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Essen: Trinkhallen als Kultorte, Treffpunkte und Nahversorger

Kioske in Essen  

Trinkhallen: Zwischen Kult, Treffpunkt und Nahversorgung

Von Gudrun Heyder

18.06.2019, 17:54 Uhr
Essen: Trinkhallen als Kultorte, Treffpunkte und Nahversorger. Kiosk mit der Aufschrift "Bei 'Mampf' Fred": Die Bude ist ein beliebter Treffpunkt im Essener Viertel Haarzopf/Fulerum. (Quelle: Gudrun Heyder)

Kiosk mit der Aufschrift "Bei 'Mampf' Fred": Die Bude ist ein beliebter Treffpunkt im Essener Viertel Haarzopf/Fulerum. (Quelle: Gudrun Heyder)

Sie sind bunt, vollgestellt und oft eine Institution in ihrem Viertel: Die Stadtteile von Essen sind auch von ihren Trinkhallen geprägt. t-online.de-Autorin Gudrun Heyder begibt sich auf Streifzug durch die Kiosk-Kultur und erinnert sich an ihre ersten Buden-Besuche.

"Eine Tüte Fruchtsmileys bitte!" Erwartungsvoll stand ich vor Herrn Wellmanns Bude an der Vöcklinghauser Straße mitten in Essen. Ich musste nur um die Ecke gehen, um mein erstes Taschengeld in knallharte Gummitaler zu investieren. Herr Wellmann, Herrscher über zahllose süße Klümpkes und jede Menge anderer Waren, griff zu seiner silberfarbenen Zange, zog die Schublade mit den Smileys auf und legte sorgfältig zehn Stück in die weiße Papiertüte. "Bitte sehr!" Hmmhh, lecker.

30 Jahre später. "Erika, machse mich nen Kakau? Und ne Frikadelle kannze bei tun." Der Kiosk bei uns gegenüber ist Treffpunkt für hungrige Müllwerker und Berufsschüler. In der ersten Pause stürmen sie Erikas Bude und ordern Wurstbrötchen, Cola und Teilchen. Erika bedient sie routiniert wie am schneller gestellten Fließband. Später kommen die Angestellten aus den umliegenden Büros. Sie stärken sich mit Würstchen im Brötchen und Kaffee. Dann nehmen sie oft noch eine WAZ, BILD oder Süddeutsche Zeitung mit, je nachdem.

Erika ist immer freundlich, bei ihr ist der Kunde noch König. Obwohl sie sechs Mal in der Woche um drei Uhr aufsteht, um bei Tagesanbruch ihr knarzendes Rolltor hochzuziehen. Am siebten Tage kann sie "ausschlafen" – bis kurz vor fünf! Dafür ist sonntags um elf Uhr Schluss.

Gemüse is‘ hier nich. An der Bude geht es um zügige Fütterung mit fettigem Fastfood. Wer schnell satt werden will und ein Quätschchen halten möchte, geht an die Trinkhalle. So heißen die Buden korrekt, aber erstens sind es keine Hallen, sondern wenige vollgestopfte Quadratmeter, zweitens gibt’s auch was zu essen und drittens lebensnotwendige Artikel wie Kaffepulver, H-Milch, Dosenaprikosen, Tampons und Zigaretten.

Entstehung der Trinkhallen im Ruhrgebiet – Selterswasser für Arbeiter

Trinkhalle war früher, als die Buden in der Hochphase der Industrialisierung entstanden. Sie dienten Ende des 19. Jahrhunderts dem Straßenverkauf von Mineralwasser mit dem Ziel, den immer mehr Alkohol konsumierenden Arbeitern eine Alternative zu bieten. Ein weiterer Grund für ihre Verbreitung war, dass es im Ruhrgebiet nach wie vor zu Epidemien kam. Kommunen, Großunternehmen, Zechen und Industriebetriebe teilten die neue Einnahmequelle unter sich auf. In Arbeitersiedlungen, auf Werksgeländen, vor Zechen und Hüttenwerken – überall waren nun Verkaufshallen für Selterswasser zu finden. Schließlich nannte man sie Seltersbuden, dann nur noch Buden.

Gerade vor den Zecheneingängen standen oftmals Buden. Wenn die Lohntüten mit Barem ausgehändigt wurden, strömten die „Kumpel“ zur Trinkhalle, um Bier zu kaufen. Denn Flaschenbier durften Buden feilbieten. Seit 2018 ist der Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet Geschichte, aber die Tradition der Buden ist geblieben. Ihre Blütezeit erlebten sie in den Wirtschaftswunderjahren der 1950-er Jahre. Mit der Bergbaukrise und dem Rückzug der Schwerindustrie aus dem Ruhrgebiet schwanden auch die "Wohnzimmer des Reviers". 

Ende der 19990-er Jahre nahm sich die Kabarettszene im Revier erfolgreich der Buden an, unter anderem die Missfits und Herbert Knebel in der "RuhrRevue". Atze Schröder verkörperte in der RTL-Serie "Alles Atze" einen machomäßigen Budenbesitzer aus dem nördlichen Arbeiterstadtteil Essen-Kray. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 nahm die Aktion "Designkiosk Ruhr 2010" die Buden in den Fokus. 2016 adelte sie die Ruhr Tourismus GmbH, indem sie den 1. Tag der Trinkhallen ausrief. 2018 legte sie das erfolgreiche Event noch einmal auf, 2020 soll der Buden-Tag erneut stattfinden.   

