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KZ-Überlebende Esther Bejarano mit 96 Jahren gestorben

Hamburg  

KZ-Überlebende Esther Bejarano mit 96 Jahren gestorben

10.07.2021, 11:20 Uhr | dpa

KZ-Überlebende Esther Bejarano mit 96 Jahren gestorben. Esther Bejarano, deutsch-jüdische Überlebende des KZ Auschwitz

Esther Bejarano, deutsch-jüdische Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, sitzt in einem Sessel in ihrer Wohnung. Foto: Axel Heimken/dpa/Archivbild (Quelle: dpa)

Sie überlebte den Holocaust, weil sie im Mädchenorchester von Auschwitz spielte. Jetzt ist Esther Bejarano im Alter von 96 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben. Das bestätigte Helga Obens vom Vorstand des Auschwitz-Komitees am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Sie sei am frühen Morgen friedlich im Israelitischen Krankenhaus eingeschlafen. "Sie hat nicht gelitten", sagte Bejaranos enge Freundin weiter. Auch sei sie nicht allein gewesen, weil ihre Familie und ihre Freundinnen und Freunde in den letzten schweren Tagen bei ihr waren. Zuvor hatten mehrere Medien berichtet.

"Wir trauern gemeinsam mit ihrer Familie um diese großartige, mutige und unerschütterliche Frau, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, Antifaschistin, Vorsitzende des Auschwitz-Komitees und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes -Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Sängerin, Zeugin der Zeit", teilte das Auschwitz-Komitee dazu mit. "Heute wollen wir innehalten. Und schweigen und trauern. Um dann Esther Bejaranos Auftrag zu erfüllen: "Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht"."

Bejarano engagierte sich Jahrzehnte lang gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, wofür sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Zusammen mit ihrem Sohn Joram und ihrer Tochter Edna sang sie jüdische und antifaschistische Lieder, zuletzt tourten sie mit der Kölner Hip-Hop-Band Microphone Mafia durch Deutschland. Im Mai dieses Jahres hatte sie noch mit einer Lesung an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten in Hamburg erinnert.

Außenminister Heiko Maas würdigte Bejarano am Samstag auf Twitter als "wichtige Stimme im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus". In seinem Post schrieb er weiter: "Die wundervolle Ester Bejarano überzeugte mit ihrer Lebenskraft und unglaublichen Geschichte. Ihre Stimme wird uns fehlen".

Das Internationale Auschwitz-Komitee erinnerte an das Schaffen der mutigen Frau. "Ihre Gabe, Menschen für die Bewahrung der Erinnerung zu gewinnen war ebenso legendär wie ihr Zorn über die Dummheit des Rechtsextremismus und den überall hervorbrechenden Antisemitismus, der sie zutiefst verstörte", sagte Vizepräsident Christoph Heubner. Dennoch sei Hass für sie nie eine Option gewesen. "Mit Esthers Bejaranos Tod ist die Welt ein Stück dunkler geworden, obwohl uns gerade dieser eine Mensch so viel Licht geschenkt hat. Wir werden sie in diesen Tagen des anwachsenden Rechtsextremismus schmerzlich vermissen."

Hamburgs Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) teilte mit, Bejarano habe "wie kaum jemand an die Gräuel der NS-Verbrechen erinnert und jahrzehntelang Menschen aller Altersgruppen für dieses Thema wachgerüttelt". Mit dem Tod der Zeitzeugen endeten auch die persönlichen Erinnerungen an die Verbrechen der Nazidiktatur und der Shoah. "Ihre unerschütterliche Stimme gegen Rassismus und Antisemitismus werden wir schmerzlich vermissen."

Die Linken wollen Bejarnos Weg weiter folgen. "Sie ist ein Vorbild für uns und ihr Lebensweg bleibt uns ein Auftrag", sagten die Linke-Bundesvorsitzenden Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow. Sie zitierten zudem einer ihrer berühmten Sätze: "Den jungen Leuten sage ich: Ihr habt keine Schuld an dem was passiert ist. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt." Und ergänzten: "Wir werden weiter wissen wollen, uns weiter der extremen Rechten entgegen stellen, auch im Gedenken an Esther Bejaranos Lebenswerk."

Der saarländische Landtagspräsident Stephan Toscani erklärte: "Wir verlieren mit ihr eine Zeitzeugin, die ihr Leben in den Dienst der Erinnerung und der Versöhnung gestellt hat." Generationen von Schülerinnen und Schülern erinnerten sich an sie als Mahnerin gegen Antisemitismus und für Menschlichkeit. Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) betonte: "Ihr Engagement bleibt uns allen Auftrag: Gegen Antisemitismus und für Mitmenschlichkeit!"

Die Saarländische Gesellschaft für Kulturpolitik sprach von einer unermüdlichen Stimme im Kampf gegen den Faschismus. Die CDU in ihrer Geburtsstadt Saarlouis kündigte an, Bejarano mit einer Straßenbenennung zu würdigen.

Geboren wurde Bejarano am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Tochter eines jüdischen Oberkantors. Ihre Eltern wurden 1941 von den Nazis in Litauen umgebracht, sie selbst musste in einem Lager Zwangsarbeit leisten, bevor sie Anfang 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde. Dort überlebte sie nur, weil sie im Mädchenorchester des Lagers Akkordeon spielte. Nach dem Krieg wanderte die junge Frau nach Israel aus, kehrte 1960 jedoch mit ihrem Ehemann nach Deutschland zurück.

Zusammen mit Tochter Edna und Sohn Joram gründete Bejarano Anfang der 1980er Jahre die Gruppe Coincidence mit Liedern aus dem Ghetto und jüdischen sowie antifaschistischen Liedern. Für ihr künstlerisches Engagement erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Biermann-Ratjen-Medaille der Stadt Hamburg, die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte und das Bundesverdienstkreuz.

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