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Japan droht eine weitere Atomkatastrophe

Ex-Regierungschef Kan in Sorge  

Droht Japan eine weitere Atomkatastrophe?

02.06.2014, 15:30 Uhr | dpa

Japan droht eine weitere Atomkatastrophe. Japans ehemaliger Ministerpräsident Naoto Kan hat sich vom Atombefürworter zum -gegner gewandelt. (Quelle: dpa)

Japans ehemaliger Ministerpräsident Naoto Kan hat sich vom Atombefürworter zum -gegner gewandelt. (Quelle: dpa)

Rund drei Jahre nach Fukushima sieht der damalige Ministerpräsident Naoto Kan Japan nicht gegen eine zweite nukleare Katastrophe gewappnet. Hohe Erdbebengefahr sehen Experten vor allem in der Region Tokai südlich der Hauptstadt Tokio.

Am 11. März 2011 löste ein schweres Erdbeben einen Tsunami aus, der die Nordostküste Japans traf und in Fukushima zur schwersten Atomkatastrophe seit Tschernobyl führte. Der Super-Gau hat den damals regierenden Ministerpräsidenten Naoto Kan noch während seiner Amtszeit von einem Befürworter zu einem entschiedenen Gegner der Atomkraft werden lassen. Im Interview kritisiert er den Atomkurs der neuen Regierung und warnt für den Fall eines neuen schweren Erdbebens vor einer Katastrophe, die die von Fukushima noch übertreffen könnte.

Kürzlich wurde der Evakuierungsbescheid für einen Teil der Gemeinde Tamura aufgehoben, die ersten Bürger kehren zurück. Ist die Lage in der Atomruine Fukushima, wie Ministerpräsident Shinzo Abe es erklärte, "unter Kontrolle"?

Naoto Kan: Nach meiner Ansicht dauert der Unfall noch immer an. Zum einen fällt immer mehr verseuchtes Wasser an. Hinzu kommt, wie ich im Parlament vom Geschäftsführer von (dem Betreiberkonzern) Tepco erfahren habe, dass im Reaktor 2 innerhalb des Kessels Strahlenwerte von 70 Sievert - nicht Mikrosievert oder Millisievert - herrschen. Das ist so viel, dass ein Mensch innerhalb von vier bis fünf Minuten sterben würde. In dem Reaktor sind außerdem die Brennstäbe auf den Boden des Reaktorkessels gefallen, der weiterhin mit Wasser gekühlt wird. Das Wasser steht dort nur 60 Zentimeter hoch. Egal, wie viel Wasser man hineinkippt, es fließt aus dem Reaktorbehälter wieder heraus und vermischt sich mit Grundwasser. Dadurch werden die verseuchten Wassermassen immer mehr.

Was halten Sie vor diesem Hintergrund davon, dass man den Evakuierungsbescheid in Tamura aufgehoben hat?

Ich denke, man hat die Evakuierung aufgehoben, weil die Strahlenwerte auf ein gewisses Niveau gesunken sind. Es ist eine sehr schwierige Aufgabe einzuschätzen, welchen Einfluss Niedrigstrahlung auf die Gesundheit der Menschen hat. Einerseits ist es besser, strenge Vorschriften bezüglich der Evakuierung durchzusetzen. Andererseits würden dann die Evakuierungszonen so groß, dass dann sogar ganz Fukushima evakuiert werden müsste.

Sie haben gesagt, der Unfall dauert an. Die Regierung will dennoch bald wieder die ersten Reaktoren hochfahren. Experten warnen derweil vor einem möglichen Erdbeben in der südlich von Tokio gelegenen Region Tokai, das noch stärker sein könnte als das in Fukushima. Halten Sie es für möglich, dass es zu einem "zweiten Fukushima" oder gar zu einem noch größeren Unfall kommen könnte?

