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Coronavirus - "Wir leben in einem immunisierten Zeitalter"

PODCASTSeuchenhistoriker zu Corona  

"Wir leben in einem immunisierten Zeitalter"

Von Ursula Weidenfeld, Marc Krüger

15.04.2020, 06:06 Uhr
Coronavirus - "Wir leben in einem immunisierten Zeitalter". "Die Vorstellung, dass Infektionskrankheiten uns irgendwie bedrohen, ist zurückgegangen", sagt Seuchenhistoriker Malte Thießen. (Quelle: LWL/Kathrin Nolte)

"Die Vorstellung, dass Infektionskrankheiten uns irgendwie bedrohen, ist zurückgegangen", sagt Seuchenhistoriker Malte Thießen. (Quelle: LWL/Kathrin Nolte)

Eine Ausgangsperre nützt in einer Epidemie nur begrenzt, sagt der Seuchenhistoriker Malte Thießen – und erklärt im Podcast, warum Menschen die Schuld am Coronavirus bei den anderen suchen.

Im Kampf gegen das Coronavirus hilft es nicht, von oben etwas zu verordnen, sagt der Historiker Professor Malte Thießen vom Institut für Westfälische Regionalgeschichte in Münster. Aus der historischen Perspektive werde zudem deutlich, dass Restriktionen wie eine Quarantäne nur begrenzten Nutzen hätten, "weil oft das Virus schon sehr viel schneller ist als die Maßnahmen." Wichtiger seien "offensive Aufklärung, Transparenz und Partizipation", sagt der Seuchenexperte im Podcast "Tonspur Wissen". Hören Sie hier die komplette Folge:

Als Beispiel für einen gelungenen Umgang mit Seuchen nennt Thießen die schwere Kinderlähmungs-Epidemie in Deutschland zu Beginn der 1960er-Jahre. Da sei "offensiv aufgeklärt", aber zugleich auch ein "niedrigschwelliges Angebot" der Polio-Schluckimpfung gemacht worden.

Erklärung gesucht, Sündenbock gefunden

Aus Sicht des Historikers wollen die Menschen heute wie früher Erklärungen dafür finden, warum eine Pandemie ausgebrochen ist. Daher kursierten auch jetzt viele Deutungen zum Coronavirus, "die scheinbare Lösungen anbieten, die medizinisch nicht begründet sind, aber zu unseren Ängsten und Hoffnungen passen", sagt Thießen.

So werde die Krankheit fremdgemacht, indem "Randgruppen oder Migranten zum Beispiel zu Sündenböcken oder zu Seuchenträgern erklärt werden", sagt der Experte. Dies sei nicht nur "medizinisch absolut unbegründet", sondern "es lenkt von dem ab, was man selbst wirklich machen kann."

Die Erfolge der Vergangenheit

Die Sorgen der Menschen seien aber auch dadurch zu erklären, dass "etwas zurückzuschlagen scheint, was wir eigentlich so gar nicht kennen", sagt Professor Thießen: "Wir leben in einem immunisierten Zeitalter". Das Gesundheitswesen mit seinen Impfprogrammen sei erfolgreich gewesen. "Die Vorstellung, dass Infektionskrankheiten uns irgendwie bedrohen" sei seit den 1960er Jahren zurückgegangen.

Ein Sonderfall sei die Grippe, die alljährlich auftrete: "Obwohl die Todeszahlen zum Teil ja wirklich erschrecken, sind die Bedrohungen oft gar nicht so groß. Man könnte zynisch sagen: Wir haben ein Stück weit mit den Toten der Grippe leben gelernt."

Alle weiteren Podcast-Themen rund um die Folgen des Coronavirus finden Sie hier in der Übersicht.



Den Podcast "Tonspur Wissen" von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft gibt es in allen Podcast-Apps auf Smartphones und Tablets und bei allen großen Plattformen:

Verwendete Quellen:

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