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Mannheim: Forscher entlocken Mumien spannende Geheimnisse

Untersuchungen an Mannheimer Uniklinik  

Forscher entlocken Mumien spannende Geheimnisse

10.07.2009, 09:48 Uhr | Von Jürgen Oeder, AFP, AFP

Eine 2400 Jahre alte Mumie wird in der Mannheimer Universitätsklinik im Computer-Tomographen untersucht (Foto: AP)Eine 2400 Jahre alte Mumie wird in der Mannheimer Universitätsklinik im Computer-Tomographen untersucht (Foto: AP)

Die nackte Frau zeigt keine Regung, als sie langsam durch das Computer-Tomographie-Gerät in der Mannheimer Uniklinik geschoben wird. Gut so, denn alles andere wäre ein Stück aus einem Horror-Film: Die Ägypterin ist seit rund 2400 Jahren tot, eine einbalsamierte Mumie. "Wie sie an den Goldblattauflagen auf der Haut sehen, handelt es sich um eine hochstehende Persönlichkeit, die eine Einbalsamierung erster Klasse erhielt", sagt Wilfried Rosendahl, Leiter des Mumienprojekts der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Unterdessen zeigt der Monitor, was die Frau im Bauch trägt: eine Papyros-Rolle.

"Gut möglich, dass die Rolle mit Hieroglyphen beschriftet ist, aber mit der jetzigen Technologie können wir sie noch nicht lesen", erklärt Rosendahl. Doch was das derzeit modernste und im Klinik-Alltag für Kranke eingesetzte CT-Gerät von Siemens den Mumien an Geheimnissen zu entlocken vermag, ist weltweit einzigartig.

Berührungsloser Blick ins Innere

Die dreidimensionalen Körperscans sind so detailreich, dass mit ihren Daten ein Laserstrahl im sogenannten Rapid-Prototyping-Verfahren exakte Kunststoffkopien von Körperteilen wie dem Schädel herstellen kann. "Wir sind auf solche Verfahren und den berührungslosen Blick ins Innere angewiesen, weil wir die Mumien nicht zerstören, sondern erhalten und restaurieren wollen", erläutert Rosendahl.

Museumsmacher kooperieren mit Wissenschaftlern

Begonnen hat das international bedeutsame Forschungsprojekt 2004, nachdem in den Kellern des Mannheimer Museums 20 Mumien entdeckt wurden, die teilweise als im Krieg verloren galten oder nur mit wenigen Angaben in Inventurlisten verzeichnet waren. Um das Rätsel von Herkunft, Alter, Geschlecht, Ernährungsgewohnheiten, Krankheit und Tod zu lösen, kooperierten die Museumsmacher mit der Uniklinik und einer Reihe weiterer Wissenschaftler bis hin zu Experten für Haar- und Giftanalysen.

Forscher entlocken Mumien erstaunliche Geheimnisse

Was staubtrockenen Mumien mit modernster Analytik an Geheimnissen entlockt werden kann, ist erstaunlich: Bekannt wurde so etwa, dass die alten Ägypter von Parasiten gepeinigt wurden, dass sie an Lepra, Kinderlähmung und schmerzhaften Zahnabszessen litten und dass sie auch Schweinefleisch aßen.

"Perfekte Zähne und keine Osteoporose"

Der CT-Scan der ägyptischen hochstehenden Dame mit dem Namen "III-130" - so ihre Inventar-Nummer - zeigt "auf den ersten Blick einen Bruch der Elle im linken Unterarm, perfekte Zähne und keine Osteoporose", sagt Oberarzt Christian Fink, der die Bilder auswertet. Die Mumie der etwa 20 bis 40 Jahre alten Frau ist eine Leihgabe des Museums Basel, wo sie im 19. Jahrhundert unter ungeklärten Umständen landete. Sie wird nun in den kommenden Monaten ebenso detailliert untersucht wie zwölf weitere Mumien, darunter Vorfahren des Barons von Crailsheim aus der Familiengruft im Schloss Sommerdorf oder einbalsamierte Mumien aus Peru.

Mit geschlossenen Händen einbalsamiert

Sie alle werden Bestandteil einer Wanderausstellung von insgesamt 70 Mumien, die nächstes Jahr in den USA gezeigt werden soll. Unter ihnen ist auch die Mumie einer Peruanerin, die 1415 im Alter von 30 bis 50 Jahren starb und mit geschlossenen Händen einbalsamiert wurde. Der CT-Scan in Mannheim zeigte, dass sie darin zwei Objekte festhielt. Zunächst vermuteten die Forscher Gegenstände aus Kupfer, Gold oder Keramik. Über das berührungslose Rapid-Prototyping konnten dann Nachbildungen der Gegenstände angefertigt werden. Es waren zwei Milchzähne von Kindern: ein Eck- und ein Backenzahn.

Unerwartete Brücke zwischen Zeiten und Kulturen

"Warum die Kinderzähne in die Hände der Verstorbenen gelegt wurden, werden wir nie erfahren. Vielleicht ist es eine Botschaft wie 'Denk an die Kinder!'", sagt Rosendahl. Für ihn schlägt diese Entdeckung eine unerwartete und berührende Brücke zwischen Zeiten und Kulturen. "Auch heute sammeln noch viele Eltern die Milchzähne ihrer Kinder", sagt er.

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