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Ukraine am Rande des Bürgerkriegs: Moskau warnt vor "nationaler Katastrophe"

Ukraine am Rande des Bürgerkriegs  

Moskau warnt vor "nationaler Katastrophe"

29.05.2014, 18:03 Uhr | AFP, dpa

Ukraine am Rande des Bürgerkriegs: Moskau warnt vor "nationaler Katastrophe". Ist die Spaltung der Ukraine noch zu verhindern? Das russische Außenministerium unter Sergej Lawrow fordert den Westen auf, mäßigend auf Kiew einzuwirken (Quelle: imago / ITAR TASS)

Ist die Spaltung der Ukraine noch zu verhindern? Das russische Außenministerium unter Sergej Lawrow fordert den Westen auf, mäßigend auf Kiew einzuwirken (Quelle: imago / ITAR TASS)

Schwere Waffen, ein abgeschossener Hubschrauber der ukrainischen Armee und Hunderte Tote: Die Lage im Osten der Ukraine ähnelt immer mehr einem Bürgerkrieg. Angesichts der Eskalation der Gewalt verlangt Russland vom Westen, mäßigend einzuwirken. "Wir rufen unsere westlichen Partner erneut auf, ihren Einfluss auf Kiew zu nutzen, um eine nationale Katastrophe in der Ukraine zu verhindern", erklärte das Außenministerium in Moskau.

Die Regierung führt seit mehreren Wochen eine "Anti-Terror-Operation" unter Beteiligung der Streitkräfte gegen die Separatisten im Osten des Landes. Sowohl in Slawjansk als auch in Donezk forderten in den vergangenen Tagen heftige Kämpfe Dutzende Tote - die Opfer waren zumeist Rebellen. Der am Sonntag gewählte Präsident Petro Poroschenko, der am 7. Juni vereidigt wird, hatte einen entschlossenen Kampf gegen bewaffnete Rebellen angekündigt.

Viele Tote bei Hubschrauberabschuss

Am Donnerstag konnten die pro-russische Rebellen einen Hubschrauber des ukrainischen Militärs nahe Slawjansk abschießen. Mindestens 14 Soldaten wurden getötet. Unter den Opfern sei auch General Sergej Kultschizki, sagte Übergangspräsident Alexander Turtschinow im Parlament in Kiew.

"Ich habe gerade die Information erhalten, dass die Terroristen nahe Slawjansk unseren Hubschrauber abgeschossen haben", sagte Turtschinow. Der Angriff sei mit einer tragbaren Boden-Luft-Waffe aus Russland verübt worden. Turtschinow äußerte sich dennoch überzeugt, dass die Armee ihren Kampf "gegen die Terroristen zu Ende führen wird und die von Russland finanzierten Kriminellen entweder eliminiert oder auf der Anklagebank landen werden".

Der selbst ernannte Bürgermeister der Separatisten-Hochburg Slawjansk, Wjatscheslaw Ponomarjow, sagte derweil dem lettischen Radiosender Baltkom. "Nach unseren Informationen haben die Streitkräfte mindestens 1200 Tote zu beklagen."

"Anti-Terror-Operation" kommt kaum voran

Die Zahlen - Ponomarjow spricht von etwa 200 Toten und 300 Verletzten in den eigenen Reihen - erscheinen Experten deutlich übertrieben. Dennoch ist klar: Die Gefechte haben im vergangenen Monat Hunderte Menschen das Leben gekostet. Und weiterhin kommt die "Anti-Terror-Operation" der pro-westlichen Regierung kaum voran. 

Zwischenzeitliche Erfolgsmeldungen der ukrainischen Führung wie die von der Rückeroberung des Flughafens der Millionenstadt Donezk sind selten. Oder die Aufständischen entreißen bei einem massiven Gegenangriff den Regierungseinheiten schon bald wieder die Kontrolle. Der Hass wird immer größer.

Die Bilder aus dem Krisengebiet zeigen Leid und Elend auf beiden Seiten. Auch die Zivilbevölkerung ist betroffen, Slawjansk eingekesselt. "Die Führung der Anti-Terror-Operation ist bereit, einen Korridor zu schaffen, um friedlichen Bürgern eine sichere Ausreise zu ermöglichen", sagte Militärsprecher Wladislaw Selesnjow. Aber niemand habe sich bisher gemeldet.

Die Separatisten behaupten ihrerseits, die Regierungseinheiten verweigerten Zivilisten die Flucht. Auch ein Bus mit Kindern sei nicht durchgelassen worden. 

Oft bleibt in diesem Informationskrieg unklar, wie groß die Schäden und wie hoch die Opferzahlen wirklich sind. Journalisten werden von beiden Seiten häufig an ihrer Arbeit gehindert oder geraten selbst ins Schussfeld. Der Konflikt wird immer unübersichtlicher. 

Wer kämpft auf welcher Seite?

So ist etwa unklar, ob die verschiedenen Separatistengruppen unter einer Führung vereint kämpfen. Die Rede ist von Spannungen zwischen einzelnen Fraktionen. Zudem mischen nach Ansicht von Beobachtern immer mehr kriminelle Banden mit, die - als Aufständische maskiert - ihre eigenen Ziele verfolgen.

In Donezk plünderten Bewaffnete einen Supermarkt. Nun macht angeblich das pro-russische Bataillon "Wostok" (Osten) Jagd auf die Marodeure. Zahlreiche kriegserprobte Kämpfer aus dem russischen Konfliktgebiet Tschetschenien sollen zudem gemeinsame Sache mit den Separatisten machen.

Aber auch auf Seiten der Regierungstruppen ergibt sich kein einheitliches Bild. An der "Anti-Terror-Operation" nehmen Armee, Nationalgarde sowie Truppen von Geheimdienst und Innenministerium teil. Auch die Extremistengruppe Rechter Sektor scheint aktiv zu sein.

Auch Privatmilizen im Einsatz

Schließlich sind auch Privatmilizen im Einsatz, finanziert etwa vom Nationalisten Oleg Ljaschko, dem Drittplatzierten der Präsidentenwahl, oder von Oligarchen wie dem Dnjepropetrowsker Gouverneur Boris Kolomoiski. Russland unterstellt Kiew seit Beginn der Krise, es werde von Faschisten gelenkt.

Übergangspräsident Turtschinow brachte bereits die Ausrufung des Kriegszustandes ins Spiel. Dafür ist ein Erlass des Präsidenten nötig - und der heißt bald Poroschenko. Seinem Ziel, näher an die EU zu rücken und gleichzeitig die Beziehungen zu Russland zu kitten, dürfte ein solcher Schritt aber nach Ansicht von Kommentatoren kaum förderlich sein. Wahrscheinlicher wären dann, so heißt es in Kiew, die endgültige Spaltung des Landes und vielleicht sogar eine russische Intervention.

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