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"Man kann traumatisierten Anschlagsopfern mit Hilfe von Computerspielen helfen"

Ein Traumatologe gibt Auskunft  

"Jeden Menschen umgibt eine Art Ozonschicht"

23.03.2016, 13:50 Uhr | Nina Bogert-Duin, t-online.de

"Man kann traumatisierten Anschlagsopfern mit Hilfe von Computerspielen helfen". Traumatisierte Frauen nach den Anschlägen im Flughafen von Brüssel. (Quelle: Reuters)

Traumatisierte Frauen nach den Anschlägen im Flughafen von Brüssel. (Quelle: Reuters)

Menschen, die die Anschläge von Brüssel oder auch Paris überlebt haben und unverletzt aus den Gebäuden oder U-Bahnschächten heraustraten, sind nur scheinbar unversehrt. Der Körper mag keinen Schaden davongetragen haben - was so ein furchtbares Erlebnis allerdings mit der Seele eines Augenzeugen anstellt, ist kaum zu ermessen. t-online.de hat mit dem Traumatologen Christian Lüdke darüber gesprochen, was die Überlebenden von Brüssel jetzt durchmachen.

Herr Lüdke, was genau ist ein Trauma?  

Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet Wunde. Es wurde zunächst von Chirurgen verwendet, die Schnittverletzungen behandelt haben. Diese Wunden heilen, wenn man sie richtig versorgt. Genauso geht es den Wunden der Seele. Die können auch schmerzhaft sein, richtig behandelt jedoch auch verheilen.

Dr. Christian Lüdke ist Klinischer Hypnosetherapeut, Traumatherapeut und Traumaexperte. Er hat schon viele Opfer von Anschlägen und deren Angehörige betreut. Am 11. September 2001 war er in New York, am 13. November 2015 in Paris. Auch um die Hinterbliebenen der Todesopfer der Zugkatastrophe von Eschede (1998) oder des Tsunami in Indonesien (2004) hat er sich gekümmert.  (Quelle: emdr/luedke.de)Dr. Christian Lüdke ist Klinischer Hypnosetherapeut, Traumatherapeut und Traumaexperte. Er hat schon viele Opfer von Anschlägen und deren Angehörige betreut. Am 11. September 2001 war er in New York, am 13. November 2015 in Paris. Auch um die Hinterbliebenen der Todesopfer der Zugkatastrophe von Eschede (1998) oder des Tsunami in Indonesien (2004) hat er sich gekümmert. (Quelle: emdr/luedke.de)Was erfahren die Menschen gerade, die die Anschläge von Brüssel hautnah miterlebt haben?

Jeden Menschen umgibt eine Art Ozonschicht. Wann immer man von schlimmen Ereignissen erfährt, glaubt man, das passiert nur anderen, mir nicht. Ist man dann selber betroffen, wird diese Schicht erschüttert. Und dann laufen folgende drei Symptome ab: Man hat zunächst keine Kontrolle mehr und wird handlungsunfähig. Man fühlt sich nicht mehr sicher. Die erlebten Ereignisse tauchen in Bildern immer wieder auf. Das nennt man Flashbacks.

Dann folgt die Vermeidung oder Verleugnung. Diese Leute wollen keinen Flughafen mehr betreten. Die Gefühle kommen zum Stillstand, man funktioniert wie in Vollnarkose oder auf Autopilot. Und schließlich kommen Schlaf- und Essstörungen hinzu.

Bei einer Traumatisierung finden im menschlichen Körper eine ganze Reihe biochemischer Vorgänge statt. Stresshormone werden ausgeschüttet, Adrenalin bewahrt den Menschen zunächst auch vor Schmerzen und der Realisierung seiner Lage. Nach den ersten Stunden des Schockzustandes kommen die Empfindungen jedoch zurück. Was tut den Betroffenen dann gut?