Aus diesem Grund habe ich am 6. Mai 2011 dem Betreiber Chubu Electric die Anordnung erteilt, den Betrieb im Atomkraftwerk Hamaoka zu stoppen. Es steht noch immer still. Die Stromkonzerne sollen zwar hohe Mauern gegen Tsunami bauen und ein Stromversorgungsfahrzeug auf Anhöhen postieren. Dennoch bleibt die Wahrscheinlichkeit eines sehr großen Erdbebens unverändert bestehen, und die Sicherheitsmaßnahmen, die bislang getroffen wurden, sind überhaupt nicht ausreichend. Daher schätze ich die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch ein, dass es im Falle eines großen Erdbebens in Tokai zu einem ebensolchen Unfall (wie in Fukushima) beziehungsweise zu einem noch größeren Unfall kommt.

Die Regierung verweist auf die neuen, angeblich weltweit schärfsten Sicherheitsauflagen für den Neustart von Reaktoren. Wie schätzen Sie dies ein?

In Europa gibt es Sicherheitsstandards, wonach Reaktorgebäude so gebaut sein müssen, dass sie selbst bei einem Flugzeugaufprall sicher sind. Im Vergleich mit solchen europäischen Standards kann man nicht sagen, dass die japanischen die strengsten der Welt sind. Das zweite Problem ist, dass keine Klarheit darüber herrscht, ob es wirklich möglich ist, die Bürger im Umkreis zu evakuieren. Die Regierung sagt einfach, die Meiler, die die strengen Sicherheitsauflagen erfüllen, könnten wieder hochgefahren werden, und behauptet, damit sei auch die Sicherheit der Bürger gewährleistet. Das hat keine Substanz, man kann das sogar eine Lüge nennen.

In den Monaten nach Beginn der Katastrophe kam es in Japan zu großen Anti-Atom-Demonstrationen, wie es sie in dem Umfang bis dahin nicht gegeben hatte. Inzwischen ist es ruhiger geworden. Die Liberaldemokratische Partei (LDP), die die Atompolitik der vergangenen Jahrzehnte zu verantworten hat, ist zurück an der Regierung. Ministerpräsident Shinzo Abe reist ins Ausland und verkauft Atomkraftwerke. Hat Japan aus Fukushima nichts gelernt?

Laut Umfragen sind noch immer 60 bis 70 Prozent der Menschen dafür, dass die Kernkraftwerke abgeschafft werden. Diese Zahlen haben sich nicht geändert. Dass die LDP bei der letzten Wahl (2012) so viele Sitze gewonnen hat, liegt auch am Wahlsystem. Die LDP hat gewonnen, nicht weil sie mehr Stimmen bekam, sondern weil die (bis dahin regierende) Demokratische Partei (der Kan angehört, Anmerkung der Redaktion) nicht so viele Stimmen bekam und die Anti-Atom-Stimmen auf mehrere Parteien verteilt waren. Das große Problem ist, dass der Wille des Volkes nicht durch die Sitzverteilung im Parlament widergespiegelt wird.

Es gibt im ganzen Land immer noch Anti-Atom-Bewegungen. Überall werden bei Gerichten Klagen (gegen das Wiederanfahren von Atomreaktoren) eingereicht. In der Stadt Hakodate ist es sogar der Bürgermeister, der klagt. Die kommenden zwölf Monate werden uns zeigen, was passiert, wenn die Regierung Abe tatsächlich Kernkraftwerke wieder hochfährt. Es bleibt abzuwarten, wie die Leute darauf reagieren werden. Im Parlament hat die LDP die Mehrheit, nach der Meinung der Bevölkerung stellen sie aber nicht die Mehrheit dar.

Naoto Kan galt einst als Japans Hoffnungsträger. Er wollte den Filz des politischen Systems bekämpfen und die Macht der Bürokratie brechen. Am Ende scheiterte Kan jedoch am Machtgerangel in seiner eigenen Partei, aber auch an seinem Krisenmanagement nach der Atomkatastrophe in Fukushima. In seiner nur gut ein Jahr währenden Amtszeit (2010 bis 2011) wandelte er sich von einem Befürworter zu einem entschiedenen Gegner der Kernenergie.

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