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50 Jahre "Gorch Fock": Harte Arbeit auf einem stolzen Schiff

50 Jahre "Gorch Fock"  

Harte Arbeit auf einem stolzen Schiff

Von Ulrich Weih

22.08.2008, 19:35 Uhr

Von Ulrich Weih

Das Segelschulschiff Gorch Fock (Quelle: Deutsche Marine)Das Segelschulschiff Gorch Fock (Quelle: Deutsche Marine) Unbarmherzig durchschneidet der schrille Ton der Bootsmannspfeife den Raum. Es ist 6.15 Uhr und für die Soldaten der Backbordwache an Bord der "Gorch Fock" heißt es: Aufstehen. In Windeseile werden die Hängematten verzurrt, und nach einer kurzen Morgenwäsche geht es schon zum "Backen und Banken" - zum Frühstück der Seeleute.

Für die meisten der etwa 100 Soldaten ist das alles noch neu und ungewohnt. Als Offiziersanwärter der Marine sind sie an Bord des Segelschulschiffs "Gorch Fock" gekommen, um in den nächsten sechs Wochen ihre erste seemännische Ausbildung zu absolvieren. Die Kadetten spüren: Sie sind auf einem Stück deutscher Geschichte. Die "Gorch Fock" ist das einzige Segelschulschiff der Deutschen Marine. Eine Ausnahmeerscheinung unter den Fregatten, Korvetten und Schnellbooten.

Foto-Serie Rundgang über die "Gorch Fock"
Foto-Serie Der harte Alltag an Bord

Ein sicheres Segelschulschiff

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundeswehr aufgebaut wurde, war klar, dass die Marine für ihre Offiziersanwärter wieder ein Ausbildungsschiff brauchen würde. Als Vorbild hatte man die berühmten deutschen Großsegler aus den dreißiger Jahren vor Augen. Die Hamburger Werft Blohm & Voss bekam den Auftrag, einen Rahsegler zu bauen. Doch dann geriet im September 1957 der Frachtsegler Pamir in einen Hurrikan und sank; 80 der 86 Besatzmitglieder ertranken. Aus dieser Katastrophe zog man Konsequenzen: Die Pläne für das Segelschulschiff wurden komplett überarbeitet. Am 23. August 1958 lief der Dreimaster dann vom Stapel. Ein schnelles, vor allem aber ein sicheres Schiff. Und schon bald der Stolz der Marine.

Sie wissen nicht, was ein Rahsegel ist? Dann klicken Sie einfach doppelt auf das entsprechende Wort und danach in dem kleinen Popup-Fenster auf "Wikipedia". Probieren Sie's mal aus. Das geht übrigens auch mit allen anderen Begriffen, zu denen Wikipedia-Einträge existieren.

Foto-Serie Der Bau des Segelschulschiffs
Foto-Serie Ein kurzer Blick zurück
Bewegende Chronologie Stationen im Leben der "Gorch Fock"

Bereits 32-mal um die ganze Welt

Die "Gorch Fock" ist 89,32 Meter lang, zwölf Meter breit und hat einen Tiefgang von 5,50 Metern. Nach der Art der Beseglung wird sie als Bark bezeichnet. Bis zu 23 Segel mit insgesamt 2080 Quadratmetern Tuch treiben den schlanken Rumpf durch die Wellen. Das reicht für eine Geschwindigkeit von rund 30 Kilometer pro Stunde. Der Großsegler ist das einzige unbewaffnete Schiff der Deutschen Marine. 150 Ausbildungsreisen, davon allein 25 Atlantiküberquerungen, stehen im Logbuch. Insgesamt wurden bislang etwa 700.000 Seemeilen, das sind fast 1,3 Millionen Kilometer, zurückgelegt - was einer 32-fachen Weltumrundung entspricht. Dabei hat das Schiff 350 Häfen in 58 Ländern angesteuert.

Das deutsche Segelschulschiff Fakten zur "Gorch Fock"

Ungewohnter Bordalltag

Segeln auf einem Windjammer - das klingt nach Seefahrerromantik und Abenteuerurlaub. Doch der Bordalltag auf dem Großsegler sieht anders aus. Die gesamte Mannschaft ist in vier Gruppen aufgeteilt, die sich in einem festgelegten Rhythmus alle vier Stunden ablösen - Tag und Nacht. Durchschlafen ist daher nur jede vierte Nacht möglich. Aber auch das ist nicht garantiert: Wenn ein "All-hands"-Manöver dazwischen kommt, weil beispielsweise die Wetterbedingungen sich verschlechtert haben und sämtliche Segel geborgen werden müssen, haben alle mit anzupacken. Auch wenn sie eigentlich gerade "frei" haben.

