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Hamburg: Rapper Reeperbahn Kareem holt Kinder mit Box-Training von der Straße

Im Herzen Hamburgs  

Rapper holt Kinder mit Box-Training von der Straße

Von Eva Puschmann

02.08.2021, 07:31 Uhr
Hamburg: Rapper Reeperbahn Kareem holt Kinder mit Box-Training von der Straße. Kareem und Nassy auf dem Sportplatz des Silbersack Hood Gym: Zusammen mit ihrem Bruder Jameel wollen die beiden das Programm für Kinder und Jugendliche noch erweitern. (Quelle: Ströer)

Kareem und Nassy auf dem Sportplatz des Silbersack Hood Gym: Zusammen mit ihrem Bruder Jameel wollen die beiden das Programm für Kinder und Jugendliche noch erweitern. (Quelle: Ströer)

Onkel, Erzieher, Trainer und Ersatzvater: Beim Hamburger Silbersack Hood Gym ist Kareem Ahmed alles in einer Person. Der Rapper und seine Geschwister wollten eigentlich gar kein soziales Projekt aufbauen – nun können sie sich ein Ende nicht vorstellen. 

Mitten im Herzen St. Paulis in Hamburg hat alles begonnen. Schon im vergangenen Jahr trainierte hier Rapper Kareem Ahmed zusammen mit einigen Freunden und seinem Bruder. In der Corona-Pandemie durfte seine eigene Boxhalle für die Fitnessbegeisterten nicht öffnen – eine Alternative musste her.

Kareem erinnert sich: "Ein kleiner Junge ist gekommen, er hieß Mohammed, und hat gefragt, ob er mitmachen kann." Dann kamen Tag für Tag mehr Kinder dazu. Sie hätten zunächst nur zugeguckt, dann wollten sie auch teilnehmen, erklärt Kareems Schwester Nassy.

"Und dann ist so ein Hype ausgebrochen", so der Rapper. Immer mehr Kinder und Jugendliche aus der Umgebung kamen zum gemeinsamen Box-Training dazu. Heute gibt Ahmed zusammen mit 13 weiteren Trainern und Trainerinnen unter der Woche auf dem Sportplatz täglich Box-Unterricht für 30 bis 40 Kinder und etwa 20 Jugendliche. 

Aus Nachbarn werden Freunde

"Die Kinder hier sind sehr aufgeschlossen", meint der Boxer. Berührungsängste hätten die Kinder nicht gehabt. Einige der kleinen Box-Talente seien auf sich allein gestellt und gerade während der Corona-Pandemie viel alleine. "Da kommt in unserer Gegend nichts Gutes bei heraus", so Kareem.

Die drei Geschwister sind in dem Kiez mittlerweile zu einer Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche geworden. Aus den Sportbegeisterten wurde eine eingeschworene Gemeinschaft.

Raues Pflaster – rauer Sport

Ein großes Problem in der Nachbarschaft sei die Gewalt, berichtet Ahmed. "Die Kinder wissen gar nicht, was für Kräfte sie besitzen und was sie damit anrichten", erklärt er. "Eigentlich ist es auch ein brutaler Sport, den wir hier machen". Darin sieht der Trainer allerdings kein Problem. Durch den Sport habe er einen Zugang zu den Kindern und Jugendlichen gefunden.

Ein großer Bestandteil der gemeinsamen Nachmittage auf dem Sportplatz bestehe aus Reden. Gegenseitiger Respekt, Anerkennung und Loyalität sind dabei wichtige Lektionen, die im Vordergrund stehen. Feindbilder und Rollen sollen miteinander beseitigt werden. "So kann man das alles hinter sich lassen und eine Einheit werden – eine Sporttruppe."

Täglich kommen 30 bis 40 Kinder und etwa 20 Jugendliche zum Training mitten auf St. Pauli. (Quelle: Ströer)Täglich kommen 30 bis 40 Kinder und etwa 20 Jugendliche zum Training mitten auf St. Pauli. (Quelle: Ströer)

"Sachen werden ganz anders auf dem Sportplatz geklärt, ohne dass die Eltern gerufen werden müssen, ohne dass die Polizei kommt", erklärt Kareem Ahmed. Beim Training könne alles passieren, Streit und Unstimmigkeiten. Aber nach dem Training soll niemand im Streit den Platz verlassen. Ein Verabschiedungsritual und eine kleine Ansprache vom Trainer gehören zum Abschluss der gemeinsamen Zeit, so Nassy Ahmed-Buscher.

Zusammenarbeit mit Polizei und Jugendhäusern

Obwohl das Training nur von 15 bis 17 Uhr stattfindet, geht der Zusammenhalt noch weit über die Zeiten hinaus. "Ich stehe mit allen Familien in Kontakt", erzählt der Rapper. Teilweise ist er mit den Eltern seiner Schützlinge zur Schule gegangen und kennt sie schon mehrere Jahre. Durch das Training habe er noch einmal einen ganz anderen Einblick in verschiedene Situationen erhalten.

Das bringt ihn manchmal selbst in die Position eines Vermittlers. Auch der Kontakt mit den umliegenden Jugendeinrichtungen und der Polizei auf dem Kiez ist den Verantwortlichen des Silbersack Hood Gym wichtig: "Wir arbeiten auch mit den Schulen und Tagesgruppen zusammen und sprechen uns mit Betreuern und Lehrern ab."

Wenn ein Kind aus der Reihe tanzt oder sich nicht gut benimmt, seien die Betreuer gefordert, einzugreifen. Aber auch seine Schützlinge könnten sich bei Problemen immer an ihn wenden und haben für den Notfall seine Handynummer.

Spendenwillige Nachbarschaft

Aus der Nachbarschaft haben die Geschwister schon früh Unterstützung erfahren. Während die einen mit den Kindern und Jugendlichen bei Reinigungsaktionen auf dem Sportplatz helfen, andere mit Getränken bei heißen Temperaturen vorbeikommen, haben die Initiatoren bald auch finanzielle Hilfen beispielsweise von Ingredion Germany, der Bürgerstiftung Hamburg und der Hamburgische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. bekommen. 

Auch die Polizei stärkt der Sportgemeinschaft den Rücken. "Uns wurde der Sportplatz zugesichert und uns darf hier niemand wegschicken", erklärt der Trainer. 

Weitere Projekte für die Zukunft geplant

Mittlerweile haben die Geschwister zusätzlich ein Nachhilfeprogramm gestartet. Aber auch dabei soll es nicht bleiben. Der Sportbereich des Silbersack Hood Gym solle als Zugpferd für zahlreiche Angebote fungieren, erklärt Nassy Ahmed-Buscher. Kunst-, Musik- und Bildungsangebote sollen aus dem unerwarteten Projekt noch geboren werden.

"Ich bin fest davon überzeugt, dass man bei dieser Generation noch viel bewirken kann, wenn man ein paar Dinge in die Hand nimmt", sagt Kareem Ahmed und ist zuversichtlich. Gerade durch die Corona-Pandemie sei so viel auf der Strecke geblieben, das jetzt wieder aufgefangen werden müsse. "Jetzt haben wir gesehen, dass wir dagegen etwas machen können und jetzt sind wir dabei – jetzt haben wir Blut geleckt!"

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Nassy Ahmed-Buscher und Kareem Ahmed

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