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Ukraine: Wer ist für die Todesschüsse auf dem Maidan verantwortlich?

100 Tote auf dem Maidan  

Wer ist für die Todesschüsse verantwortlich?

07.03.2014, 07:47 Uhr | dpa

Ukraine: Wer ist für die Todesschüsse auf dem Maidan verantwortlich?. Etwa 100 Menschen wurden auf dem Maidan erschossen - immer noch ist unklar, von wem  (Quelle: Reuters)

Etwa 100 Menschen wurden auf dem Maidan erschossen - immer noch ist unklar, von wem (Quelle: Reuters)

Es ist ein ungeheuerlicher Verdacht: Groß präsentieren Russlands Staatsmedien den angeblichen Beweis für einen mit Blut inszenierten Umsturz in der Ukraine. Politiker in Moskau tönen, die Maidan-Demonstranten selbst hätten Scharfschützen angeheuert und auf eigene Leute gefeuert, um den Funken der Revolution zu zünden.

100 Todesopfer gab es bei den blutigen Zusammenstößen in Kiew. Aufgeklärt sind die Taten vom Februar bis heute nicht.

"Eine schmutzige Machtergreifung"

"Das ist ein kolossaler Skandal. Eine ukrainische Pseudorevolution. Eine schmutzige Machtergreifung", donnert der einflussreiche Außenpolitiker Alexej Puschkow in Moskau. In Russland, dem Reich der Verschwörungstheorien, ist die Aufregung groß. Von der EU und den USA als Unterstützer der Maidan-Revolution in Kiew war erst nichts zu hören. Dann äußert sich aber doch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die CDU-Politikerin antwortete nach dem EU-Gipfel in Brüssel auf eine Journalistenfrage, es müsse in der Ukraine untersucht werden, wer dort Gewalt angewendet habe. "Das ist, glaube ich, im allseitigen Interesse", sagte Merkel. "Ich glaube, dass die neue ukrainische Regierung genau dazu auch bereit ist." Die Kanzlerin verwies darauf, dass für eine Aufklärung schon eine Vielzahl von Materialien gesichert worden sei.

Minister erhebt ungeheuren Verdacht

Doch ausgerechnet der Außenminister des baltischen EU-Landes Estland lieferte den Russen Futter für etwas, was eine der größten politischen Intrigen der Geschichte wäre. In einem heimlichen Mitschnitt eines Telefonats mit der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton ist der estnische Minister Urmas Paet tief beunruhigt über die Lage in Kiew.

Paet berichtet Ashton von Gerüchten, wonach das Maidan-Lager selbst Scharfschützen engagiert haben könnte. Viele in der neuen Regierung hätten eine dunkle Vergangenheit, fügt er hinzu. Paet äußert sich auch besorgt, dass die neuen Machthaber die Todesfälle nicht aufklären würden. Es gebe mehr und mehr Hinweise, dass hinter den Mördern "nicht (der entmachtete Präsident Viktor) Janukowitsch, sondern jemand von der neuen Koalition" stehe, sagt Paet.

"Maidan engagierte Scharfschützen"

Solche Aussagen sind Wasser auf die Mühlen des Kreml, der seit Tagen davor warnt, in Kiew seien gefährliche Extremisten, Mörder und Faschisten an der Macht. Deshalb droht Kremlchef Wladimir Putin auch mit einem Militäreinsatz zum Schutz von Russen in der Ukraine.

Für die russische Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta" ist der Fall klar: "Der Maidan engagierte die Sniper (Scharfschützen)", heißt es auf der Titelseite. Das Gespräch zwischen Paet und Ashton sei der "Beweis". Wie es zu dem Mitschnitt und dieser selbst dann noch an die Öffentlichkeit kam, untersuchen die Behörden in Estland noch. Paet hat aber die Echtheit bestätigt.

Westliche Politiker lassen Lawrow abblitzen

Russlands Außenminister Sergej Lawrow versuchte bei den Krisengesprächen in der EU mit Ashton und seinem US-Kollegen John Kerry über das abgelauschte Gespräch zu sprechen. Er sei aber abgeblitzt, teilen Diplomaten mit. Zu heimlichen Mitschnitten gebe es keine Äußerungen, hätten die westlichen Politiker geantwortet.

Moskau fordert eindringlich Aufklärung. "Scharfschützen - bezahlt von der Opposition - schossen den Menschen auf dem Maidan in den Rücken? Ja, die Russen in der Ukraine haben allen Grund, vor dieser Demokratie Angst zu haben", schimpft der Abgeordnete Puschkow.

Verschwörungstheorien nehmen zu

Beweise für die nun besonders von den Russen gestreute Version gibt es weiter nicht. Verschwörungstheorien haben aber im Reich von Präsident und Ex-Geheimdienstchef Wladimir Putin, der selbst einst KGB-Offizier war, eine lange Geschichte - Moskaus Geheimdienste gelten seit Sowjetzeiten selbst als Meister im Spinnen von Intrigen.

Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow beteuert, dass die Ermittlungen zu den Maidan-Toten intensiv geführt und Ergebnisse demnächst präsentiert würden. Dabei heizt auch er schon einmal die Gerüchteküche weiter an: "Der Schlüsselfaktor bei dem Blutbad in Kiew war eine dritte Kraft - und diese Kraft war keine ukrainische."

Zahlreiche verwirrende Details

Auch Kommandeure der damals eingesetzten Antiterroreinheiten und des Geheimdienstes hatten stets bestritten, Todesschüsse abgegeben zu haben. "Wir haben niemanden umgebracht", sagte der Kommandeur der Sondereinheit Omega, Anatoli Streltschenko. Es sei nur darum gegangen, bewaffnete Demonstranten durch Schüsse in die Beine unschädlich zu machen. Der Funkverkehr scheint dafür zu sprechen.

Fragen wirft dagegen ein auch im russischen Fernsehen gezeigtes Video eines Mitglieds der Vaterlandspartei von Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko auf. Sergej Paschinski heißt der Mann. Die am 18. Februar veröffentlichte Aufnahme zeigt ihn, wie er angeblich ein Scharfschützengewehr transportiert. Noch am selben Tag gibt es Tote, die Lage eskaliert. Der 47-jährige Paschinski ist inzwischen geschäftsführender Leiter des Präsidialamts in Kiew.

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