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Franzosen wollen Kernkraftwerk im Meer bauen

Franzosen wollen Kernkraftwerk im Meer bauen

09.08.2011, 18:03 Uhr | Von Christoph Seidler, Spiegel Online

Franzosen wollen Kernkraftwerk im Meer bauen. Französischer "Flexblue"-Reaktor am Meeresboden (Computergrafik: DCNS)

Französischer "Flexblue"-Reaktor am Meeresboden (Computergrafik: DCNS)

Grüne Energie aus Deutschland soll Exportschlager werden, doch im Ausland tüfteln Techniker an ganz anderen Konzepten: Atomreaktoren am Meeresboden, schwimmende Kernkraftwerke - und Mini-Meiler für den Vorgarten.

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Berlin - Die Atomkraft ist ein Auslaufmodell, im Fall von Deutschland zumindest. Die Horrorbilder aus Fukushima haben die schwarz-gelbe Regierung auf einen Anti-Atomkurs geführt, der noch im Winter vollkommen undenkbar gewesen wäre. Mehr und mehr soll Deutschlands Strom nun aus erneuerbaren Quellen kommen - und so dem Land neben sauberer Energie auch einen Technologievorsprung verschaffen.

Deutsche Sonnen-, Wasser- und Windkraftanlagen, so die Vision der Politiker, könnten zum Exportschlager werden. Verkauft würden sie vor allem in aufstrebende Schwellenländer. Dort verlangt die boomende Wirtschaft täglich nach mehr Strom. Im Ausland tüfteln Techniker freilich weiter fleißig an neuen Atomkraft-Konzepten. Neben herkömmlichen Reaktoren versuchen sich die Ingenieure dabei an Mini-Meilern für genau diese Märkte. Kleiner, billiger und mit extrem wenig Aufwand zu bedienen - das sind die Werbeschlagworte.

Diese Reaktoren sollen in unkonventioneller Umgebung Strom produzieren: Verbuddelt im Boden, verankert am Ozeangrund, schwimmend auf einer Plattform. Die Projekte sind vor allem für strukturschwache Regionen gedacht und sollen nicht zuletzt Kunden im Ausland schmackhaft gemacht werden - um im Fall von Frankreich, Russland oder den USA das alte Versprechen vom Exportschlager Atomkraft doch noch Wirklichkeit werden zu lassen.

Zum Teil noch im Reißbrettstadium, zum Teil weit darüber hinaus, könnten die Technikvisionen den deutschen Öko-Stromern unliebsame Konkurrenz machen - wenn sie den Praxistest bestehen und die politischen Rahmenbedingungen stimmen.

Das sind die wichtigsten Konzepte für Mini-AKW:

"Flexblue" - Untersee-AKW mit Tricolore

Sein Geld verdient der französische Rüstungskonzern DCNS bisher vor allem mit dem Bau von Kriegsschiffen und U-Booten. Und weil die häufig einen Nuklearantrieb haben, will DCNS in Zukunft auch ins Reaktorgeschäft einsteigen. Dafür hat das Unternehmen zusammen mit Partnern wie dem Nuklearkonzern Areva das "Flexblue"-Konzept entwickelt. Dabei soll ein Atomreaktor am Meeresboden Strom erzeugen. Eingepasst in einen rund hundert Meter langen Stahlzylinder soll der Meiler ganz ohne menschliche Bedienmannschaft vor sich hin werkeln, im 60 bis 100 Meter tiefen Wasser. An Land sollen die Abläufe in einer kleinen Kontrollzentrale überwacht werden.

Wenn etwas schief läuft, könnten sich die Techniker mit einem Mini-U-Boot auf den Weg zu dem Unterwasser- Kraftwerk machen. Für den regelmäßigen Service sollen außerdem Spezialschiffe zum Einsatz kommen, wie sie für die Versorgung von Offshore-Öl-Plattformen verwendet werden. Sie würden den Reaktor auch zu seinem Einsatzort bringen.

