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Alzheimer: Erkrankung verschont die Langzeiterinnerungen an Musik

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Musik-Erinnerungen trotzen Alzheimer

11.06.2015, 10:42 Uhr | Ulrich Weih

Alzheimer: Erkrankung verschont die Langzeiterinnerungen an Musik. Diese Tomografie zeigt die von Alzheimer besonders gefährdeten Areale der Gehirns. Die eingezeichnete Markierung ist die Region, in der das Musik-Gedächtnis sitzt. (Quelle: MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften)

Diese Tomografie zeigt die von Alzheimer besonders gefährdeten Areale der Gehirns. Die eingezeichnete Markierung ist die Region, in der das Musik-Gedächtnis sitzt. (Quelle: MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften)

Alzheimer-Patienten erkennen häufig ihre engsten Familienmitglieder nicht mehr und können sich nur noch an wenige Ereignisse erinnern - doch auf Kinderlieder oder die Schlager aus ihrer Jugendzeit reagieren die Patienten sofort. Häufig erkennen sie die Melodie, können mitsingen und erinnern sich noch genau an einzelne Liedzeilen. Das Musikgedächtnis bleibt offenbar von der Degeneration des Gehirns weitgehend verschont.

Betreuer und Therapeuten in Pflegeinrichtungen nutzen diesen Umstand gerne, um ihre Patienten mit Hilfe der Musik zu aktivieren. Häufig gelingt es den Betroffenen, dadurch an Gedächtnisinhalte anzuknüpfen, Emotionen und Eindrücke wiederzubeleben. Manche Patienten können Liedzeilen mitsingen, obwohl ihnen das Sprechen sonst nahezu unmöglich geworden ist.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, der Universität Amsterdam und des neurologischen Instituts der Universität Caen haben untersucht, warum ausgerechnet dieser Teil der Erinnerungen erstaunlich lange intakt bleibt. "Dies ist die erste neurowissenschaftliche Studie, die eine anatomische Erklärung für den Erhalt des Musikgedächtnisses liefert", erklärt der Forscher Jörn-Henrik Jacobsen.

Musik-Erinnerungen an ungewöhnlichem Ort gespeichert

In ihrer Untersuchung haben die Neurologen erstmals das Areal genau lokalisiert, in dem die Erinnerungen an Musik gespeichert werden. Dafür spielten sie gesunden Probanden eine Auswahl von bekannten Kinderliedern, beliebten Oldies und geläufigen Klassik-Stücken sowie völlig unbekannte Musikstücke vor. Mit Hilfe von Magnet-Resonanzmessungen konnte dann exakt gescannt werden, welche Gehirnregion aktiv ist, wenn die Musikstücke wiedererkannt werden.

Überraschendes Ergebnis: Die Langzeit-Musik-Erinnerung findet in der sogenannten supplementär-motorischen Hirnrinde statt - damit hatten die Wissenschaftler überhaupt nicht gerechnet: "Unsere Studie zeigt, dass nicht - wie bisher vermutet - die Temporallappen der Großhirnrinde essentiell sind für die Musikerinnerung, sondern vielmehr Bereiche, die mit komplexen motorischen Abläufen assoziiert sind", erklärt Jacobsen.

Die Erinnerungen an bestimmte Musikstücke werden also in einem Bereich des Gehirns abgelegt, der sonst nur für die Steuerung von Körperbewegungen verwendet wird.

Areal bleibt von Erkrankung weitgehend verschont

Nachdem die Hirnregion, die für musikalische Erinnerungen eine Rolle spielt, identifiziert war, schauten die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts sich die anatomischen Befunde zur Degeneration des Gehirns bei Alzheimer-Patienten genauer an. Sie konzentrierten sich dabei auf drei wichtige Merkmale der Erkrankung: den Verlust von Nervenzellen, den verminderten Stoffwechsel und Ablagerungen des Amyloid-Proteins im Gehirn der Patienten.

Tatsächlich verliert bei den Erkrankten das Gehirnareal, das zuvor als das Areal für Langzeit-Musikerinnerungen lokalisiert worden war, weniger Nervenzellen als das übrige Gehirn. Auch der Stoffwechsel sinkt nicht so stark ab. Das Ausmaß der Amyloidablagerungen ist ähnlich wie in anderen Gehirngebieten, führt aber nicht zu den sonst damit einhergehenden weiteren Entwicklungsstufen der Krankheit.

Die Region des Musikgedächtnisses gehört damit zu den Arealen, welche bei Alzheimer-Patienten häufig am geringsten vom Nervenzellverlust und den typischen Stoffwechselstörungen betroffen sind.

Neuronale Netzwerke können Gedächtnislücken kompensieren

Die Ergebnisse der Untersuchungen deuten also daraufhin, dass das Langzeit-Musikgedächtnis im Vergleich zum Kurzzeitgedächtnis, dem autobiografischen Langzeitgedächtnis oder Sprache besser erhalten bleibt. Die für die Musikerinnerungen verantwortliche Gehirnregion schrumpft bei den erkrankten Patienten erst sehr spät und bei weitem nicht so stark wie andere Regionen. Deshalb funktioniert diese Areal möglicherweise auch in späteren Stadien der Krankheit noch.

Außerdem bestehen enge Verknüpfungen zwischen dem Areal der Musikerinnerungen und weiteren, ebenfalls weniger stark geschädigten Hirnbereichen. "Das legt nahe, dass diesem Gehirnbereich (was das Musikgedächtnis anbelangt) überdies noch spezielle kompensatorische Funktionen bei fortschreitender Krankheit zukommen", erklärt Jacobsen. Das Hirn kann also mögliche Gedächtnislücken bei der Erinnerung zum Beispiel an die Melodie oder den Liedtext kompensieren.

Mit ihren Untersuchungen wollen die Wissenschaftler der Forschung zu den bisher wenig verstandenen Wirkmechanismen der langerhaltenen Musikerinnerung bei Alzheimer-Patienten neue Impulse geben. "Denn erst ein fundiertes Verständnis der komplexen Zusammenhänge", so die Forscher, "könnte in Zukunft  eine wirkliche therapeutische Nutzung von Musik bei der Patientenbetreuung ermöglichen."

Quelle: Die Studie von Jörn-Henrik Jacobsen, Johannes Stelzer, Thomas Hans Fritz, Gael Chételat, Renaud La Joie und Robert Turner: "Why musical memory can be preserved in advanced Alzheimer’s disease" wurde in der Fachzeitschrift "Brain" am 3. Juni 2015 veröffentlicht.

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