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Meeresbiologie: Schiffsbohrwürmer sind die Termiten der Meere

Schiffsbohrwurm hat Heißhunger auf Holz  

Die Termiten der Meere

23.06.2008, 18:42 Uhr | Spiegel Online


Von Tim Schröder

Kleine Würmer mit riesigem Appetit. (Quelle: imago images)Kleine Würmer mit riesigem Appetit. (Quelle: imago images) Seit Menschen hölzerne Stege und Schiffe bauen, pfuscht ihnen der Schiffsbohrwurm ins Handwerk. Von den Ägyptern bis zu Columbus - sie alle litten unter dem Dickbrettbohrer, der eigentlich eine Muschel ist. Dennoch: Ist der Wurm erst mal drin, ist alles zu spät.

Katastrophale Schäden

Als die Werft zu schwanken beginnt, sind die Arbeiter starr vor Angst. Ist es ein Erdbeben? Ächzend neigt sich die hölzerne Pier zur Seite. Lastwagen und Kisten stürzen in die Bucht von San Francisco. Dann brechen die großen Stützpfeiler der Stege, krachend versinken Bohlen und Planken. Zuletzt kippt das Zollgebäude ins schäumende Wasser. Wie der Benicia-Werft ergeht es im Herbst 1920 vielen Bauten, die auf Holzpfählen in der Bucht stehen. Beinahe wöchentlich bricht ein Fähranleger oder ein Gebäude zusammen. In der San Francisco Bay sieht es aus, als hätte ein Orkan gewütet.

Von außen nicht zu bekämpfen

Die Stadtverwaltung trommelt eilends Ingenieure, Holzspezialisten, Chemiker und Biologen zusammen. Sie werden schnell fündig: Kalkweiße Gänge durchziehen die Pfeiler bis in den Kern. Das Holz ist völlig zerfressen, es hat die Hälfte seines Gewichts eingebüßt. Die Stämme sind so weich, dass man ein Messer hineindrücken kann. Das Schadensbild ist eindeutig: San Francisco erlebt die bislang schlimmste Massenvermehrung von Schiffsbohrwürmern. Tief sind die Tiere bereits ins Holz eingedrungen und lassen sich von außen nicht mehr bekämpfen. Gut geschützt, fressen sich Millionen von Würmern durchs Gebälk. In etwas mehr als einem Jahr zernagen sie Bauten im Wert von mehr als einer halben Milliarde US-Dollar. Erst im Sommer 1921 machen sich die Tiere endlich wieder rar.

Alte Furcht vor den "Marine Worms"

Die Verzweiflung ist groß, denn die Bucht galt lange als bohrwurmsicher. Als sich US-Marine-Commodore John Sloat 1852 an der Westküste nach einem geeigneten Ort für einen neuen Stützpunkt umsah, befahl er seinen Offizieren, einen Platz zu suchen, der "safe from attack by wind, wave, enemy, and marine worms" sei – "sicher vor Angriffen durch Wind, Welle, Feind und Meereswürmern". Die San Francisco Bay schien ideal, denn ihr Wasser ist zu süß, als dass sich der von Sloat gefürchtete pazifische Bohrwurm Bankia setacea darin wohlfühlen würde. Wie die meisten der 66 bekannten Bohrwurmarten bevorzugt Bankia eher salziges Meerwasser. Doch weder Sloat noch seine Nachfahren hatten mit Bankias Vetter Teredo navalis gerechnet.

Anpassungsfähig und sehr aggressiv

Teredo navalis ist ein Weltenbummler und der schlimmste Zerstörer unter den Bohrwürmern. Er fühlt sich im warmen Tropenwasser vor Australien und in der kühlen Nordsee wohl. Er erträgt das salzige Mittelmeer, aber auch das Brackwasser der Ostsee. Woher er stammt, weiß niemand genau. Vermutlich ist er im Lauf der Jahrhunderte als blinder Passagier in Schiffsrümpfen um die Welt gewandert. Vor San Francisco sichteten Forscher ihn erstmals 1913. Doch keiner hatte damals geahnt, dass er sich gleich durch die ganze Bucht fressen würde. Zu spät erkannte man die Ursache: 1919 und 1920 hatte es kaum geregnet, die Flüsse spülten nur wenig Süßwasser in die Bucht. Meerwasser strömte ein und bescherte Teredo optimale Brutbedingungen.