Für den zuständigen Projektmanager André Kolmeyer hat das Konzept einen entscheidenden Vorteil: "Bei 100 Metern Wassertiefe ist es sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich, dass der Kern schmilzt. Wahrscheinlich ist es sogar rundheraus unmöglich." Schließlich würde das Meerwasser der Umgebung den Reaktorkern ganz einfach kühlen. Umweltschützer wie Anne-Laure Méladeck von der Organisation "Sortir du nucléaire" beklagen dagegen: "Radioaktive Stoffe könnten sich schnell durch unterseeische Strömungen ausbreiten."

DCNS stört sich wenig an der Kritik und preist die geringen Stromerzeugungskosten der Reaktoren, die in den Konzeptpapieren wie riesige Torpedos aussehen. Sie sollen zwischen 50 und 250 Megawatt Strom liefern, also deutlich weniger als klassische Atomkraftwerke an Land - und zwar laut Kolmeyer für weniger als hundert Euro pro Megawattstunde. Das sei weit weniger als erneuerbare Energie kosten würden, sagt der Manager. Und die Strommenge sei vollkommen ausreichend für kleinere Abnehmer.

In einem Werbeprospekt preist die Firma an, dass zum Beispiel der Inselstaat Malta die ideale Größe für eine Versorgung durch "Flexblue" habe. Außerdem müsse bei dieser Produktionsmenge das Stromnetz an Land nicht aufgerüstet werden. DCNS geht von einem Verkaufspotenzial von 100 bis 300 Anlagen innerhalb von 20 Jahren aus. Einige hundert Millionen Euro soll ein "Flexblue"-Meiler nach Auskunft der Planer kosten. Genaueres werde man nach der endgültigen Fertigstellung der Baupläne wissen. Dabei muss man sich wohl beeilen: Bereits ab Anfang 2014 will die Firma im französischen Cherbourg an einem Prototyp der Anlage bauen. Vier Jahre später soll er dann fertig sein.

André Kolmayer weist darauf hin, dass die "Flexblue"-Reaktoren an ihrem Einsatzort im Ozean auch vor abstürzenden Flugzeugen und Terroristen sicher seien. Umweltschützerin Méladeck kann da freilich nur lachen: "An Land sagt man uns, dass Terrorgefahr kein Problem darstellt. Am Ozeanboden wird das aber auf einmal zu einem Verkaufsargument."

"Akademik Lomonossow" - Prototyp des schwimmenden Atomkraftwerks

Schon deutlich weiter fortgeschritten als "Flexblue" ist ein Projekt der staatlichen russischen Energiegesellschaft Rosatom. Es geht um ein schwimmendes Atomkraftwerk, das schon Ende kommenden Jahres in der russischen Arktis seinen Betrieb aufnehmen soll. Bereits zu Sowjetzeiten hatten sich Fachleute mit dem Konzept des Schwimm-Meilers befasst - nun wird es umgesetzt: Bereits im Sommer 2010 ist die unmotorisierte Trägerplattform in Sankt Petersburg vom Stapel gelaufen.

Derzeit werden die technischen Anlagen auf der 144 Meter langen und rund 30 Meter breiten "Akademik Lomonossow" installiert. Zum Einsatz kommen zwei Druckwasserreaktoren des Typs KLT-40S. Sie basieren auf Modellen, die bereits seit langem auf den russischen Atom-Eisbrechern und U-Booten ihren Dienst tun. Rund 70 Leute sollen sich auf der 40 Meter hohen Plattform um die Reaktoren kümmern.

Die Meiler auf der "Akademik Lomonossow" sollen 36 Jahre lang rund 60 bis 80 Megawatt elektrische Leistung zur Verfügung stellen. Das heißt, der französische "Flexblue" wäre - wenn er jemals gebaut wird - vermutlich um einiges kräftiger als die russische Anlage.