Zwei Essener Kultbuden: "Kiosk am Rüttenscheider" und "Bei Mampf-Fred"

Etwa 8.000 Buden gibt es laut Regionalverband Ruhrgebiet noch im ehemaligen Kohlenpott. Ihre Anzahl nimmt auch in Essen stetig ab, aber sie gehören nach wie vor zur Alltagskultur. Ihr Angebot ähnelt dem der Tankstellen, aber jede Bude hat ihren individuellen Charakter: oft etwas schabbelig, mal etwas aufgehübscht, mal mit der Mülltonne direkt neben dem Kunststoffstehtisch. Das Alleinstellungsmerkmal der Buden ist die persönliche Atmosphäre. Einsame Herzen können hier auftanken, bei einem Bier und ein paar knappen Sätzen. "Wie geht’s? - "Muss. Ich hab‘ Rücken". "Kennich. Und sonst" - "Wie immer." So ersetzen sie auch die ausgestorbene Spezies der Tante- Emma-Läden.

Die Aufschrift der Bude am Rüttenscheider Platz wurde vom Künstler Albert Hien geschaffen. (Quelle: Gudrun Heyder)Die Aufschrift der Bude am Rüttenscheider Platz wurde vom Künstler Albert Hien geschaffen. (Quelle: Gudrun Heyder)

"dasoertliche.de" weist 20 Treffer bei Trinkhallen in Essen auf, 68 bei Kiosken. "gelbeseiten.de" kommt auf 34 Trinkhallen und 57 Kioske. Bei 50 Stadtteilen macht das gut eine Bude pro Stadtteil, wobei im industriell geprägten Norden wesentlich mehr davon stehen als im grünen Süden. (Die A40 unterteilt die Großstadt in West-Ost-Richtung in die ärmere Nordhälfte und die wohlhabendere Südhälfte.) 

Zu den Kultexemplaren zählt der "Kiosk am Rüttenscheider" im angesagten Viertel Rüttenscheid. Hier leben viele Hipster, ökologisch Bewegte und Kreativschaffende. Der Rüttenscheider Markt ist sehr beliebt. Den Kiosk gibt es dort seit knapp 40 Jahren. Sein Dach schmückt die berühmte ZOO-Leuchtskulptur des Künstlers Albert Hien. Im Auftrag des Museum Folkwang schuf er die Installation im Rahmen der Aktion "Folkwang´87".

Zwei große rote Buchstaben und Zickkzackpfeile aus Leuchtstoffröhren bilden das Wort ZOO. Die Pfeile führen mitnichten zu einem Tierpark, sondern zu den öffentlichen Toiletten rechts und links vom Kiosk – sprich "00". Hien verstand Bude und Lichtinstallation als Gesamtkunstwerk. Nachdem die Skulptur lange Jahre nicht mehr strahlte, brachte sie die Spendeninitiative "Zoo muss leuchten" 2016 wieder in Betrieb.

Seit über 100 Jahren soll eine andere Kultbude bestehen: "Bei Mampf-Fred", am Kreisverkehr der Humboldtstraße in Haarzopf/Fulerum gelegen, nahe des riesigen Einkaufszentrums Rhein-Ruhr-Zentrum. Etwa 20 Jahre lang war Familie Kowalke Inhaber des Traditions-Kiosks, erst Vater Manfred, seit 2010 Tochter Jessica, gelernte Zootierpflegerin. Der stadtweit bekannte Kiosk bestand ursprünglich aus einer Holzhütte.

Anja Steinhauer arbeitet seit vier Jahren als Verkäuferin bei „Mampf-Fred“.  (Quelle: Gudrun Heyder)Anja Steinhauer arbeitet seit vier Jahren als Verkäuferin bei „Mampf-Fred“. (Quelle: Gudrun Heyder)

Als sie Ende der 90er-Jahre abbrannte, kämpfte Manfred Kowalke bei der Stadt darum, den Kiosk als Container wieder aufmachen zu können. Wer bei Mampf-Fred vorbeifährt, schmunzelt über den Namen, und der Namensgeber konnte gut zuhören. Ein Muss für Budenbesitzer. Ob nüchtern oder alkoholisiert, die Besucher schütten gerne mal ihr Herz aus. Also dienen Budenmann oder -frau auch als Hobbyseelsorger.  

Die soziale Funktion der Buden – zwangloser Treffpunkt für alle

Das kennzeichnet die Buden ohnehin: Hier treffen die sozialen Schichten, Generationen, "Biodeutsche" und Menschen mit "Migrationshintergrund" aufeinander. Etwa die Hälfte der Kioske betreiben heute Migranten. Kaltgetränke und Eis mag fast jeder, und Kleinigkeiten besorgt man eben hier, wenn der Supermarkt zu hat oder weiter weg liegt. Schulkinder kaufen immer noch gerne ihre "gemischten Tüten" mit Süßkram. Frauen finden die aktuelle Klatschpresse vor und ältere Leute, die riesige anonyme Discounter scheuen, brauchen ihren Kiosk ebenfalls. Und ganz wichtig: Sonntagsmorgens kann man sogar in Puschen zur Bude schlurfen, um Brötchen zu holen. Erika drückt ihren noch maulfaulen Stammkunden dann wortlos die fertig gepackte Tüte mit den Lieblingssorten in die Hand.

Die schlichte Bude hat das Bild vom Ruhrgebiet mitgeprägt und erfüllt immer noch eine wichtige soziale Funktion. Ihr Image wurde hochgejazzt bis zur "Ikone der regionalen Identität". Den Kunden der Essener Buden Hexenstübchen am Walpurgistal, Kiosk Meteor Arslan, Tannes Büdchen, Zum Sporttreff und wie sie alle heißen, dürfte der Ikonenstatus egal sein. Hauptsache, "dat is lecker hier" und Du triffst wen.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche 

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