, sondern wütend und empört. Zehntausende schreien sogar die Oppositionsführer nieder, die den Kompromiss von Kiew mit Janukowitsch unter Vermittlung der EU ausgehandelt haben, und sich nun als Sieger präsentieren wollen.

Timoschenko: aus der Haft heraus alles im Griff?

"Schande für alle, die diesem Mörder die Hand gegeben haben!", ruft die Menge empört, ein wütender Pfeiforkan trifft Vitali Klitschko und Co. Die Menschen fordern nichts anderes als den Kopf des Staatschefs. "Wenn Janukowitsch nicht zurücktritt, stürmen wir den Präsidentenpalast", droht ein aufgebrachter Redner, der plötzlich auf die Bühne stürzt. Das liegt ganz auf der Linie der früheren Regierungschefin Timoschenko, die stets gefordert hat, keinen Handel mit Janukowitschs "Bande" einzugehen. Selbst aus der Haft heraus, so scheint es, hat sie die Massen im Griff.

Für ihre Anhänger ist Timoschenko eine Heldin, eine Märtyrerin, eine Ikone. Mit der bevorstehenden Rückkehr der beliebtesten Politikerin im Land, so vermuten Kommentatoren, wird sich die politische Landschaft der ehemaligen Sowjetrepublik massiv verändern.

Die Gefahr des Bürgerkriegs bleibt

Schon jetzt ist der Hass auf den prorussischen Janukowitsch gewaltig. Ihm persönlich lasten zahlreiche Ukrainer die tödlichen Schüsse unbekannter Scharfschützen auf Demonstranten am Vortag an - ausgerechnet an dem Tag, an dem der 28 Toten bei den ersten schweren Zusammenstößen gedacht werden sollte.

"Diesem Präsidenten ist nichts heilig, wenn er den Tag der Trauer mit seinem Befehl entehrt, noch mehr Menschen zu ermorden", schimpft der einflussreiche frühere Präsidialamtschef Viktor Baloga. Es könne kein Verzeihen geben.

Die Menge auf dem Maidan ist im Aufruhr. Durch die Menge werden Särge gereicht. Priester sprechen Gebete, mit tränenerstickter Stimme murmelt die Menge mit.

Noch immer ist das Volk in Aufruhr. Noch immer sehen einige Experten die Gefahr eines Bürgerkriegs. Regierungstreue Politiker im prorussischen Westen drohen mit Abspaltung, im Westen übernehmen radikale Kräfte immer mehr das Kommando.

Misstrauen auf beiden Seiten

Dabei soll das krisengeschüttelte Land nach der erfolgreichen Einigung erst einmal kräftig durchatmen. Und zunächst sieht es auch ganz danach aus. Schlagartig entspannt sich die aggressive Stimmung auf dem Maidan, als die Einigung von Regierung und Opposition über einen Weg aus der Krise publik wird. Eben noch spiegelte sich Hass in den Augen vieler mit Helmen und Schilden gerüsteter Demonstranten. Nun zeigt sich immer häufiger ein zaghaftes Lächeln.

Alte und junge Regierungsgegner schlendern über den von Feuern rußgeschwärzten Platz und die angrenzende Prachtstraße Kreschtschatik. Fast schon wirkt die Atmosphäre wieder wie das Volksfest mit Suppenküchen und Teestuben, das die Demonstration monatelang ausgezeichnet hatte.

Doch der Tod Dutzender Menschen wird das Land wohl noch lange schwer belasten. Nun soll eine Untersuchungskommission klären, wer wann auf wen geschossen hat und in wessen Auftrag. Aber viele Sicherheitskräfte, die ebenfalls Opfer zu beklagen haben, fürchten die Rache der Hinterbliebenen.

Sicherheitskräfte mit Kalaschinkow-Sturmgewehren sichern die Präsidialkanzlei. Kurz nach den brutalen und erbittert geführten Straßenkämpfen in der Hauptstadt ist das Misstrauen auf beiden Seiten weiter groß.

Regierungsbeteiligung als Himmelfahrtskommando

Mit der Unterzeichnung des Deals zwischen Janukowitsch und der Opposition hören die Probleme nicht auf. Die Wirtschaft liegt am Boden, das zweitgrößte Land Europas ist nahezu bankrott.

Das Nachbarland Russland hat die Auszahlung eines überlebenswichtigen Milliardenkredits auf Eis gelegt.

Dass der russische Vermittler Wladimir Lukin das Kiewer Krisenabkommen nicht paraphiert hat, gilt nicht gerade als ermutigendes Zeichen aus Moskau. Westliche Kreditgeber aber stellen harte Bedingungen.

Die Teilnahme an einer neuen Regierung gleicht einem Himmelfahrtskommando.

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