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"Pate von Donezk" könnte Wahl und Zukunft der Ukraine entscheiden

Zerreißprobe der Ukraine  

"Pate von Donezk" könnte Wahl und Zukunft entscheiden

10.04.2014, 22:17 Uhr | rtr , t-online.de

"Pate von Donezk" könnte Wahl und Zukunft der Ukraine entscheiden. Rinat Achmetow, vermögendster Mann der Ukraine, ist auch sehr reich an Einfluss (Quelle: AFP)

Rinat Achmetow, vermögendster Mann der Ukraine, ist auch sehr reich an Einfluss (Quelle: AFP)

Rinat Achmetow hat es vom Bergarbeitersohn zum Multimilliardär gebracht. Doch seine schwierigste Aufgabe steht ihm wohl noch bevor: Seit Tagen verhandelt der reichste Mann der Ukraine mit den Separatisten in seiner Heimatstadt Donezk, als deren Pate er gilt. Der Oligarch sympathisiert mit manchen ihrer Klagen, setzt sich aber zugleich für die Einheit der Ukraine ein. Politiker umgarnen Achmetow, der auch die Präsidentenwahl entscheiden könnte.

Ein Zerfall seines Landes kann schon aus geschäftlichen Gründen nicht im Interesse des Stahlmagnaten liegen. Doch seine Vermittlerrolle sei ein Spiel mit dem Feuer, heißt es in seinem Umfeld. Werde Achmetow zu sehr als Erfüllungsgehilfe Russlands wahrgenommen, könnte er es sich mit der neuen Führung in Kiew verscherzen - und damit das Firmenimperium aufs Spiel setzen, das er eigentlich schützen will.

Einer der Aufsteiger nach dem Zusammenbruch

Im Westen konnten bis vor einigen Wochen vor allem Fußball-Fans etwas mit dem Namen Achmetow anfangen: Der sportbegeisterte Oligarch besitzt den erfolgreichen Club Schachtjor Donezk und hat ihm ein modernes Stadion spendiert, das an eine fliegende Untertasse erinnert. Abseits von Fußball-Spielen zeigt sich der 47-Jährige selten in der Öffentlichkeit. Zuletzt sorgten die gut 150 Millionen Dollar für Aufsehen, die er für eine Wohnung in London investierte.

Achmetows Aufstieg fällt in die Zeit der Bandenkriege der neunziger Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Inzwischen beherrscht er ein weit verzweigtes Firmenimperium mit rund 300.000 Beschäftigten, das sich über die Stahlbranche, den Bergbau, den Energiebereich sowie die Medien erstreckt.

Außenminister zu Besuch beim Oligarchen

Gegen Achmetows Willen geschieht in der Ukraine fast nichts, und genau deshalb gilt er im Westen als Schlüsselfigur, die eine Spaltung der Ukraine verhindern kann. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) reiste bereits vor einigen Wochen zu dem Oligarchen in die Bergarbeiterstadt nahe der russischen Grenze, um auszuloten, auf welche Seite er sich im Richtungsstreit des zerrissenen Landes und im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine schlägt.

Nach dem Treffen in Achmetows rundum verglasten Büroturm am Leninplatz zeigte sich Steinmeier zuversichtlich: Der mächtige Oligarch scheine hinter dem Reformkurs der neuen Regierung in Kiew zu stehen, bilanzierte er.

Politischer Zickzack-Kurs

In der Vergangenheit stand Achmetow eher für einen politischen Zickzack-Kurs. Eine Weile unterstützte der Tatare die von der Gas-Oligarchin zur Politikerin gewandelte Julia Timoschenko. 2010 ließ er sie fallen und finanzierte den Wahlkampf ihres Rivalen Viktor Janukowitsch.

Nach der tödlichen Gewalt auf dem Maidan in Kiew, wo Tausende für einen westlichen Kurs der Ukraine protestierten, ging Achmetow auf Abstand zum Präsidenten: Er kritisierte die Erschießung Dutzender Demonstranten und setzte Janukowitsch unter Druck, eine Einigung zu finden. Kurz darauf vereinbarte das kremlfreundliche Staatsoberhaupt unter Vermittlung Steinmeiers eine Übergangslösung.

Doch die radikalen Kräfte waren mit dem Kompromiss nicht einverstanden. Janukowitsch floh in die Ost-Ukraine, dann nach Russland - und wurde von der neuen Führung gestürzt. Auch die braucht Achmetows Macht und Einfluss. Gerade im Osten, wo sich die Masse der ukrainischen Bevölkerung sowie die Industrie des Landes ballen und der Oligarch die Wirtschaft dominiert.

Rohstoffreiche Region überlebenswichtig

Eine Abspaltung der rohstoffreichen Region wäre eine Katastrophe für die Ukraine, die ohnehin um das wirtschaftliche Überleben und gegen den Staatsbankrott kämpft. Der Osten exportiert einen Großteil seiner Güter nach Russland und unterhält traditionell enge Beziehungen zu dem Nachbarstaat. Die meisten Menschen hier sprechen Russisch und verfolgen die oft einseitige Berichterstattung in den russischen Medien.

Viele von ihnen sind entsetzt über den Sieg der Maidan-Bewegung und erachten Janukowitsch als legitimen Präsidenten. In der Bergarbeiterstadt Donezk hat es Achmetow mit seinen Auftritten im Stile eines Feudalherrn zu großer Popularität gebracht: Den Schulkindern der Millionen-Stadt schickt er am Valentinstag schon mal Süßigkeiten oder schenkt ihnen Bücher zu Beginn des Schuljahres. Und er hat eben Schachtjor zu internationaler Größe und Donezk so zu Ruhm geführt.

Doch nicht nur im Osten des Landes, sondern auch 700 Kilometer entfernt in der Hauptstadt Kiew ist der Oligarch verwurzelt. Achmetows Firmenimperium "System Capital Management" hat hier seinen Sitz, und direkt am Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz, hat der Milliardär das alte TsUM-Kaufhaus aus Sowjetzeiten gekauft und lässt es renovieren. Beliebt ist Achmetow in Kiew allerdings nicht: Viele hier nehmen ihm seine Nähe zu Janukowitsch übel.

Wer erwirbt Achmetows Gunst?

Der Machtkampf in Donezk wird unterdessen immer mehr zur Zerreißprobe für die gesamte Ukraine - und für Achmetow, der den Spagat übt. Sollten Sicherheitskräfte besetzte Gebäude stürmen, stehe er an der Seite des Volkes, zitierte die Zeitung "Ukrainska Prawda" den Oligarchen. Andererseits drängt er die Aufständischen, Forderungen wie die Abspaltung von der Ukraine fallenzulassen und Verhandlungen mit der Regierung aufzunehmen.

Achmetows Beziehungen zu Ministerpräsident Arseni Jazenjuk seien gut, beteuern seine Berater. Dies gelte auch für das Verhältnis zu Vitali Klitschko, der auf seine Präsidentschaftskandidatur zugunsten des Milliardärs Petro Poroschenko verzichtet hat. Für den Ausgang der Präsidentenwahl am 25. Mai könnte Experten zufolge entscheidend sein, wen Achmetow unterstützt: Ex-Premier Timoschenko, Schokoladenzar Poroschenko oder doch seinen Freund Michailo Dobkin von Janukowitschs Partei der Regionen? Der Oligarch wägt ab und hat sich noch nicht bekannt.

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