Tiere mit enormer Beißlust

Teredo und seine nahen Verwandten sind weiche Wesen, knapp fingerdick und ungefähr so lang wie Bleistifte. Sie sehen aus wie Würmer, gehören aber zu den Muscheln. In 60 Millionen Jahren haben sie sich optimal an ihren Lebensraum angepasst, ja, sie sind ganz und gar vom Holz abhängig, denn nur ihre Wohnröhre bietet dem verletzlichen Leib Schutz. Die Muschelschalen sind zu zwei scharfen, kleinen Platten geschrumpft, die am Vorderende sitzen. Damit arbeitet sich die Muschel wie ein Minibagger millimeterweise ins Holz. Stimmen Wassertemperatur und Salzgehalt, ist die Beißlust enorm: Bei angenehmen 15 bis 25 Grad Celsius durchbohren die Tiere 30 Zentimeter dicke Eichenstämme in einem halben Jahr. Und sie können drei Jahre alt werden.

Zerfressenes Holz forderte zahlreiche Todesopfer

Seit Menschen hölzerne Stege und Schiffe bauen, pfuschen ihnen die ozeanischen Termiten ins Handwerk; vermutlich haben die Weichtiere mehr Schiffe versenkt als alle Admirale und Piraten zusammen. Columbus verlor angeblich gleich mehrere Korvetten seiner Armada, weil keiner bemerkte, wie wurmstichig sie waren. 1731 brachen in Holland bei einer Sturmflut von Würmern durchlöcherte Deichtore: Hunderte Menschen ertranken. 1922 berichtet die "New York Times" vom "Krieg gegen den Schiffswurm", und 1980 muss man am Hudson River mehrere beschädigte Piers reparieren – für rund 100 Millionen US-Dollar.

Suche nach geeigneten Schutzmitteln

Auch an der deutschen Nordseeküste sind die Tiere bis heute aktiv. Cuxhavener Behörden melden Schäden erstmals im Jahr 1800. Später kommen Bremerhaven, Wilhelmshaven und Emden dazu. Fast immer bohrt Teredo. Freilich haben die Seefahrer Gegenmittel entwickelt. Die Ägypter sollen ihre Schiffe mit einem schützenden Balsam bestrichen haben, und die Chinesen bauten Doppelhüllenboote mit einer Zwischenlage aus Ziegenleder, die sich dem Zugriff der Bohrwürmer widersetzte. Vor etwa 100 Jahren begann man schließlich, Hölzer mit Kreosot zu bestreichen, einem aus Kohleteer destillierten Cocktail chemischer Verbindungen. Das giftige Gemisch machte allerdings nicht nur Bohrwürmern, sondern auch Muscheln in der Nachbarschaft den Garaus; es ist heute längst verboten.

Gefahr durch plötzliche Attacken

Dass Teredo und seine Verwandten trotz verfeinerter Gegenmaßnahmen immer wieder wie eine Naturgewalt über die Menschen hereinbrechen, liegt an ihrer Unberechenbarkeit. Manchmal machen sie sich für Jahrzehnte rar – vermutlich, wenn Salzgehalt und Temperatur nicht mitspielen. Wer sie vergisst und fortan auf unbehandeltes Holz setzt, hat einer überraschenden Attacke nichts entgegenzusetzen. So mussten 1993 auch die Bediensteten des Staatlichen Amtes für Umwelt und Natur (StAUN) in Rostock hilflos mit ansehen, wie sich Teredo navalis durch die Buhnen an den Stränden von Mecklenburg-Vorpommern fraß – etwa 100 Meter lange Reihen armdicker Pfähle, die man als Strömungsbarriere und Wellenbrecher in den Grund gerammt hatte.


Unbehandeltes Holz hat keine Chance

Teredo hatte sich an der deutschen Ostseeküste zuletzt in den 1950er-Jahren massenhaft vermehrt, und längst waren die Behörden dazu übergegangen, in ihren Buhnen billiges unbehandeltes Kiefernholz zu verbauen. Nun aber spülten die Wellen den StAUN-Mitarbeitern beim Strandspaziergang verdächtig oft abgebrochene Kiefernstämme vor die Füße – die Bruchstelle so zerfetzt, als hätte ein Hai zugepackt. Das Ausmaß der Zerstörung war gewaltig: Teredo hatte mehr als zwei Drittel der 1100 Buhnen befallen. "Wir wussten sofort, was los ist, schließlich sind Bohrwürmer hier alte Bekannte", sagt StAUN-Leiter Hans-Joachim Meier.


