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Rammstein: Geänderte Liedzeilen – nimmt Band die Vorwürfe nicht ernst?


Spätestens jetzt ist es ein Rammstein-Problem

Von Julian Seiferth

Aktualisiert am 31.07.2023Lesedauer: 3 Min.
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Lindemann: Hat er sich an jungen Frauen vergriffen?Vergrößern des Bildes
Till Lindemann: Bei den Konzerten im Olympiastadion nahm er Bezug auf die Vorwürfe gegen ihn. (Quelle: getty/imago/montage t-online)

Vor 60.000 Fans reißt Rammstein-Sänger Till Lindemann Sprüche über die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn. Seine Band lässt ihn gewähren. Welch ein Armutszeugnis!

Das erste und zweite von drei Rammstein-Konzerten im Berliner Olympiastadion haben Wellen geschlagen. Till Lindemann hat beide Auftritte genutzt – auf seine Art: Am Samstagabend veränderte er den Text des Songs "Angst". Die müsse man nun nicht mehr vor dem "schwarzen Mann" haben, sondern: "Alle haben Angst vor Lindemann!"

Am Sonntagabend beklagte Lindemann während der Ballade "Ohne dich" nicht wie im eigentlichen Songtext, dass die Vögel nicht mehr singen. "Weh mir, oh weh", sang er stattdessen, "und die Sänger vögeln nicht mehr". Dass Lindemann damit auf seine aktuelle Situation anspielt, kann vermutet werden. Mehrere Frauen werfen dem 60-Jährigen seit Monaten vor, seine Machtposition ausgenutzt zu haben, um sexuelle Handlungen an ihnen und anderen vorgenommen zu haben.

Was Lindemann tut, geht weit über seinen Fall hinaus

Warum tut Lindemann das? Ist es der Versuch eines Seitenhiebes von einem Mann, der sich seit Monaten so gut wie ausschließlich durch seine Anwälte geäußert hat? Hält er das für Humor, für witzig, gar tiefsinnig? Viele Rammstein-Texte thematisieren sexuelle Übergriffe, oft wird das mit der Trennung von Kunst und Künstler verteidigt. Doch wie lyrisch ist das lyrische Ich noch, wenn Lindemann so deutlich aus seiner Rolle als Künstler tritt, um zum Kommentator seiner eigenen Situation zu werden?

Ob gewollt oder nicht: Der Sänger verhöhnt mit seinen Worten alle, die sexualisierte Übergriffe erlebt haben und mit ihren traumatischen Erfahrungen an die Öffentlichkeit gehen. Was der Frontmann am Samstag- und Sonntagabend getan hat, geht weit über den Fall Lindemann hinaus.

Denn er zeigt damit allen Zuhörern: Als hypermaskulin inszenierter Mann nimmt er die Vorwürfe und die Frauen, die sie erhoben haben, nicht ernst. In einer Gesellschaft, in der nur ein Bruchteil der sexualisierten Übergriffe angezeigt und in noch weniger Fällen die Täter verurteilt werden, ist das ein verheerendes Signal.

Die Band nimmt die Frauen nicht ernst

Nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe gegen ihren Sänger schrieb die Band: "Die Vorwürfe haben uns alle sehr getroffen und wir nehmen sie außerordentlich ernst. Beteiligt euch nicht an öffentlichen Vorverurteilungen jeglicher Art denen gegenüber, die Anschuldigungen erhoben haben. Sie haben ein Recht auf ihre Sicht der Dinge."

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Es ist ein Armutszeugnis, dass kein Bandmitglied während der Konzerte eingeschritten ist, als Lindemann seine Sprüche riss. So wird dadurch klar: Es ist ein Rammstein-Problem, nicht mehr nur eines, das Till Lindemann betrifft. Die Bandmitglieder nehmen die Angelegenheit und damit die betroffenen Frauen einfach nicht ernst.

Schlagzeuger Christoph Schneider hatte Mitte Juni öffentlichkeitswirksam erklärt, es seien rund um Lindemann "Dinge passiert", die er nicht in Ordnung finde. Auch diese Sätze wirken nun unglaubwürdig. Schließlich ließ auch er Lindemanns Kommentare auf der Bühne zu – zweimal.

Kein Widerstand aus der Band

Dass es innerhalb der Band keine größeren Einwände gegen Lindemanns Textveränderungen gab, legt auch ein Instagram-Beitrag von Gitarrist Richard Kruspe nahe. Anstatt den Frontmann zu kritisieren oder sich einfach gar nicht zu den Berlin-Konzerten zu äußern, schrieb er: "Danke für die magischen Vibes gestern!"

Wie passt das zu einer Band, die sich gegen öffentliche Vorverurteilungen der betroffenen Frauen ausspricht?

Lindemanns Anwälte teilen mit, die Behauptungen, "Frauen seien bei Konzerten mithilfe von K.-o.-Tropfen beziehungsweise Alkohol betäubt worden, um unserem Mandanten zu ermöglichen, sexuelle Handlungen an ihnen vornehmen zu können", seien unwahr. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Lindemann, es gilt die Unschuldsvermutung.*

*Die Berliner Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren gegen Till Lindemann am 29. August eingestellt. Es konnten keine Belege für ein strafbares Verhalten gefunden werden. Hier lesen Sie die Details zu der Entscheidung. Damit handelt es sich bei dem Sänger der Band Rammstein weder offiziell um einen Tatverdächtigen noch um einen Beschuldigten.

Verwendete Quellen
  • Eigene Beobachtungen
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