Sie sind hier: Home > Panorama > Wissen >

Algenpest in der Bretagne: Franzosen kämpfen gegen Algenplage an der Atlantikküste

Frankreichs verzweifelter Kampf gegen das grüne Gift

22.07.2011, 12:42 Uhr | Von Stefan Simons, Saint-Brieuc, Spiegel Online

Algenpest in der Bretagne: Franzosen kämpfen gegen Algenplage an der Atlantikküste. Alle Jahre wieder kommt die Algenpest: Menschen an der bretonischen Küste versuchen der Plage Herr zu werden (Foto: Reuters)

Alle Jahre wieder kommt die Algenpest: Menschen an der bretonischen Küste versuchen der Plage Herr zu werden (Foto: Reuters)

Massen an Algen wuchern an der bretonischen Küste, Strände sind gesperrt, gefährliche giftige Dämpfe steigen aus den verrottenden Pflanzen auf. Ein millionenschweres Programm zur Bekämpfung der Algenplage verfehlt seine Wirkung - und Präsident Nicolas Sarkozy empört die Umweltschützer.

Die Pampe ist grün, matratzendick und stinkt zum Himmel. Gut hundert Meter vor dem Strand von Morieux, tief in der Bucht von Saint-Brieuc hat sich längs einer Sandbank der Algenteppich zusammen mit Schlick zu einer Masse aufgetürmt, die bei auflandigem Wind heftigen Gestank verbreitet: Ein Brei, der nicht nur unappetitlich, sondern auch giftig sein kann und in entsprechenden Konzentrationen sogar lebensgefährlich.

Die Algen befallen die Küsten der Bretagne seit mehr als dreißig Jahren - jetzt soll endlich Schluss sein damit. Dieses Jahr hat die Algenpest die Strände besonders früh erobert. Inzwischen ist die Algenplage zu einem nationalen Politikum geworden, um das heftig gestritten wird. Denn der grüne Teppich vertreibt die zahlungskräftigen Urlauber aus der Region.

Weitere Nachrichten und Links

109 betroffene Stellen sind derzeit aufgelistet, zugleich wurde der wuchernde Brei auch in der Normandie und an einigen Orten der Atlantikküste ausgemacht. Ursache für die hässliche Erscheinung ist eine Alge, die längs der bretonischen Côtes d'Armor durchaus verbreitet und eigentlich vollkommen harmlos ist.

Bedrohlicher Salat des Meeres

Sonst bekannt als "Salat des Meeres" wird die Ulva armoricana, deren lateinischer Name vom Bretonischen "Ar Mor" (Meer) abgeleitet ist, erst zur Bedrohung, wenn Massen dieser Gewächse angeschwemmt und aufgehäuft werden: Dann bilden sie an der Oberfläche eine weißliche Kruste unter der die Algen vergären und dabei einen Mix von toxischen Gasen freisetzen - vor allem Schwefelwasserstoff. Die Schwaden können bereits in einer Konzentration von 2 ppm (Anteile pro Million) nach einer halben Stunde etwa bei einem Asthmatiker einen Anfall auslösen, so ein Experte; ab 500 ppm droht Lebensgefahr.

Das Phänomen tritt auf, wenn hohe Temperaturen, flacher Wasserstand und geringer Tidenhub für unzureichende Spülung der ufernahen Buchten sorgen. Und das zunehmend wärmere Klima verursacht immer öfter eine rasante Vermehrung der Algen, mit bisweilen dramatischen Folgen.

Während der Hitzewelle im Sommer 2009 sorgte der Tod eines Pferdes bei Saint-Michel-en-Grève für Schlagzeilen. Der Reiter, der mit seinem Tier am Strand entlanggetrabt war, überlebte nur, weil aufmerksame Anwohner den Sturz beobachtet hatten. Möglicherweise kam damals auch ein Arbeiter an den Folgen der giftigen Dämpfe um - der Mann, beschäftigt bei einer Kompostfabrik, hatte seinerzeit die Lkw-Ladungen der grünen Pampe entsorgt und war überraschend gestorben. Seither sind die Fahrer mit Warnmeldern unterwegs.

