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Wladimir Putin in der Ukraine-Krise: Zwischen Flächenbrand und Gesichtsverlust

Putin in der Ukraine-Krise  

Zwischen Flächenbrand und Gesichtsverlust

25.02.2014, 16:12 Uhr | von Timothy Heritage, rtr

Wladimir Putin in der Ukraine-Krise: Zwischen Flächenbrand und Gesichtsverlust. Russlands Präsident Wladimir Putin - schwere Entscheidung in der Ukraine-Krise (Quelle: Reuters)

Wie geht Russlands Präsident Wladimir Putin in der Ukraine-Krise weiter vor? (Quelle: Reuters)

Russlands Präsident Wladimir Putin steht in der Ukraine-Krise vor einer so schweren wie folgenreichen Entscheidung: Schickt er Truppen, um den Einfluss zu wahren, riskiert er einen Flächenbrand. Doch handelt er nicht und verliert den Nachbarn an den Westen, wäre dies ein herber Gesichtsverlust in der eigenen Heimat.

Putins Entscheidung könnte fundamentale Auswirkungen für die zwischen Ost und West hin- und hergerissene Ukraine haben. Bislang hat er sich bedeckt gehalten - möglicherweise um sein Prestige-Projekt, die Olympischen Winterspiele in Sotschi, nicht in schlechtem Licht erscheinen zu lassen. Olympia ist vorbei, aber die Welt schaut weiter auf Putin.

Bislang gibt nur ein Telefongespräch mit Kanzlerin Angela Merkel ein wenig Einblick in Putins Absichten. Putin und Merkel seien sich einig, dass die Ukraine schnell eine handlungsfähige Regierung brauche und ihre territoriale Integrität gewahrt bleiben müsse, teilte die Bundesregierung danach mit.

USA warnen Putin vor Entsendung von Militär

Putin telefonierte auch mit US-Präsident Barack Obama. Die USA warnten Putin davor, Militär ins Nachbarland zu schicken. Russlands Außenminister Sergej Lawrow warf indes der ukrainischen Opposition vor, die Macht an sich gerissen zu haben.

Der ukrainische Übergangspräsident Olexander Turtschinow hat sich für eine Wiederannäherung seines Landes an Europa ausgesprochen. Damit dürften Putins Hoffnungen auf einen Beitritt des Nachbarlandes zu einer russisch dominierten Zollunion mit Kasachstan und Weißrussland einen kräftigen Dämpfer erhalten.

Etappensieg im vergangenen Jahr

Putin hatte Ende des vergangenen Jahres einen Etappensieg errungen, als der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch das Partnerschafts- und Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnete und sich stattdessen wieder Russland zuwandte.

Mit der Entmachtung seines Verbündeten Janukowitsch muss sich Putin allerdings neu positionieren. "Wir wissen alle, dass Putin es liebt, sich einzumischen", sagte der 25-jährige Alexej Zitulski auf einer Demonstration auf der Halbinsel Krim.

Krim gehörte einst zu Russland

Die Krim gehörte einst zu Russland, wurde aber 1954 vom sowjetischen Regierungschef und gebürtigen Ukrainer Nikita Chruschtschow an die Ukraine übertragen. "Wenn Putin beschließt, die Krim oder andere Regionen im Osten des Landes zu übernehmen, werden wir kämpfen", fügte Zitulski hinzu. "Wir werden es nicht zulassen, dass die Ukraine gespalten wird."

Solche Äußerungen spiegeln die Befürchtungen vieler Ukrainer, aber auch des Westens wider. Die Entsendung russischer Truppen in die Ukraine wäre ein schwerer Fehler, sagte die Sicherheitsberaterin Obamas, Susan Rice. Tatsächlich könnte ein solcher Schritt zu einem Flächenbrand führen.

Die Wiege der russischen Zivilisation

Sollte Putin dagegen nichts unternehmen, steht womöglich sein Einfluss auf das Nachbarland auf dem Spiel, das gleichzeitig die Wiege der russischen Zivilisation ist. Kiew war im Mittelalter das Zentrum der sogenannten Kiewer Rus - einem Reich, aus dem später die Ukraine, Russland und Weißrussland hervorgingen. Von strategischer Bedeutung ist, dass die russische Schwarzmeerflotte auf der Krim ihren Heimathafen hat.

Putin wird Beobachtern zufolge alles daran setzen, im geopolitischen Konflikt um die Ukraine nicht sein Gesicht zu verlieren. Zuletzt hatte er seinen Vertrauten, den Duma-Abgeordneten Alexej Puschkow, in den russisch-dominierten Osten der Ukraine entsandt, um dort die Stimmung unter den Regionalvertretern auszuloten.

Wichtiger Faktor für die angestrebte Eurasische Union

Diese hatten beteuert, sich nicht mehr an die Entscheidungen der Zentralregierung in Kiew gebunden zu fühlen. Allerdings ist auch im Osten des Landes zuletzt der Widerstand gegen Janukowitsch gewachsen.

Wenn sich die Ukraine wieder stärker in Richtung EU orientiert, würde dies Putin im eigenen Land angelastet. Viele Russen sehen in der Ukraine nicht viel mehr als einen Vasallen mit engen kulturellen und religiösen Verbindungen. Für die von Putin angestrebte Eurasische Union (EAU) wäre die Ukraine mit ihrem riesigen Markt und den bedeutenden Ressourcen ein wichtiger Faktor. Putin plant, die EAU im kommenden Jahr nach dem Beispiel der EU zu gründen. Sie findet ihren Vorläufer in der bereits bestehenden Zollunion.

Eine Frage der finanziellen Unterstützung

Ein außenpolitischer Misserfolg käme für Putin zu einem ungelegenen Zeitpunkt. Im Syrien-Konflikt konnte Russland zwar zuletzt ein militärisches Eingreifen des Westens verhindern, indem er von der Führung in Damaskus die Zusage zur Vernichtung ihrer Chemiewaffen einholte - aus russischer Sicht ein Sieg über den Westen. Jetzt allerdings stockt der Friedensprozess, die Bemühungen um die Vernichtung der Waffen kommen nur langsam voran, was Putins Erfolg beeinträchtigt.

Wer letztendlich die wirtschaftlich eng mit Russland verbandelte Ukraine auf seine Seite zieht, wird vermutlich auch eine Frage der finanziellen Unterstützung sein. Die Ukraine steht am Rande des Bankrotts. Russland hat zuletzt versprochene Finanzhilfen in Milliardenhöhe auf Eis gelegt. Der Westen müsste einspringen, um die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Ein weiterer Hebel für Russland könnte die Errichtung von Handelsbarrieren und die Erhöhung des jüngst gesenkten Gaspreises sein.

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