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Geowissenschaften: Forscher nennen die größten Rätsel der Erde

Geoforschung  

Forscher nennen die größten Rätsel der Erde

26.06.2009, 16:51 Uhr | Von Axel Bojanowski, Spiegel Online, Spiegel Online

Erdbeben - wie hier in L'Aquila in den Abruzzen - sind für Wissenschaftler das größte Rätsel der Geoforschung (Archivfoto: imago)Erdbeben - wie hier in L'Aquila in den Abruzzen - sind für Wissenschaftler das größte Rätsel der Geoforschung (Archivfoto: imago)

Erdbeben, Klimawandel, Vulkanausbrüche: Die Gewalten der Erde sind bis heute in weiten Teilen kaum verstanden. In einer "Spiegel-Online"-Umfrage haben Geoforscher eine Rangliste der größten Geheimnisse des Planeten erstellt - und fordern erstmals öffentlich einen Nobelpreis für ihr Gebiet.

Bei der Erforschung der Erde kratzen Wissenschaftler buchstäblich an der Oberfläche. Bohrungen durchstießen lediglich ein Fünfhundertstel der Strecke zum Erdmittelpunkt; Druck und Hitze verhinderten bislang tiefere Vorstöße. Das 21. Jahrhundert könnte das Jahrhundert der Geoforschung werden, die größten Entdeckungen stehen wohl noch bevor.


753 Wissenschaftler befragt

"Spiegel Online" hat 753 Wissenschaftler nach den größten Rätseln der Geoforschung befragt. 288 Experten aus Deutschland, Dänemark, Finnland, Großbritannien, Norwegen, Österreich, Schweden, der Schweiz und den USA haben geantwortet, welche für sie die wichtigsten unbeantworteten Fragen der Geowissenschaften sind. Die Ergebnisse:

Platz 1 (20,8 Prozent der Stimmen): Wie lassen sich Erdbeben vorhersagen?

Platz 2 (19,8 Prozent): Welche Prozesse bestimmen im Einzelnen das Klimageschehen?

Platz 3 (10,4 Prozent): Wie ist das Leben auf der Erde entstanden?

Platz 4 (9,4 Prozent): Welche Prozesse spielen sich im Inneren der Erde ab?

Platz 5 (7,3 Prozent): Wie kann man die Menschheit in Zukunft umweltschonend mit Energie versorgen?

Platz 6 (6,2 Prozent): Wie lassen sich Vulkanausbrüche vorhersagen?

Platz 7 (5,2 Prozent): Wie sind die verbleibenden Rätsel der Plattentektonik zu erklären?

Platz 8 (3,6 Prozent): Wie sah es in der Frühzeit der Erde auf dem Heimatplaneten aus?

Auf weitere 31 Themen entfielen jeweils unter drei Prozent der Stimmen.

Wissenschaftler fordern Nobelpreis für Geowissenschaften

Die Gelehrten blicken nicht nur mit Neugierde in die Zukunft: Die Erforschung der Erde würde gegenüber anderen Disziplinen benachteiligt, bemängeln sie. Erstmals fordern renommierte Geoforscher öffentlich die Ausschreibung eines Nobelpreises für Geowissenschaften. Bislang werden Nobelpreise nur für Physik, Chemie, Medizin, Literatur, Frieden und Ökonomie verliehen - eine gleichrangige Auszeichnung für Durchbrüche bei der Erforschung der Erde gibt es nicht. "Ich empfinde das als große Ungerechtigkeit", sagt etwa Marcia Bjørnerud, Geologieprofessorin an der Lawrence University in Appleton im US-Bundesstaat Wisconsin.

Forscher wollen mehr Beachtung für ihr Fach

"Wir brauchen einen Nobelpreis", meint auch Paul Baker von der Duke University in Durham im US-Bundesstaat North Carolina. "Selbst die Wirtschaftswissenschaftler haben einen." Ein Nobelpreis würde der Geoforschung die Beachtung geben, die sie verdiene, sagte der Geologe Volker Lorenz von der Universität Würzburg. Themen wie Wasserknappheit, Rohstoffe, Umweltschutz oder Naturkatastrophen seien von immenser globaler Bedeutung.

Direktoren wollen keine weiteren Nobelpreise zulassen

Die Nobel-Stiftung in Stockholm aber weist den Vorstoß der Geoforscher zurück: "Die Direktoren haben entschieden, keine weiteren Nobelpreise zuzulassen", erklärte das Nobel-Komitee auf Anfrage von Spiegel Online. Die Einführung des Wirtschaftspreises vor 41 Jahren solle die letzte Ergänzung im Nobel-Sortiment bleiben. Ihn hatte die Bank von Schweden 1968 anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens gestiftet. Es war das bislang einzige Mal, dass den von Alfred Nobel im Jahr 1900 ausgeschriebenen fünf Auszeichnungen eine weitere hinzugefügt wurde.

Idole fehlen

Fächer mit Nobelpreis wie Chemie und Physik profitieren vom Renommee der Auszeichnung. Nobelpreisträger wurden zu gefragten Botschaftern ihrer Disziplinen, den Geowissenschaften fehlen solche Idole. Die Politik des Komitees hatte bisher zur Folge, dass selbst die größten Durchbrüche beim Verständnis der Erde ohne Anerkennung auf höchster Ebene blieben. Dazu gehören:

  • Die Entdeckung, dass Erdplatten über den Planeten driften. Dabei kann erst die Plattentektonik Phänomene wie Erdbeben, Vulkane oder die Bildung von Rohstoffen und Gebirgen schlüssig erklären.
  • Die Einsicht, dass der Mensch die Luft mit Treibhausgasen aufheizt.

  • Die Entdeckung des Globalen Förderbandes der Meeresströme, zu dem der Golfstrom gehört.
  • Das Aufspüren von Atomen, die es erlauben, das Alter von Fossilien und Mineralien zu bestimmen - sie öffneten der Menschheit das Geschichtsbuch der Erde.

"Mensch und Erde bilden Schicksalsgemeinschaft"

"Wie wäre es", fragt Reinhard Hüttl, Vorstandschef des GFZ Potsdam, "wenn wir die Erde wirklich verstünden?" Vor Naturkatastrophen könnte gewarnt werden, Folgen von Umweltveränderungen ließen sich abschätzen, der Bedarf an Energien und Rohstoffen könnte besser bedient werden, Probleme bei Ernährung oder Schadstoff-Entsorgung wären lösbar. Ähnlich äußerte sich Wolfgang Jacoby, Geophysiker an der Universität Mainz: "Mensch und Erde bilden schließlich eine Schicksalsgemeinschaft."

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