Hohe Kosten für den Küstenschutz

Auf der Suche nach einem resistenten Baustoff probierte Meier Eiche statt Kiefer und diverse Schutzimprägnierungen aus. Doch das harte Kernholz der Eiche verwandelte Teredo in pergamentenes Holzgeflecht, und die Imprägnierungen schieden schon nach ersten Freilandversuchen aus: Bei den Tests ließen sie die Geschlechtsdrüsen von ausgesetzten Miesmuscheln verkümmern. 1996 schließlich orderte Meier extrem hartes Tropenholz – Eukalyptus, Abiurana und Acariquara aus schonender Waldwirtschaft – nach Warnemünde, wo Teredo am schlimmsten gewütet hatte. Bis heute hat die Runderneuerung des alten Buhnenbollwerks aus Kiefernholz 20 Millionen Euro gekostet. Teredo hat damit einen ganzen Küstenschutz-Jahresetat des Landes Mecklenburg-Vorpommern verschlungen.


Harthölzer am ehesten resistent

"Immerhin wissen wir inzwischen, dass Abiurana und Acariquara den Bohrwürmern am besten widerstehen", sagt Jens Gercken. Der Biologe und Gutachter vom privaten Institut für Angewandte Ökologie in Neu Broderstorf bei Rostock untersucht seit 1996 im Auftrag des StAUN den Zustand der Buhnen. "Selbst nach zehn Jahren sind die Tropenhölzer frei von Teredo. Vermutlich ist ihm das Holz zu unverdaulich." Denn vermutlich verderben ihm Tannine, natürliche Schutzstoffe und eingelagerte harte Kieselsäurekristalle den Appetit.

Von außen fast unsichtbar

Jeden Herbst prüfen die Gutachter, wie weit die Bohrwürmer im Sommer gekommen sind. Im schultertiefen Wasser der Ostsee tauchen die Wissenschaftler an den Buhnen entlang, kratzen Algen und Muscheln von den Stämmen und schaben die oberen Holzschichten mit einem Messer ab. Denn von außen sind die Bohrwurmgänge, und das ist das Fatale, kaum zu erkennen. Teredo navalis dringt als winzige Larve ein und hinterlässt nur ein stecknadel-spitzenkleines Loch. Daher wundert es nicht, dass Columbus das große Fressen in den Rümpfen seiner Schiffe übersah.

Winzige Larven mit riesigem Appetit

Teredo ist also am gefährlichsten, wenn er noch winzig ist, im Sommer, wenn die Elterntiere in Abständen von wenigen Wochen in Schüben Wolken von "Veliger-Larven" ins Wasser ausstoßen – je Saison mehr als eine Million Nachkommen. 25 Tage schweben die pollenkleinen Wesen mit ihren durchscheinenden Segeln und Wimpernkränzen durchs Meer. In dieser Zeit wächst ihr Appetit auf Holz. Sobald sie Witterung aufnehmen, paddeln sie ihrer Beute entgegen, um sich mit dem Fuß an die Oberfläche zu heften. Dann beißen sie zum ersten Mal zu.

Mit dem Holz verwachsen

Die kugeligen Larven besitzen bereits die zwei kleinen Kalkschalen, mit denen sie ins Holz eindringen. Erst im Hohlraum entwickeln sich die Tiere zum langen Wurm. Sie fressen sich tiefer und tiefer und kleiden dabei den Bohrgang mit Kalk aus. Ihr Hinterleib verwächst im Lauf der Zeit mit der Röhre. Einmal im Holz, gibt es für das Tier kein Zurück mehr. Der einzige Kontakt zur Außenwelt sind zwei peitschenförmige Schnorchel an der Schwanzspitze. Durch diese Ein- und Ausströmöffnungen saugen die Muscheln sauerstoffreiches frisches Meerwasser und zusätzliche Nährstoffe ein. Den Larven dienen diese Siphone als Geburtskanal.

Stabile Population in der Ostsee

Jens Gercken und sein schleswig-holsteinischer Kollege Kai Hoppe sind davon überzeugt, dass ihnen die Arbeit so schnell nicht ausgeht. "Es sieht ganz so aus, als habe Teredo in der westlichen Ostsee eine stabile Population gebildet", sagt Hoppe. Früher glaubte man, dass das Ostseewasser für das Reifen der Larven zu süß sei. Massenvermehrungen, so die Annahme, seien stets die Folge eines ungewöhnlich starken Salzwassereinstroms aus der Nordsee gewesen, in dem die Larven besser gediehen – ähnlich wie bei der Bohrwurmplage in San Francisco.


