Sie sind hier: Home > Politik > Specials > Krise in der Ukraine >

Marodes Militär: Bürger sollen Kiews Armee mit Spenden aufpäppeln

Marodes Militär  

Bürger sollen Kiews Armee mit Spenden aufpäppeln

21.04.2014, 07:41 Uhr | fdi, Spiegel Online

Marodes Militär: Bürger sollen Kiews Armee mit Spenden aufpäppeln. Bürger sollen Kiews Armee mit Spenden aufpäppeln (Quelle: Reuters)

Ukrainische Soldaten nahe der Grenze zu Russland (Quelle: Reuters)

Einst verfügte die Ukraine über eine mächtige Streitmacht. Jetzt kann sie nicht einmal mehr das eigene Territorium kontrollieren; die Lage im Osten ist prekär. Die Regierung hat die Bevölkerung um Spenden gebeten - mit mäßigem Erfolg.

Die Lage im Osten der Ukraine ist zunehmend gespannt: Nach dem Scharmützel an einer Straßensperre nahe Slawjansk, bei dem es mindestens einen Toten gab, hat der Anführer der pro-russischen Milizen die Regierung in Moskau gebeten, Truppen zu schicken. "Man tötet unsere Brüder. Nur Russland kann die Stadt schützen", sagte Wyatscheslaw Ponomarew laut dem Radiosender "Stimme Russlands".

Dabei bietet die ukrainische Armee eigentlich wenig Anlass, sie zu fürchten - ihr Zustand ist mehr als desolat. Einem Bericht der "Washington Post" zufolge ist ihre Ausrüstung derart prekär, dass das Verteidigungsministerium die Bürger des Landes bereits vor Wochen zu Spenden aufrief.

Und die Ukrainer kamen dem Bericht zufolge der Aufforderung nach: Bürger versorgten Feldlager der Armee mit Essen und Getränken. Kinder verkauften Selbstgebackenes, um die Erlöse zu spenden. Bürgerinitiativen organisierten Sammlungen von Schuhen, Kleidung und Konserven.

Bis zum Freitag kamen demnach laut dem Verteidigungsministerium in Kiew neun Millionen Dollar durch die Spenden von Firmen und Einzelpersonen zusammen, davon zwei Millionen über eine Spendenhotline für Mobiltelefone.

Hochburg der Selbstbedienung in einem korrupten Land

Das entspricht einem Tropfen auf dem heißen Stein. Denn allein im vergangenen Jahr hat die Ukraine dem Friedensforschungsinstitut Sipri zufolge insgesamt 5,3 Milliarden Dollar für das Militär ausgegeben, mehr als das 500-fache der nun eingesammelten Spenden. Und dennoch viel zu wenig: Die Zeitung stellt dieser Summe das Militärbudget von Schweden entgegen, das nur ein Fünftel der Einwohner der Ukraine hat - es betrug 6,5 Milliarden Dollar.

Doch weitaus verheerender für die Ausstattung der ukrainischen Armee dürfte sich nicht die Unterfinanzierung an sich ausgewirkt haben - sondern die Tatsache, dass von dem wenigen Geld noch weniger in die Ausrüstung gesteckt wurde. Die Ukraine gilt ohnehin als hochgradig korruptes Land, doch die Armee scheint selbst in diesem Umfeld eine Hochburg der Selbstbedienung zu sein.

Die "Washington Post" zitiert Vize-Regierungschef Witalij Jarema: Eine Untersuchung habe kürzlich ergeben, dass in einem bestimmten Rüstungsbetrieb 81 von 100 Dollar abgezweigt worden seien. "Wenn das gestohlene Geld für die Modernisierung der Armee genutzt worden wäre, hätten wir jetzt kein Problem", sagt Jarema.

Die Folgen dieses jahrelangen Raubbaus am Militär bekommen die Ukrainer in den aktuellen Spannungen mit Russland vor Augen geführt. Dabei hört die Misere offenbar nicht damit auf, dass die Ukraine zumeist noch über veraltetes, verrostetes Kriegsgerät aus Sowjetzeiten verfügt - es fehlt an noch weit grundlegenderen Dingen.

Befehle kommen nicht an den Einsatzort

So stockte Kiews Mobilmachung während der Krim-Krise unter anderem auch deshalb, weil die Tanks der rund tausend Kampfpanzer leer waren. Erst mit der Spende eines Oligarchen konnte Diesel gekauft werden. Und Andrej Parubij, Chef des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, berichtet, in der Krim-Krise seien in Kiew zwar Entscheidung gefällt worden - aber es hätten keine Kommunikationseinrichtungen existiert, die die Befehle an den Einsatzort übermitteln hätten können.

Außer der marode ausgerüsteten Armee haben zudem noch Fehlentscheidungen der neuen Kiewer Führung und alte Seilschaften etwa zum russischen Geheimdienst dazu geführt, dass die Ukraine derzeit fast wehrlos erscheint. Nachdem Polizei- und Armeeverbände in den vergangenen Tagen zu den pro-russischen Milizen übergelaufen waren, wirkte die Verkündung einer Osterruhe - also dem Aussetzen des sogenannten Anti-Terror-Kampfes im Osten des Landes - eher unfreiwillig komisch.

Umso bedrohlicher müssen der Regierung in Kiew daher die aktuellen Entwicklungen im Osten vorkommen. Nach dem tödlichen Zwischenfall an einer Straßensperre bei Slawjansk fordert der selbsternannte "Bürgermeister" und pro-russische Milizenchef Wyatscheslaw Ponomarew Russland auf, Truppen oder wenigstens Waffen für den Kampf gegen das ukrainische Militär zu schicken.

Russland noch ohne Reaktion auf Ruf nach Truppen

Einige Beobachter vermuten eine pro-russische Inszenierung hinter dem Zwischenfall und stützen das darauf, dass das russische Staatsfernsehen und Kreml-nahe Medien als erste über die Schießerei berichtet hatten. Der Vorfall, so der Verdacht, könne Russlands Präsident Wladimir Putin den Vorwand geben, in den Osten der Ukraine zu marschieren.

Die gerade einmal drei Tage alte Genfer Einigung zwischen den USA, der EU, Russland und Ukraine, die illegal bewaffnete Gruppierungen zu entwaffnen und besetzte öffentliche Gebäude freizugeben, wäre dann Makulatur. Das russische Außenministerium reagierte auf die Schießerei am Sonntag mit Vorwürfen in Richtung Kiew. Der dortigen Führung mangele es am Willen, "Nationalisten und Extremisten in Zaum zu halten und zu entwaffnen".

Allerdings habe die russische Regierung noch nicht auf die Bitte um Truppen und Waffen reagiert, sagte Milizenchef Ponomarew am Sonntagnachmittag. In Kiew dürfte das nur für ein wenig Beruhigung sorgen.

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail


shopping-portal