Paris, aufgescheucht durch den Medienwirbel, schickte damals Premier François Fillon an Ort und Stelle. Der Ministerpräsident versprach die Reinigung der befallenen Strände durch die Armee und die Entsorgung der Algen "im Winter, um die Vermehrung der Algen zu vermeiden." Zudem sollte eine "interministrielle Kommission" Ursachen und Folgen der "grünen Flut" ergründen.

Zu viel Dünger

Die Gründe sind durchaus bekannt. Denn Schuld an der oft "monströsen Algenvermehrung", so das Blatt "Ouest-France", ist die örtliche intensive Landwirtschaft: Die Bretagne, bekannt für Artischocke und Blumenkohl, verfügt über gerade fünf Prozent von Frankreichs Anbaufläche, die Region produziert aber 60 Prozent der Schweine, 45 Prozent der Hühner und 30 Prozent der Kälber. Dank der Vielzahl von Bächen und Flüssen gelangt die mit Nitrat angereicherte Gülle rascher als anderswo in das Seewasser: Die Folge sind steigende Anteile von Nitrat - die Konzentration stieg zwischen 1971 und 1998 von 5 Milligramm je Liter auf 38 Milligramm; an manchen Stellen wurden seither sogar Werte von 50 Milligramm pro Liter gemessen.

Ein Regierungsprogramm, mit einem Umfang von 134 Millionen Euro über fünf Jahre, gestartet im Februar 2010 als "Nationalplan zum Kampf gegen die grüne Flut" zur Sammlung, Verarbeitung und Entsorgung der Gülle blieb bisher ohne durchschlagenden Erfolg. Umweltschützer beklagen vor allem den mächtigen Einfluss der Landwirtschaft, deren wiederholte Versprechen eines schonenden Einsatzes von Dünger offenbar nur wenig bewirkt haben.

Jetzt hat sich auch Präsident Nicolas Sarkozy noch in die Kontroverse eingeschaltet. Bei einem Besuch in der Region warf sich der Staatschef mächtig für die Landwirte in die Bresche. Die Bauern trügen keine Verantwortung für die Verbreitung der grünen Algen, beteuerte Sarkozy. Es sei absurd, sie als die Schuldigen hinzustellen. Die Landwirte könnten nicht für wirtschaftliche Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen werden, die vor langer Zeit gefällt wurden.

"Fundamentalisten, die es immer geben wird"

Und mit einem Seitenhieb auf die Grünen, die in der Bretagne bereits manches Rathaus erobert haben, wetterte Sarkozy gegen die "Fundamentalisten, die es immer geben wird." Je exzessiver die Forderungen der Ökologen, "umso mehr lässt man sie zu Wort kommen", so der Präsident. "Landwirtschaft und Umwelt gegeneinander zu stellen macht keinen Sinn, denn die Bauern sind die ersten Opfer bei der Nichteinhaltung von Umweltschutzregeln."

Die mannhafte Verteidigung der wichtigen Wählerschaft lässt sich angesichts der Präsidentenwahl im nächsten Jahr verstehen - inhaltlich aber war die Entschuldigung Sarkozys falsch. Noch einen Tag vor seinem Auftritt in der Bretagne hatte die "Nationale Agentur für Hygienesicherheit" (Anses) als wichtigste Maßnahme gegen die gefährliche Plage einen Stopp des Düngemitteleinsatzes empfohlen. An der Vermehrung so die Anses-Studie, ist "in erster Linie die erhöhte Konzentration von Nitraten im Wasser schuld, die durch menschliche Aktivität verursacht werden, besonders durch die Landwirtschaft."

Auf diese Argumentation wollte sich Sarkozy vor den potentiellen Sympathisanten nicht einlassen. Er versprach vollmundig weitere Staatshilfe bei der Sammlung der grünen Algen. "Das ist wichtig für den Tourismus", so der Präsident. "Der Staat wird an der Seite der Territorialverwaltung stehen."

In Morieux, wo sich die grüne Pampe in besonders großen Mengen ablagert, wollte der Bürgermeister indes nicht auf die Entsorgung der Algen warten. Angesichts der möglichen toxischen Gase verbot er Anfang Juli den Zugang zum Meer: "Strand gesperrt", steht auf dem Schild an der Barriere. Auf unbestimmte Zeit.

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team von t-online

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal