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Flug MH17: Absturz nur ein tragischer Irrtum?

Absturz von MH17  

Den Rebellen könnte das nötige Radar gefehlt haben

20.07.2014, 11:40 Uhr | AP

Flug MH17: Absturz nur ein tragischer Irrtum?. Das Buk-M2-Flugabwehr-System bei einer Militärshow nahe Moskau. Ukrainischen Rebellen fehlen offenbar passende Radargeräte, um Objekte korrekt zu identifizieren. (Quelle: AP/dpa)

Das Buk-M2-Flugabwehr-System bei einer Militärshow nahe Moskau. (Quelle: AP/dpa)

War das Unglück von MH17 ein schrecklicher Irrtum? Experten haben eine mögliche Erklärung für den Abschuss der malaysischen Passagiermaschine über der Ost-Ukraine: Wenn pro-russische Rebellen dafür verantwortlich waren, sagen sie, dann wohl deshalb, weil sie nicht über die richtigen Systeme verfügten, die eine militärische von einer zivilen Maschine hätte unterscheiden können.

Die USA gehen davon aus, dass die Boeing 777 mit 298 Menschen an Bord von einer SA-11-Rakete zum Absturz gebracht wurde, abgefeuert aus einem von pro-russischen Separatisten kontrollierten Gebiet. Die Aufständischen haben nach Informationen der "Washington Post" von Russland das Flugabwehrsystem Buk erhalten. Der ukrainische Geheimdienstchef Witali Najda habe berichtet, dass eine Batterie des Systems mit einer fehlenden Rakete am Freitag früh die Grenze nach Russland überquert habe.

Raketen brauchen Radar- und Kommandofahrzeug

Um richtig zu funktionieren, sollte ein SA-11-Startfahrzeug laut Experten mit einem Radar- und Kommandofahrzeug verbunden sein, damit das Ziel vor dem Beschuss einwandfrei identifiziert ist. Bisherige Informationen deuteten darauf hin, dass sich die Rebellen nicht im Besitz von derartigen Systemen befänden, meint Pawel Felgenhauer, ein auf Verteidigung spezialisierter Kolumnist der Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta", die für ihre kritische Berichterstattung bekannt ist. "Sie könnten leicht einen tragischen Fehler gemacht und eine Passagiermaschine abgeschossen haben, wenn sie eigentlich ein ukrainisches Transportflugzeug abschießen wollten."

Die staatseigene russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti zitiert ebenfalls einen Experten - Konstantin Siwkow von der Academy of Geopolitical Problems - mit den Worten, dass Buk-Raketen normalerweise mit externen Systemen zur Zielidentifizierung ausgestattet sein sollten. Die Rebellen hätten diese aber nicht.

Und so ist es möglich, dass die Separatisten eine Rakete abschossen, ohne sich völlig sicher zu sein, welche Art von Flugzeug sie ins Visier nahmen. "Nur ein kleines Echozeichen auf einem Radarschirm zu sehen, war keinesfalls ausreichend, eine Zielentscheidung zu treffen", sagt Keir Giles, Sicherheitsexperte beim britischen Royal Institute of International Affairs. "Man braucht für zusätzliche Informationen ein zusätzliches Radarsystem, mit dem diese Waffensysteme verbunden werden können."

Nicht mit einer Zivilmaschine gerechnet

Mitteilungen der Rebellen in sozialen Medien unmittelbar nach dem Flugzeugabsturz legen ebenfalls nahe, dass sie keine zivilen Flugzeuge über der Krisenregion erwartet hatten. Sie scheinen angenommen zu haben, dass Zivilmaschinen den Luftraum meiden würden - und jedes auftauchende Flugzeug "feindlich" sei.

Wenn eine Rakete abgefeuert wurde, ohne vorher zu versuchen, das Flugzeug zu identifizieren, wäre die Zerstörung der Maschine ein Akt "krimineller Fahrlässigkeit", sagt der pensionierte US-Luftwaffengeneral Robert Latiff. Kommerzielle Airliner kommunizierten auf bekannten Frequenzen und sendeten Signale aus, die sie identifizierten und ihre Flughöhe und Geschwindigkeit anzeigten. "Es klingt nicht danach, als ob sie irgendeine dieser Informationen verwendet oder versucht hätten, sie zu verwenden", sagt Latiff, der früher bei der Air Force die Aufsicht über Erforschung und Entwicklung moderner Waffen hatte.

"Meine Vermutung ist, dass das Radar des Systems ein Echo von einem großen 'Transport'-Flugzeug in 10.000 Meter Höhe oder so erhielt. Danach hat das System entweder automatisch gefeuert oder es war derjenige, der für die Bedienung zuständig war, eine aggressive Person, die es juckte, die keine Gelegenheit verpassen wollte. Es sieht nicht danach aus, als ob sie nach zusätzlichen Daten suchten, bevor sie den Abzug betätigten."

MH17 hatte keine Chance

Ein Nato-Offizier, der anonym bleiben möchte, bestätigt, dass ein Buk-Startfahrzeug mit seinen raketenbestückten Rampen normalerweise seine Befehle von einem separaten Kommandofahrzeug erhalte. Wenn alles genau nach dem Lehrbuch gehe, dann bestimme der mobile Kommandoposten das Ziel und die Abschussrampe, die betätigt werden solle.

Einmal ins Visier genommen, hatte die Boeing keine Chance und war nicht schwer zu treffen. "Zivile Flugzeuge fliegen in einer geraden Linie", sagt Edward Hunt, ranghoher Berater von IHS Jane's, einem auf militärische Nachrichten und Analysen spezialisierten Unternehmen. "Eine Zivilmaschine versucht keine Täuschungsmanöver. Die Piloten wussten wahrscheinlich nicht einmal, dass das Flugzeug im Fadenkreuz war."

Rebellen brüsteten sich mit eigenen Buk-Systemen

Reporter der Nachrichtenagentur AP hatten berichtet, dass sie nur Stunden vor dem Absturz der Maschine am Donnerstag ein SA-11-System in einem von Separatisten kontrollierten Gebiet nahe Snischne gesehen hätten. In einem von der russischen Agentur Itar-Tass verbreiteten Bericht vom 29. Juni hatten sich Rebellen zudem damit gebrüstet, dass ihnen einige ukrainische Buk-Systeme in die Hände gefallen seien. Nur wenige Wochen später schossen Separatisten dann ein Transportflugzeug des ukrainische Militärs ab, eine Antonow 26, die in einer Höhe von bis zu 7500 Meter fliegen kann.

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