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Sensationeller Fund: Hier spricht Reichskanzler Bismarck

Sensationeller Fund  

Tondokument: Hier spricht Reichskanzler Bismarck

31.03.2015, 22:10 Uhr | t-online.de, dapd

Sensationeller Fund: Hier spricht Reichskanzler Bismarck. Otto von Bismarck, um 1860 - Diplomat, dann Ministerpräsident von Preußen, Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes und Reichskanzler des Deutschen Reiches (Quelle: imago images)

Otto von Bismarck, um 1860 - Diplomat, dann Ministerpräsident von Preußen, Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes und Reichskanzler des Deutschen Reiches (Quelle: imago images)

Es ist eine rauschende, knisternde Sensation: Im Labor des US-Erfinders Thomas Edison in New Jersey sind über hundert Jahre alte Tonaufzeichnungen prominenter Deutscher gefunden worden, darunter die einzige bekannte Aufnahme des früheren Reichskanzlers Otto von Bismarck (1815 bis 1898). Die Tonaufnahmen wurden Ende des 19. Jahrhunderts mit einer sogenannten Wachswalze aufgezeichnet.

Wie die "New York Times" berichtete, enthält die gefundene Wachswalzensammlung aus den Jahren 1889 und 1890 auch Tonaufnahmen von Helmuth Karl Bernhard von Moltke (1800 bis 1891), einem damals angesehen deutschen Militärstrategen. Darauf ist zu hören, wie von Moltke Verse von William Shakespeare vorträgt und aus Johann Wolfgang von Goethes "Faust" zitiert. Die Wachswalzen wurden bereits 1957 entdeckt - welche Schätze sie beinhaltete, war aber bis vergangenes Jahr unbekannt.

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(die Aufnahme erscheint als viertes Audio-File auf dieser Seite - weiter unten in diesem Artikel finden Sie eine Abschrift)

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Ton-Historiker identifizieren Stimmen

Die unbeschrifteten Aufnahmen, die in einer Holzkiste aufbewahrt wurden, nahm im vergangenen Jahr der Kurator des Edison-Labors, Jerry Fabris, genauer unter die Lupe. Zum Abspielen benutzte er nach Angaben der Zeitung ein sogenanntes Archeophon und wandelte das analoge elektrische Signal in WAV-Dateien. Dann beauftragte er zwei Ton-Historiker mit der Identifizierung der Personen auf den Aufnahmen.

"Es war nicht leicht, Bismarcks Stimme zu identifizieren", sagte einer der beiden Historiker der "New York Times", Stephan Puille von der Universität für Angewandte Wissenschaften in Berlin. Demnach habe erst eine Referenz an Friedrichsruh, Bismarcks Wohnsitz, seinen Verdacht wirklich bestätigt. "Ich wusste sofort, dass ich auf dem richtigen Weg bin", schrieb er dem Blatt per E-Mail.

"Höhepunkt meiner Karriere"

"Bismarcks Name ist auf der Aufnahme nicht erwähnt, aber ich hatte alle möglichen Informationen aus damaligen Zeitungsartikeln gesammelt. Und der Inhalt der Aufnahme passte perfekt dazu", sagte Puille der Zeitung. Dieses Rätsel zu lösen, sei "ohne jeden Zweifel der Höhepunkt meiner wissenschaftlichen Karriere".

Einen wichtigen Hinweis auf den Inhalt der Wachswalzen habe der Deckel der Kiste gegeben. Darauf waren zwei Namen eingeritzt: "Wangemann. Edison." Der erste Name lautete vollständig Adelbert Theodor Edward Wangemann, der 1888 zu Edisons Labor dazu stieß und dessen Wachszylinder-Phonographen zum Abspielen von Musik zur Marktreife bringen sollte.

Prominente dürfen Stimmen aufzeichnen

Wangemann wurde ein Experte, was das Aufzeichnen von Stimmen anging, berichtete die "New York Times". Im Juni 1889 schickte Edison ihn demnach nach Europa, um darauf zu achten, dass der Phonograph auf der Weltausstellung in Paris richtig funktionierte. Nach der Messe reiste Wangemann durch seine Heimat Deutschland, zeichnete Musiker auf und war zu Gast bei Prominenten, die fasziniert von der sprechenden Maschine waren.

Im Oktober 1889 schließlich besuchte Wangemann den 74 Jahre alten Reichskanzler Bismarck auf dessen Schloss in Friedrichsruh. Bismarck hörte sich Musikaufnahmen an und - angeblich auf Drängen seiner Frau - willigte ein, selbst aufgezeichnet zu werden. Er zitierte Gedichte und Lieder auf Englisch, Latein, Französisch und Deutsch. Überraschenderweise stimmte er sogar die französische Nationalhymne an. Überraschend deshalb, weil Bismarck mit der Emser Depesche Frankreich provozierte - was schließlich zum Deutsch-Französischen Krieg von 1870-71 führte.

Der Fürst rezitiert aus dem Gedicht "Als Kaiser Rotbart lobesam" und das Studentenlied "Gaudeamus igitur" - allerdings unter starkem Rauschen und Knistern.

Bismarcks Rat an seinen Sohn Herbert

"Bismarck war ein sehr geistreicher Mann", kommentierte der US-Historiker und Bismarck-Biograph Jonathan Steinberg für die "New York Times". Am Ende der 72 Sekunden dauernden Aufnahme hatte Bismarck noch eine Botschaft für seinen Sohn Herbert parat, der die Nachricht ein paar Wochen später in Budapest zu hören bekam. Herbert solle sich in Mäßigung üben - nicht zu viel arbeiten, nicht zu viel essen und trinken. "Bismarck war ein gigantischer Mann mit gigantischem Appetit und gigantischem Temperament", sagte Steinberg: "Er tat nie etwas Gemäßigtes, und Herbert war genauso maßlos."

Auf der Seite des Edison National Historic Park ist eine Abschrift des spektakulären Funds veröffentlicht:

Ansager: "Friedrichsruh am siebten Oktober achtzehnhundertneunundachtzig."

Otto von Bismarck:

"In good old colony times,

When we lived under the King,

Three roguish chaps fell

into mishaps                                                          

Because they could not sing.

Kaiser Rotbart lobesam

Zum heil'gen Land gezogen kam,

Da mußt er mit dem frommen Heer

Durch ein Gebirge wüst und leer.

Gaudeamus igitur,

juvenes dum sumus.

Post jucundam juventutem,

post molestam senectutem

nos habebit humus.

Allons enfants de la Patrie

Le jour de gloire est arrivé

Contre nous de la tyrannie

L'étendard sanglant est levé.

Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit, namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen, und im Übrigen gerade auch das Trinken. Rat eines Vaters an seinen Sohn."

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