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Riesiger Lavasee bedroht afrikanische Großstadt

Riesiger Lavasee bedroht afrikanische Großstadt

21.02.2011, 10:35 Uhr | Von Axel Bojanowski, Spiegel Online

Riesiger Lavasee bedroht afrikanische Großstadt. Die Lavamasse im Nyiragongo-Vulkan schwillt immer weiter an (Foto: VolcanoDiscovery / Tom Pfeiffer)

Die Lavamasse im Nyiragongo-Vulkan schwillt immer weiter an (Foto: VolcanoDiscovery / Tom Pfeiffer)

Die Forscher hatten den Gipfel des Vulkans Nyiragongo im Kongo gerade erst verlassen, als die Lavamassen losbrachen. Eben noch hatte im Krater der glutrote Lavasee geschwappt, doch dann riss der Kessel auf - er lief aus wie eine aufgeschnittene Milchtüte: Die dünnflüssige Lava rauschte mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde sturzflutartig die Bergflanken hinunter, sie tötete 72 Menschen. Die Forscher waren gerade noch einmal davongekommen.

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Das war im Januar 1977. Nahezu auf den Tag genau 34 Jahre später, im Januar 2011, campierten nun erneut Vulkanologen und Abenteurer am größten Lavasee der Welt auf dem Nyiragongo im zentralafrikanischen Regenwald. Auch sie fühlten sich sicher. Und auch sie hatten Glück, sie kamen unbeschadet davon. Ihre Fotos aber dokumentieren eine gruselige Veränderung des Vulkans: Der Lavasee sei in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, berichten sie Spiegel Online. Diesen Befund bestätigt auch eine Studie, die im März auf einer Tagung der Amerikanischen Geologischen Gesellschaft vorgestellt werden soll.

Damit steht fest: Im Vulkan steigt Magma auf. Der See mit der dünnflüssigsten Lava der Welt steht jetzt fast so hoch wie vor früheren Ausbrüchen. Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch gibt es zwar nicht, doch spätestens seit seiner letzten Eruption im Januar 2002 gilt der fast 3500 Meter hohe Nyiragongo als unberechenbar.

Lava rauschte durch die Straßen

Am 17. Januar 2002 waren seine Lavamassen bis in die zehn Kilometer entfernte Stadt Goma geschossen, wo sie etwa 170 Menschen töteten; 120.000 wurden obdachlos. Die viele hundert Grad heiße Lava mit ihrer ungewöhnlich wässrigen Konsistenz rauschte durch die Straßen, entflammte Häuser und erstarrte schließlich zu einem buckligen silbrigen Steinpanzer. Er bedeckt seither ganze Stadtviertel und Teile des Flughafens wie eine riesige Grabplatte. Autos, Häuser und Verkehrschilder ragen aus dem Gestein; Straßen wurden umgeleitet. Den benachbarten Kivu-See brachten die Lavamassen zum Kochen.

Seit dem Desaster von 2002 versuchen Geoforscher den Nyiragongo zu überwachen. Doch Expeditionen sind gefährlich, Überfälle drohen; und fest installierte Messinstrumente werden meist geklaut. So gelangen Forscher nur an wenige Daten.

Umso bedeutender erscheinen die Fotos, die Teilnehmer einer privaten Exkursion um den Vulkanologen Tom Pfeiffer vom Kratersee des Nyiragongo nun präsentieren (siehe Fotostrecke). Die Bilder liefern den derzeit besten Einblick in einen der gefährlichsten Vulkane der Welt.

Zelten am Kraterrand

Vulkanologen wissen: Der Pegel im Krater ist der beste Gradmesser für die Bedrohungslage am Nyiragongo. Je höher er steigt, desto größer ist der Magmadruck. Noch steht der See deutlich unterhalb des Kraterrandes. Doch nicht erst sein Überschwappen bedeutete die Katastrophe. Der See bildet nur die Spitze eines riesigen Magmareservoirs, das tief in die Erde reicht. Wie im Januar 2002 könnten Erdbeben den einen Kilometer breiten Lavakessel bersten lassen und das Magma freisetzen.

Beim Ausbruch vor neun Jahren war der Krater des Nyiragongo vollständig ausgelaufen. Bereits 2006 hatte sich wieder ein stattlicher Lavasee angesammelt. Seither sei der Pegel um weitere 50 Meter angeschwollen, berichtet Vulkanologe Pfeiffer. Er stehe nun 450 Meter unterhalb des Kraterrandes. Damit hat er nahezu den Pegel bei vergangenen Eruptionen erreicht.

Die 21 Expeditionsteilnehmer um Tom Pfeiffer - unter ihnen drei bewaffnete Parkwächter - campierten mit ihren Zelten direkt am Krater hinter einer Klippe. Fünf Stunden hatte der Aufstieg im feuchtheißen Klima gedauert. Versteinerte Lavaflüsse auf den Bergflanken, Lavafetzen an den Bäumen und Erdspalten zeugten von früheren Ausbrüchen. Unvergleichliche Eindrücke am Gipfel belohnten die Forscher für ihre Strapazen.