Foto-Serie Segelsetzen auf einem Großsegler
Foto-Serie Kammern, Kojen und Kombüse

Mehr als nur Segelmanöver

"Ein Segelschiff ist das optimale Ausbildungsmittel", sagt der Kommandant, Kapitän zur See Norbert Schatz. "Hier erlebt man Seefahrt hautnah." Die ungewohnte Enge, der fehlende Komfort und die teils rauen Bedingungen auf See zeigen jedem die eigenen Grenzen auf - und sie fördern Teamgeist, Mut und Selbstbewusstsein. Eigenschaften, die auch heute noch in der Marine unerlässlich sind.

Mut, Kraft und Ausdauer

Technische Hilfsmittel wie eine Hydraulik, die beim Segelsetzen unterstützt, gibt es auf dem Segelschulschiff bewusst nicht. Fast alles geht nur mit purer Muskelkraft. Dementsprechend sind die körperlichen Belastungen für viele Soldaten ungewohnt hoch. Darüber hinaus muss oft genug auch noch der innere Schweinehund überwunden werden. Immerhin ist der höchste Arbeitsplatz auf der "Gorch Fock" 43,50 Meter hoch - und Seegang erschwert den anstrengenden Balanceakt noch zusätzlich.

Das Handwerk beherrschen

Die Manöver werden so lange geübt, bis jeder Handgriff sitzt. Denn wenn es darauf ankommt, ist für Fragen keine Zeit mehr. Und ein Fehler kann fatale Folgen haben, schließlich haben die Segel eine Gesamtfläche von über 2000 Quadratmetern und die Masten sind mehrere tausend Kilogramm schwer. Bei der Arbeit auf einem Großsegler muss sich jeder auf den anderen verlassen können, egal ob das Manöver in stockfinsterer Nacht oder bei Sturm mit hohem Seegang durchgeführt wird.

Die theoretischen Grundlagen verstehen

In sechs Wochen lernt jeder Kadetten-Lehrgang das kleine Einmaleins der "Gorch Fock": Aufentern in die Masten, Segel setzen, Segel bergen, Rahen brassen, Wenden (Richtungsänderung, bei der das Schiff mit dem Bug, also der Schiffsspitze, durch den Wind geht) oder Halsen (dabei geht das Heck durch den Wind). Die Segelneulinge müssen sich in dieser Zeit an eine andere Welt gewöhnen. Darüber hinaus wartet jeden Tag noch theoretischer Unterricht auf die Offiziersanwärter. So pauken sie dann neben ihren Segelwachen noch Fächer wie Geophysik, Meteorologie oder die Grundlagen der Seemannschaft.

Ein weltberühmtes Pseudonym Der Schifffahrtdichter Johann Wilhelm Kinau
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Ein diplomatischer Eisbrecher

Wer keinen Unterricht hat oder Wache schiebt, hat frei und kann machen, was er will. Kommandant Schatz schmunzelt: "Machen, was man will - das ist üblicherweise schlafen!" Und selbst wenn das Schiff im Hafen liegt, geht das Programm weiter. Denn Hafentage dienen oft repräsentativen Pflichten, das Schulschiff ist schließlich auch ein Botschafter Deutschlands und der Marine. Die Empfänge und Galadinners auf der "Gorch Fock" sind äußerst beliebt - und verbreiten eine ganz besondere Atmosphäre: "Das Schiff ist ein diplomatischer Eisbrecher", sagt Kommandant Schatz.

Foto-Serie Hoher Besuch auf einem stolzen Schiff
Ein Erfolgsmodell Die Schwesterschiffe der "Gorch Fock"

Modern und traditionell zugleich

Trotz aller Tradition: die "Gorch Fock" ist ein hoch modernes Schiff. Elektronik und Navigationsanlagen sind auf dem neuesten Stand, Sanitäranlagen und Klimageräte sorgen für einen komfortablen Standard. Der verringerte Personalbedarf der Marine machte es möglich, zusätzliche Gemeinschaftsräume für die Mannschaft zu schaffen. Bei den gewohnten Hängematten und dem klassischen Wecken um 6:15 Uhr mit der Pfeife blieb es jedoch. Nicht wenige erinnern sich sogar noch gerne daran.

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