Sie sind hier: Home > Panorama > Wissen > Geschichte >

Kriegsschiff-Wrack in der Nordsee: Reise zum nassen Grab der "Wiesbaden"

Reise zum nassen Grab der "Wiesbaden"

07.07.2011, 08:58 Uhr | Von Axel Bojanowski, Spiegel Online

Kriegsschiff-Wrack in der Nordsee: Reise zum nassen Grab der "Wiesbaden". Taucher haben das Wrack der "Wiesbaden" in 52 Metern Tiefe in der Nordsee entdeckt (Foto: GUE/ Derk Remmers)

Taucher haben das Wrack der "Wiesbaden" in 52 Metern Tiefe in der Nordsee entdeckt (Foto: GUE/ Derk Remmers)

Tausende Matrosen starben 1916 bei der Seeschlacht im Skagerrak zwischen der deutschen und britischen Flotte, darunter der Dichter Gorch Fock an Bord der "Wiesbaden". Jetzt haben Taucher das Wrack des Kreuzers aufgespürt - spektakuläre Fotos zeigen erstmals die Überreste des zerstörten Schiffes.

Weitere Nachrichten und Links

Es war die größte Seeschlacht des Ersten Weltkriegs: Am 31. Mai 1916 prallten im Skagerrak die Flotten Deutschlands und Großbritanniens aufeinander. An der Grenze zwischen Nordsee und Ostsee vor der dänischen Nordküste beschossen sich 250 Schiffe der deutschen und der britischen Flotte, etwa 8.000 Männer starben.

Als die Schlacht begann, landete das Schlachtschiff "Invincible" einen Volltreffer im Maschinenraum des deutschen Kreuzers "Wiesbaden". Das Kriegsschiff mit knapp 600 Seeleuten an Bord - unter ihnen der Dichter Gorch Fock - trieb manövrierunfähig umher und war den britischen Gegnern wehrlos ausgeliefert. Erst nach Stunden und zahlreichen weiteren Treffern sank die "Wiesbaden" am 1. Juni 1916, wie der einzige Überlebende später erzählte.

Jetzt, 95 Jahre später, berichten Taucher, dass sie das Wrack im Skagerrak aufgespürt hätten. Es liege in 52 Meter Tiefe mit dem Kiel nach oben, sagt der Expeditionsleiter Frank Olbert gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die meisten Aufbauten der "Wiesbaden" seien verschwunden. Olbert und seine Kollegen erkannten dennoch zahlreiche Folgen der Schlacht von 1916: Der Kreuzer sei an vielen Stellen von Einschusslöchern durchsiebt. Stahlplatten seien nach außen gebogen - "ein Hinweis auf starke Explosionen an Bord", meint Expeditionsteilnehmer Derk Remmers, ein Tauchlehrer aus Hamburg.

Gerüchte über das Wrack

Die Bugspitze der "Wiesbaden" fehle ganz, sie sei vermutlich abgeschossen worden, vermutet Remmers. Beim Aufprall auf den Grund könne er kaum abgebrochen sein, schließlich liege das Schiff kopfüber. Auch die Verkleidung des Dampfkessels sei verschwunden. Das Schiff liege frei, es sei kaum bewachsen oder mit Sand bedeckt. Fischschwärme lebten im Inneren. Fünf Meter neben dem Wrack haben die Taucher ein Geschütz entdeckt. Die Antriebspropeller fehlten, sie seien wohl von Wrackräubern gestohlen worden, meint Remmers.

Lange hatten Olbert, Remmers und ihre Kollegen nach der "Wiesbaden" gefahndet. Oft bleibt die Lage von Kriegsschiffwracks geheim - aus Angst vor Plünderungen und der Schändung der Gräber. "Es kursierten aber Gerüchte an Taucherstammtischen über die 'Wiesbaden'", so Remmers. Der Durchbruch gelang ihnen nach eigenen Angaben vor drei Jahren, als sie einem Marinesoldaten Daten über die Position des Wracks abgekauft hätten. 2010 wagten die Abenteurer einen ersten Vorstoß aufs Meer, doch schlechtes Wetter stoppte ihre Expedition.

"Nun gelang das Unternehmen", berichtet Olbert. Vom dänischen Hafen Thyborøn aus nahmen sie mit der "MS Ostsee Star" Kurs Richtung Norwegen. Nach zwölf Stunden Fahrt zeigte ihr Sonargerät, das mit Schallwellen den Meeresgrund abtastet, die Umrisse eines Schiffes. "Es lag 780 Meter von der uns übermittelten Position entfernt", berichtet Olbert.

Sechs Taucher mit jeweils 80 Kilogramm Ausrüstung ließen sich jeweils mehrmals zu dem Wrack sinken. "Es war kein einfacher Tauchgang", so Olbert. Starke Strömung und hoher Wellengang erschwerten das Unternehmen im kalten Nordsee-Wasser. Ins Wrack hinein seien sie nicht getaucht, sagt Remmers - aus Respekt vor den toten Seeleuten.

Gedenktafel am Meeresgrund

Anhand von Indizien meinen die Taucher, die "Wiesbaden" identifiziert zu haben. Ein Namensschild war zwar nicht vorhanden - das sei schon vor der Schlacht 1916 abgeschraubt worden, damit das Schiff nicht so leicht erkannt werden konnte, berichtet Olbert. Die Länge des Wracks von 138 Metern stimme aber mit der 145 Meter langen "Wiesbaden" überein, wenn man die fehlende Bugspitze mit einrechne. "Es gibt kein anderes vermisstes Schiff dieser Klasse", sagt Remmers. Auch das Kaliber des Geschützes, der Dampfkessel und das Getriebe passten.

An das Wrack haben die Taucher eine Gedenktafel gehängt, mit der sie an die auf der "Wiesbaden" gestorbenen Männer erinnern. Hervorgehoben wird der Dichter Johann Kinau, wie Gorch Fock mit bürgerlichem Namen hieß. "Wir wollen", sagt Remmers, "die Erinnerung an die bei der Schlacht im Skagerrak gestorbenen Seeleute wecken".


Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team von t-online

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal