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Soziologe: "Ostdeutschland ist für mich ein Laboratorium der Demokratie"

"Tonspur Wissen"-Podcast  

"Ostdeutschland ist für mich ein Laboratorium der Demokratie"

Von Ursula Weidenfeld, Marc Krüger, Moritz Bailly

05.03.2021, 16:01 Uhr
Soziologe: "Ostdeutschland ist für mich ein Laboratorium der Demokratie". Steffen Mau: "Wir sehen einen wachsenden Anteil von Leuten, die Politik nur noch aus der Beobachterperspektive wahrnehmen." (Quelle: Marten Körner)

Steffen Mau: "Wir sehen einen wachsenden Anteil von Leuten, die Politik nur noch aus der Beobachterperspektive wahrnehmen." (Quelle: Marten Körner)

Sinkende Wahlbeteiligung, schwache Volksparteien – was passiert gerade mit der politischen Beteiligung in Deutschland? Ein Experte gibt Antworten und erklärt, warum er vor allem auf Ostdeutschland schaut.

Das Parteiensystem in Deutschland sei nicht am Ende, aber das politische Klima habe sich verändert, sagt Steffen Mau: "Ich sehe das eher als schleichenden Prozess." Für diesen nennt der Professor für Makrosoziologie an der Berliner Humboldt-Universität im Podcast "Tonspur Wissen" mehrere Indizien: sinkende Wahlbeteiligung, eine Schwäche der früheren Volksparteien CDU und SPD und dass Wahlausgänge "viel schwerer vorherzusehen und vorauszusagen" seien. Mit Blick auf die Landtags- und Bundestagswahlen sagt Mau im Gespräch mit Moderatorin Ursula Weidenfeld, es werde eine "sehr interessante Wahlperiode". Es seien "auch eine ganze Menge Überraschungen möglich."

Hören Sie hier die komplette Folge "Tonspur Wissen" und abonnieren Sie den Podcast kostenlos bei Spotify oder Apple Podcasts:

Ein Faktor sei die Zersplitterung, erklärt Mau. Beispiel Volksparteien: CDU und SPD seien früher "immer auf 70, 80 Prozent gekommen bei den Landtagswahlen." Ein kleiner Koalitionspartner habe für eine Mehrheit gereicht. "Und das wird jetzt immer schwieriger, sodass wir Dreier- möglicherweise auch mal Viererkombinationen mit sehr unterschiedlichen Farbspektren bekommen." Das bedeute auch, dass künftig "Parteien koalitionsfähiger werden müssen."

"Eine Spirale des Selbstausschlusses"

Auch die Gruppe der Nichtwähler sei ein Faktor, sagt Mau. Es gebe einen wachsenden Anteil an Leuten, "die wirklich Politik nur noch aus der Beobachterperspektive wahrnehmen." Dieses Nicht-Wählen setze eine "Spirale des Selbstausschlusses in Gang".

Diese Spirale beschreibt Mau so: Wenn beispielsweise einkommensschwache oder bildungsferne Gruppen nicht mehr wählen, würden am Ende Parteien sagen, "was sollen wir deren Interessen repräsentieren, weil die sowieso nicht wählen gehen." Die Leute würden dann in der Folge wiederum sagen: "Wir werden durch diese Partei nicht repräsentiert." Das sei ein Problem für die Parteiendemokratie.

Die Folgen der "Westdominanz" im Osten

Ein besonderes Problem sieht Mau in Ostdeutschland. "Das hat natürlich auch etwas mit der DDR zu tun", denn dort habe es "nicht diese politischen Strukturen, auch keine Form demokratischer Beteiligung" gegeben. Aber auch der Prozess der Wiedervereinigung spiele bis heute eine Rolle. Die Ausdehnung der westdeutschen Parteien nach der Wende auf den Osten, "das hat nicht wahnsinnig gut geklappt", sagt Mau.

Diese "Westdominanz im Vereinigungsprozess" habe dazu geführt, dass "viele Leute, die sich vielleicht im Herbst '89 in gewisser Weise als politische Subjekte erst einmal erfunden haben", anschließend wieder die Hände in den Schoß gelegt hätten. Motto: "Jetzt kommen ja die Westeliten und auch die westdeutschen Parteien, die übernehmen das hier."

Warum es politische Parteien bis heute in Ostdeutschland besonders schwer haben, warum das vor allem die AfD stärkt und wie andere Länder mit sogenannten Bürgerräten der Politikverdrossenheit entgegenwirken wollen, hören Sie in der Podcast-Folge von "Tonspur Wissen".

Den Podcast "Tonspur Wissen" von t-online und der Leibniz-Gemeinschaft gibt es in allen Podcast-Apps auf Smartphones und Tablets und bei allen großen Plattformen:

Die Spezial-Folgen von "Tonspur Wissen" zum Coronavirus finden Sie hier in der Übersicht.

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