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KZ-Überlebender: "Habe mich unsichtbar gemacht"

Hamburg  

KZ-Überlebender: "Habe mich unsichtbar gemacht"

05.02.2020, 03:01 Uhr | dpa

KZ-Überlebender: "Habe mich unsichtbar gemacht". Angeklagter wird in Rollstuhl aus Gerichtssaal gebracht

Der Angeklagte wird am Ende des Verhandlungstages in einem Rollstuhl aus dem Gerichtssaal gebracht. Foto: Markus Scholz/dpa (Quelle: dpa)

Als Gefangener im KZ Stutthof erlebte Henri Zajdenwerger Schläge, Hunger und Hinrichtungen. Genau hinsehen wollte der jüdische Häftling aber lieber nicht, wie er am Mittwoch im Hamburger Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann des Lagers bei Danzig erklärte. Er habe versucht, das Elend auszublenden. "Ich habe mich unsichtbar gemacht", sagte der 92 Jahre alte Zeuge aus Frankreich. "Ich hatte Angst, wie soll ich sagen, ich war kein Held." Darum habe er die Wachtürme auch nur von weitem gesehen.

Dem 93 Jahre alten Angeklagten wird Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen. Durch seinen Wachdienst von August 1944 bis April 1945 soll er "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben. Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Gefangenen zu verhindern, heißt es in der Anklage.

Nicht enden wollende Appelle zählen zu den schlimmsten Erinnerungen von Zajdenwerger. Stundenlang hätten die Gefangenen im Herbst und Winter 1944/45 neben den Baracken stehen müssen, berichtete der Zeuge. Einmal hätten die Gefangenen dabei einer Hinrichtung zusehen müssen. Der Mithäftling habe zur Abschreckung den ganzen Tag bis zum Abend am Galgen gehangen. Er habe auch gesehen, wie SS-Männer und Kapos Häftlinge schlugen. "Man hatte wahrscheinlich mehr Respekt für Tiere als für uns", sagte der 92-Jährige aus Paris.

Seine polnischen Eltern hätten in den 1920er Jahren ihr Heimatland wegen der dortigen Pogrome verlassen und seien nach Frankreich gegangen. Im Februar 1944 habe man ihn in der westfranzösischen Stadt Angoulême verhaftet und über Litauen nach Estland deportiert. Auf einem Flugplatz der deutschen Luftwaffe in Tallinn habe er Zwangsarbeit leisten müssen. Wegen des Heranrückens der Russen sei er mit Hunderten anderen Deportierten über die Ostsee nach Danzig gebracht worden. Anfang September 1944 sei er in Stutthof angekommen.

Er habe in einem Waldkommando Bäume fällen müssen. Um ihn herum seien die Gefangenen an Hunger, Erschöpfung und Krankheit gestorben. Auch ein Mithäftling, der Boxer war, habe nicht lange überlebt. Sein eigenes Überleben verdanke er unter anderem einem dänischen Gefangenen, mit dem er sich anfreundete. Dieser sei als Regierungsbeamter privilegiert gewesen und habe Päckchen von zu Hause empfangen dürfen. Manchmal habe der Däne ihm Schokolade geschenkt. Als er von den Russen befreit wurde, habe er allerdings nur noch 30 Kilo gewogen.

Dem Angeklagten persönlich habe er nichts zu sagen, erklärte Zajdenwerger auf eine entsprechende Frage der Vorsitzenden Richterin und fügte hinzu. "Er (der Angeklagte) müsste sich mit seinem eigenen Gewissen auseinandersetzen, ob das menschlich war oder nicht."

Zajdenwerger verwies auch auf die unterschiedlichen Umstände, in denen er und der fast gleichaltrige Angeklagte aufwuchsen: "Ich wurde in einer Republik groß, in der die Werte der Toleranz und Freiheit galten, er in einem totalitären Regime mit Rassismus und Antisemitismus, aber keiner Freiheit." Er verstehe nur nicht, warum dieser Mann erst heute angeklagt werde. Richterin Anne Meier-Göring erwiderte: "Das verstehen wir alle nicht. Das ist ein großes Versagen der deutschen Justiz."

Während der Aussage Zajdenwergers, die von einer Dolmetscherin nahezu simultan übersetzt wurde, zeigte der Angeklagte Anzeichen von Schwäche. "Ich bekomme nicht mit, was hier gesprochen wird", sagte er auf eine Frage der Richterin. Sie forderte ihn auf, einen Schluck zu trinken, und unterbrach die Verhandlung.

Die deutsch-französische Journalistin Beate Klarsfeld (80), die in Begleitung von Zajdenwerger gekommen war, sagte in der Pause: "Der Angeklagte spielt eine Komödie." Er sehe doch noch ganz gut aus. Es sei wichtig, dass man ihn vor Gericht stelle, auch wenn das nur symbolisch sei. Der Prozess habe eine gesellschaftliche und politische Bedeutung: "Die Rechtspopulisten in Frankreich und auch hier bei uns in Deutschland die AfD sind dabei, an Stimmen zu gewinnen. Das müssen wir verhindern. Und dabei kann der Prozess helfen", meinte die Ehefrau von Nazijäger Serge Klarsfeld.

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