Den Praxistest soll das Konzept des Schwimm-AKWs in der Region Wiljutschinsk auf der Halbinsel Kamtschatka bestehen, ganz im fernen Osten Russlands. Die abgeschiedene Region, vom Militär dominiert, ist weit von den großen Kraftwerken Russlands entfernt. Doch nach Ansicht von Umweltschützern geht es der Regierung in Moskau eigentlich um etwas anderes, auch sie schiele auf den Export des Kraftwerks in strukturschwache Regionen der Erde. "Das Ziel ist, die Technik ins Ausland zu verkaufen, und man will demonstrieren, wie sie funktioniert", klagte der Umweltschützer Igor Kudrik von der norwegischen Organisation Bellona unlängst in der "taz".

Zu den potentiellen Interessenten gehörten China, Indonesien, Vietnam, Indien und Japan. Bei Bellona hält man die schwimmenden Meiler dagegen für kreuzgefährlich - und für unwirtschaftlich dazu. Von der Umweltgefahr ganz zu schweigen, schließlich ist der vorgesehene Standort in Kamtschatka hochgradig erdbebengefährdet. Wladimir Asmolow, Vizegeneraldirektor der Rosatom sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", man werde wegen des Reaktorunfalls in Fukushima den vorgesehenen Ankerplatz der Plattform wohl noch einmal überprüfen.

Terrapower und Co. - Mini-Meiler im Vorgarten

Zahlreiche weitere Atomtechnikfirmen arbeiten an Konzepten für Mini-Meiler, die in abgelegenen Gebieten zum Einsatz kommen könnten. Sie sollen aber nicht im oder unter dem Meer zu finden sein, sondern ganz klassisch an Land. Die Firmen NuScale Power oder Babcock & Wilcox planen solche Kleinst-Kraftwerke. Besonders viel Aufmerksamkeit erhält allerdings das von Microsoft-Gründer Bill Gates mitfinanzierte Unternehmen Terrapower. Es will zusammen mit Toshiba einen sogenannten Laufwellenreaktor zu Serienreife bringen. Der soll jahrzehntelang mit einer Ladung Brennelemente auskommen und kaum Wartung benötigen.

Das Konzept existiert seit den fünfziger Jahren, ist aber bis heute nie gebaut worden. In der Theorie läuft die Sache so: Der Reaktor braucht nach dem Konzept nur eine geringe Menge angereichertes Uran. Ansonsten kommt abgereichertes oder natürlich vorkommendes Uran zum Einsatz. Während des Betriebs wird nach und nach das abgereicherte Uran in Plutonium umgewandelt. Und das dient dann der Energiegewinnung.

Plutonium entsteht auch in normalen Atomreaktoren. Dort muss es jedoch aus den benutzten Brennstäben entfernt werden. Dabei fällt auch das Ausgangsmaterial für den Bau von Atomwaffen an - beim Laufwellenreaktor wäre das laut seinen Planern nicht möglich. Der Reaktor soll allerdings mit flüssigem Natrium gekühlt werden - extreme Feuergefahr droht, wenn die Substanz in Kontakt mit der Umgebungsluft käme. Und noch mindestens ein weiteres Problem gibt es: Terrapower hat den Mini-Reaktor bisher nur mit Supercomputern simuliert.

Der Kraftwerksbauer Toshiba ist da etwas weiter. Die Firma hat den Mini-Reaktor "4S" im Angebot, der gerade die US-Genehmigungsverfahren durchläuft. Er soll 10 Megawatt elektrischer Energie liefern - und wäre größtenteils im Boden vergraben. Seinen ersten Praxiseinsatz könnte er im Örtchen Galena in Alaska erleben.

An einem Klein-Kernkraftwerk arbeitet auch die Firma Hyperion Power Generation. Der Meiler basiert auf Vorarbeiten der Los Alamos National Laboratories im US-Bundesstaat New Mexico. Der Hyperion-Reaktor soll so klein ausfallen, dass er in einem Vorgarten verbuddelt werden könnte. Trotzdem soll der 50 Tonnen schwere Reaktor eine elektrische Leistung von 25 Megawatt liefern. Das heißt, es wären vierzig Anlagen dieser Art nötig, um ein normales Atomkraftwerk aufzuwiegen. Auch für dieses Kraftwerk laufen gerade die Genehmigungsprozeduren in den USA.


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