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Geheimdienstgeschichte: Die Papiere des KGB-Spions W. Mitrochin

Die Papiere des KGB-Spions Mitrochin  

"Eine der spektakulärsten Enthüllungen in der Geheimdienstgeschichte"

09.07.2014, 16:17 Uhr | AP

Geheimdienstgeschichte: Die Papiere des KGB-Spions W. Mitrochin . Die Lubjanka in Moskau, Zentrale des ehemaligen sowjetischen Geheimdienstes KGB und heutigen FSB. (Quelle: imago images)

Die Lubjanka in Moskau, Zentrale des ehemaligen sowjetischen Geheimdienstes KGB und heutigen FSB. (Quelle: imago images)

Jahrelang waren die Papiere in seiner russischen Datscha versteckt. Dann wurden sie von Wassili Mitrochin, einem hochrangigen Mitarbeiter des Geheimdienstes KGB und Dissidenten aus dem Land geschmuggelt. Erst jetzt, 24 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, liegen sie vor und liefern der Öffentlichkeit ein Bild darüber, in welche Machenschaften der einst mächtigste Geheimdienst der Welt verwickelt war.

Sie lesen sich wie ein Lexikon der Spionage, beschreiben Sabotagekomplotte, mit Sprengfallen gesicherte Waffenverstecke und ein wahres Heer von Agenten, die verdeckt im Westen operierten. Der Stoff, aus dem sonst Hollywood-Filme sind.

"Wahre Schatztruhe"

Nur: In der Realität, so geht aus den Unterlagen hervor, waren nicht alle Spione Spitzenklasse. Manche wurden von der dankbaren damaligen UdSSR für ihren Einsatz mit Orden geehrt und mit Geldern für den Ruhestand versorgt. Andere erwiesen sich als zu gesprächig, frönten dem Alkohol und waren unzuverlässig.

Alles in allem gilt das jetzt vom Churchill Archives Centre der britischen Universität Cambridge veröffentlichte Dossier als eine wahre Schatztruhe, wie es der Geheimdiensthistoriker Christopher Andrew beschreibt. Demnach halten britische und amerikanische Stellen die Unterlagen für die "wichtigste einzelne Geheimdienstquelle, die es jemals gegeben hat".

Handschriften in der Milchkanne versteckt

Wassili Mitrochin war ein ranghoher Archivar im KGB-Hauptquartier für Auslandsspionage - und ein heimlicher Dissident. Über mehr als ein Jahrzehnt hinweg nahm er im Verborgenen Unterlagen mit nach Hause, kopierte sie zunächst handschriftlich und tippte seine Notizen dann ab. Die Papiere versteckte er in seinem Landhaus, einige davon in einer Milchkanne, die er unter der Datscha begrub.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 reiste Mitrochin in einen baltischen Staat, welchen genau, ist bis heute unklar. Er suchte die dortige US-Botschaft auf, legte eine Probe seiner Unterlagen vor - und wurde abgewiesen. So versuchte er es in der britischen Botschaft, wo ein junger Diplomat ihm einen Stuhl anbot und fragte: "Hätten Sie gern eine Tasse Tee?"

"Das war der Satz, der sein Leben veränderte", sagt der Historiker Andrew über Mitrochin. Aus Russland geschmuggelt, verbrachte der Überläufer den Rest seines Lebens unter falschem Namen in Großbritannien. 2004 starb er im Alter von 81 Jahren.

Die Welt erfuhr von Mitrochin erst 1999, als Andrew auf Basis der Dokumente ein Buch veröffentlichte. Es sorgte für einiges Aufsehen, enthüllte es doch die Identitäten von KGB-Agenten wie Melita Norwood, die jahrelang britische Atomgeheimnisse an die Sowjets geliefert hatte. Die Dokumente beschreiben die einstige britische Sekretärin als eine "loyale, vertrauenswürdige, disziplinierte Agentin", die für ihren Dienst einen Orden erhalten habe.

Sie war den Papieren zufolge zuverlässiger als die berühmten "Cambridge-Spione", die ranghohen britischen Geheimdienstbeamten, die heimlich für die Russen arbeiteten. Die Unterlagen schildern, dass Guy Burgess "ständig unter dem Einfluss von Alkohol" gestanden habe, während Donald Maclean "nicht sehr gut darin war, Geheimnisse für sich zu behalten".

Moskau versteckte Militärgeheimnisse im Westen

Die jetzt veröffentlichten Papiere enthalten auch eine Liste von einstigen KGB-Spionen in den USA über einen Zeitraum von Jahrzehnten. Sie umfasst 40 Seiten und etwa 1000 Namen. Darunter ist "Dan". Hinter dem Codenamen verbarg sich Robert Lipka, ein Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA, der für den Verrat von Geheimnissen an Russland in den 1960-er Jahren mit 27.000 Dollar (20.000 Euro) entlohnt wurde. Nachdem Großbritannien Mitrochins Informationen an die USA weitergeleitet hatte, wurde Lipka festgenommen und zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Unterlagen offenbaren auch, dass Sowjet-Agenten Waffen und Kommunikationsausrüstung an verschiedenen Orten in Nato-Ländern verborgen hielten. So zeigt eine Karte von Rom drei Verstecke mit detaillierten Anweisungen, wie diese zu finden seien. Wie viele dieser geheimen Waffenlager im Laufe der Zeit von westlichen Stellen aufgespürt wurden, ist unklar.

Auch Papst Johannes Paul II. war im Visier

Während einige Agenten den Westen im Visier hatten, waren weitaus mehr innerhalb des damaligen Ostblocks stationiert. Den Unterlagen zufolge wurden etwa Agenten in die damalige Tschechoslowakei geschickt, um die Gruppe der Dissidenten zu infiltrierten, die hinter dem Prager Frühling 1968 steckten. Zu den Spionagezielen gehörte auch das Umfeld des Polen Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II. Der KGB registrierte mit größtem Missfallen "die extrem antikommunistischen Sichtweisen" des Geistlichen.

Der Historiker Andrew weist auf das hohe Risiko hin, dass Mitrochin einging - in vollem Bewusstsein, was ihn im Fall eines Auffliegens erwarten würde: "Eine einzelne Kugel in den Hinterkopf." Aber, so der Historiker: "Das Material bedeutete ihm so unheimlich viel, dass er darauf vorbereitet war, sein Leben dafür aufs Spiel zu setzen."

Das Churchill-Archiv gibt Forschern Zugang zu 19 Kartons mit Tausenden Papieren in russischer Sprache, die getippte Version der Mitrochin-Unterlagen. Die handschriftlichen Notizen, also die Originalkopien, bleiben unter Verschluss.

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