Zelten am Kraterrand: Gerüche, Geräusche, bevorstehende Eruption

"Sobald man sich über den Kraterrand lehnt, weht ein warmer Wind", berichtet Pfeiffer. Es bietet sich ein überwältigender Anblick: "Man hat das Gefühl, tief ins Erdinnere zu schauen", sagt Pfeiffer. Im Vulkankessel wogt die 1200 Grad heiße Lava, fauchend legt sich ihre silbrig-schwarze Kruste in Falten. Aus Rissen lodert zischend die Glut hervor. Zehn Meter hohe Lavablasen heben sich, bis sie krachend platzen. Immer wieder durchbrechen flammenrote Lavafontänen die Kruste und schießen Dutzende Meter empor.

Nachts erleuchtet der Lavasee den Himmel: Rote Wolken stehen über dem Berggipfel im Widerschein des Kratersees. "Ein hypnotisierendes Gluckern ähnlich einer entfernten Meeresbrandung dringt aus dem Vulkankessel", sagt Pfeiffer. Nur manchmal erinnerten stechend riechende Schwaden die Abenteurer daran, dass sie direkt neben einem tödlichen Gebräu zelteten.

Die Lava des Nyiragongo ist gefährlicher als die anderer Vulkane, weil sie so dünnflüssig ist. Ursache dafür ist ihr Entstehungsort in der Hexenküche des Erdmantels. Dort, in Dutzenden Kilometern Tiefe, gibt es weniger Kieselsäure, die Magma klebrig macht. Statt großer Mengen Kieselsäure enthält die Lava des Nyiragongo viel Natrium und Kalium - so stauen sich weniger Gase als im Magma anderer Vulkane. Die Lava ist weniger explosiv, dafür aber extrem schnell.

Eruption wird erwartet

Der Nyiragongo entleert seinen Lavasee alle zehn bis 20 Jahre. Deshalb rechnen Experten in den nächsten Jahren mit einer Eruption. Vor Ort jedoch überwachen nur wenige Vulkanforscher den Berg. Ihr spartanisch eingerichtetes Observatorium in Goma verfüge über dürftige Ausstattung, berichtet Pfeiffer.

Nach dem Ausbruch von 2002 hatten Geoforscher aus aller Welt zahlreiche Instrumente nach Goma geschleppt, um Ausbrüche künftig vorhersagen zu können. Wo die Geräte geblieben sind, ist unklar; derzeit sendeten lediglich ein oder zwei Erdbebensensoren Daten vom Berg, berichtet Pfeiffer.

Nur aus der Luft haben Wissenschaftler den Berg kontinuierlich im Blick: Mit Radar-Satelliten vermessen Forscher um Christelle Wauthier von der Blaise-Pascal-Université in Clermont-Ferrand in Frankreich den Vulkan. Radarstrahlung tastet den Boden ab. Vor einem Ausbruch würde sich der Berg ausbeulen, glauben die Experten. Bodenhebungen wären auf den Radarkarten erkennbar.

Seit der letzten Eruption 2002 sei der Boden ziemlich ruhig, sagte Wauthier zu Spiegel Online. Lediglich 2006 seien Magmabewegungen registriert worden, berichtete die Geoforscherin jüngst auch auf einer Fachtagung in San Francisco.

Gefangen in der Lavahölle

Auch um Gase oder Temperaturen zu messen, stünde jeweils nur ein Gerät zu Verfügung. Hin und wieder kommen ausländische Forscher mit modernen Instrumenten. Ihre sporadischen Messungen dokumentieren bislang keine besorgniserregenden Veränderungen.

Ob Warnsignale des Berges rechtzeitig erkannt würden, ist zweifelhaft. Auch 2002 waren Alarmzeichen ignoriert worden: Zwar bebte der Nyiragongo seinerzeit vor der Eruption, und seine Flanken rissen immer weiter auf. Doch selbst nach ersten Lavaausbrüchen schlugen die Behörden keinen Alarm.

Inzwischen haben Experten immerhin mögliche Fließrichtungen der Lava bei künftigen Ausbrüchen kartiert. Ihr Ergebnis ist beängstigend: Die Stadt Goma mit ihren rund 500.000 Einwohnern liegt ausgerechnet unter einer der zwei größten Abflussrinnen. Betondämme wurden errichtet, um die Massen von Goma fernzuhalten. Doch die Maßnahmen scheinen allenfalls notdürftig.

Fraglich sei, ob bei einer erneuten Katastrophe überhaupt Hilfslieferungen nach Goma gebracht werden könnten, berichtet Dario Tedesco vom Osservatorio Vesuviano in Neapel. Der Flughafen von Goma, der bereits beim Ausbruch des Nyiragongo 2002 schwer beschädigt wurde, könnte bei der nächsten Eruption vollständig von Lava bedeckt werden. Dann wäre die Katastrophenregion von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten - und gefangen in der Lavahölle.

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