Eine neue Studie der britischen Psychologin Emily Holmes hat gerade ergeben, dass man Menschen, die Zeugen traumatisierender Ereignisse waren, mit Hilfe von Computerspielen helfen kann. Es gibt nach dem Erlebten eine bestimmte Frist, eine Art Schockzustand, der bis zu einer Woche dauern kann.

Wenn man die Patienten in dieser Zeit mit etwas konfrontiert, das ihnen Spaß macht, ist das Gehirn in der Lage, die schlimmen Bilder nicht tiefer einsinken zu lassen. Sie brennen sich nicht fest. Etwas, das die Leute vor Freude berauscht, das Motivationszentrum aktiviert und den Körper zur Ausschüttung von Glückshormonen bewegt, hilft. Die negativen Hormone werden gleichsam hinweggeschwemmt. Da hilft auch das Spielvergnügen durch ein Super-Mario-Spiel. 

Muss man ihnen nicht auch klar machen, dass sie sicher sind?

Man muss ihr Sicherheitsgefühl wieder herstellen. Sie permanent stabilisieren, nach vorne schauen. Ich bin auch Religionslehrer und habe da ein sehr schönes Beispiel von Lots Frau. Die hat alles verloren. Ihr Haus, ihr Land, ihre Familie war geflohen und sie sollte folgen. Ein Engel hat ihr verboten, auf die Stadt hinter sich zu schauen. Sie hat es dennoch getan und erstarrte zur Salzsäule. Genau das muss man eben nicht tun: zurückschauen. Man muss immer nach vorne blicken.

Ganz wichtig ist die Anwesenheit einer stabilen Person. Der eine beste Freund oder die eine beste Freundin, die nicht weinend vom Stuhl kippen, sondern den Opfern zur Seite stehen. Nichts anderes sind wir Therapeuten ja auch: bezahlte Freunde.

In einem Radiobeitrag unmittelbar nach den Brüsseler Anschlägen erzählte eine Moderatorin, sie habe beobachtet, wie ein junger Fluggast einfach aus dem Flughafengebäude marschiert ist. In dem ersten Chaos verständlich, dass noch keine Betreuer vor Ort waren, aber muss man sich um diese Leute, die mit dem Schock sich selbst überlassen sind, nicht sorgen?

Wir verfügen ja über einen angeborenen Schutz. Fliehe, kämpfe, erstarre. Das war schon in der Steinzeit so. Hat uns der Säbelzahntiger bedroht, sind wir geflohen. Oder wir haben uns verteidigt und gekämpft. Eine weitere Alternative ist das Erstarren. Das machen ja auch viele Tiere, die sich durch eine gespielte Totenstarre für ihre Angreifer unattraktiv machen. Und der Fluggast hat daher ganz natürlich reagiert, indem er sich vom Ort des Geschehens entfernt hat. Das ist eine Überlebensstrategie.

Sie waren auch bei der seelischen Nachsorge der Betroffenen vom Tsunami in Indonesien 2004 dabei. Gibt es einen Unterschied zwischen Traumata, die von Naturkatastrophen hervorgerufen werden und solchen nach menschlich verursachten Unglücken?

Ja. Ganz eindeutig. Nur zwei Prozent der Opfer von Naturkatastrophen tragen wirklich schwere Traumata davon. Sie haben Schlimmes erlebt, vielleicht Angehörige verloren, sie trauern, aber das geht vorbei. Die Sinnlosigkeit der Tat fehlt hier. Das war die Natur. Bei Verkehrsunfällen ist das auch so. Bei Terroranschlägen kann man dagegen immer fragen, ob es nicht hätte verhindert werden können, wer schuld ist und wo der Sinn dieser Tat überhaupt liegt.

Christian Lüdke hat zu dieser Thematik übrigens auch ein Hörbuch veröffentlicht: "Wenn die Seele brennt" ist im medhochzwei Verlag erschienen und wird von Ex-Tagesschausprecher Marc Bator gelesen.

Das Interview führte Nina Bogert-Duin.

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