Wanderung durch Nord-Ostsee-Kanal

Inzwischen aber konnten die Forscher in Ostsee-Teredos alle wichtigen Entwicklungsstadien nachweisen: Spermien, reife Eizellen und quicklebendige Larven. Erst östlich von Rügen wird dem falschen Wurm das Wasser zu brackig. Selbst den Nord-Ostsee-Kanal wandert er langsam hinauf – seit 1951 von Kiel aus elf Kilometer landeinwärts. Dort frisst er sich vorzugsweise durch die Dalben, schwere Festmacher aus dicken Eichenpfählen. Für gewöhnlich halten diese bis zu 20 Jahre; fällt der Holzkiller ein, schrumpft ihre Dienstzeit auf fünf. Wie sich Teredo plötzlich in das etablierte Arteninventar der westlichen Ostsee einreihen konnte, weiß auch Hoppe nicht. "Manche vermuten eine Anpassung der Tiere. Andere glauben eher, dass der Klimawandel und eine Erwärmung des Wassers eine Rolle spielen."

Zahlreiche "biologische Tricks auf Lager"

Für den Biologen Hoppe ist Teredo ein faszinierendes Geschöpf, "einfach, weil er so viele biologische Tricks auf Lager hat". Die Paletten zum Beispiel, zwei kleine Kalkstöpsel, mit denen er seine Öffnung verschließt. Wenn es draußen ungemütlich wird, zieht der Wurm die Schnorchel ein und macht die Luken dicht. Der Verschluss hält so gut, dass Teredo sogar drei Wochen auf dem Trockenen übersteht. Er schaltet dann einfach auf Anaerobiose um, einen alternativen Stoffwechselweg, der ohne Sauerstoff auskommt. Auch das Verdauungssystem ist hoch entwickelt. Teredo allein könnte Holz niemals verdauen. Das erledigen Bakterien in seinem Darm, die mit ihm in Symbiose leben und den Holzrohstoff Zellulose in nahrhafte Zucker aufspalten.

Perfekte Reproduktionsmaschine

Und erst ihre Vermehrung! Schiffsbohrwürmer sind Zwitter und durchleben nacheinander männliche und weibliche Phasen. Sie entwickeln sich im Eiltempo zum geschlechtsreifen Tier. Durch ihre dünne Haut leuchten übergroße weiße Geschlechtsdrüsen – Massenreproduktion als Überlebensstrategie. Schon 60 Tage, nachdem sich die Larve ins Holz gebohrt hat, schießen die ersten reifen männlichen Geschlechtszellen, Gameten, durch die Schnorchel ins Wasser. Da ist der Schiffsbohrwurm gerade zwei Zentimeter lang. Wenige Wochen später stellt Teredo die Produktion dann auf Eizellen um. Die besamt er für gewöhnlich mit Gameten, die er mit dem Wasser über seine Siphone einsaugt. In Notzeiten aber befruchtet er sich selbst mit gespeicherten Gameten aus der männlichen Phase.

Holzvernichtung ohne Unterschied

Der Archäologe Harald Lübke teilt die Begeisterung für den Bohrer nicht. Er hat jahrelang für das Schweriner Landesamt für Denkmalpflege archäologische Funde am Grund der Ostsee erforscht. Sein Fazit: Egal wie alt das Holz ist, Teredo macht sich über alles her, was aus dem Sediment lugt – frisch geschlagene Kiefernstämme, Steinzeitspeere oder 6000 Jahre alte Bäume, die die Strömung am Meeresgrund frei gespült hat. In diesem Fall muss der Forscher schneller als die Larven sein. Schon manchen Sattelschlepper hat er eilends mit historischen Hölzern aus der Ostsee beladen und die Fracht zur Zwischenlagerung in einem Kiessee versenkt, nur damit Teredo nicht zuschnappt. Im Süßwasser sterben die Tiere nach wenigen Tagen.

Der Kampf gegen den Wurm

Nicht nur Lübke sucht nach neuen Wegen, um Schiffsbohrwürmer zu vergällen. Kai Hoppe zum Beispiel baut derzeit eine Teredo-Zucht auf. Hersteller von Holzschutzmitteln können ihre Neuentwicklungen damit künftig am lebenden Objekt im Aquarium testen. Und am Meeresforschungsinstitut Terramare in Wilhelmshaven umwickelt man Hölzer mit Matten aus Basaltfasern, damit die Larven auf Stein beißen. Der Kampf geht weiter.


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